Über allem steht die Liebe

Jedes Unternehmen hat ein Leitbild, sucht nach Qualitätsstandards. Selbst Kindertagesstätten und Kirchengemeinden beteiligen sich hier, obwohl man das in diesen Bereichen lange nicht für sinnvoll und machbar hielt, Qualitätsvorstellung zu entwickeln.

Qualität ist zwar nicht immer in Zahlen messbar. Aber beschreibbar ist schon, was Qualität für mich bedeutet. Es kommt immer nur auf die Maßstäbe an.

Da hatte doch der Apostel Paulus, als er an eine ihm unbekannte Gemeinde in der Hauptstadt Rom schrieb, ein solches Leitbild beschrieben, Qualitätsmerkmale aufgezeigt, vielleicht auch uns Hinweise gegeben, wie ein solche Leitbild, ein Qualitätsmerkmal Kirchengemeinde aussehen könnte:

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Verhaltensregeln stoßen auf Widerstand. Sie sind peinlich. Aber manchmal trotzdem angebracht, gerade dann, wenn es um Qualität geht. Jeder Mensch wird besser werden können, wenn er sich auch mal Kritik und Ermahnungen anhört und nicht immer auf Abwehr umschaltet. Jeder Mensch gewinnt Chancen und Möglichkeiten, wenn er lernt gerade dann hinzuhören, wenn kritische Äußerungen kommen.

Paulus Ermahnungen gehören in eine ähnliche Kategorie. Sie sind ein Impulspapier, wie Kirche in der Freiheit der Kinder Gottes leben kann. Er ermahnt Kirche nicht, weil er alles für schlecht hält, sondern weil er auch das Gute für verbesserungswürdig hält.

Wir verstehen Paulus falsch, wenn wir die Angriffe für absolute Kritik halten. Auch Kritik ist immer relativ, abhängig davon, wer sie woran übt. Gut Kritik will nicht kritisieren. Sie will verbessern. Nur manchmal kommt sie nicht so an. Weil der Kritiker sich zu hart ausdrückt oder weil der Kritisierte das Angebot nicht hört und nicht wahrnimmt.

Gemeinde existiert als Gemeinde von Schwestern und Brüdern. Und Gemeinde lebt aus Charismen, aus Begabungen, die Einzelne für die Gemeinde einbringen. Dafür darf die Gemeinde erst einmal dankbar sein. Diesen Dank betont Paulus an anderer Stelle. Allerdings dürfen wir auch zugeben, dass das Danke-sagen nicht zu den Stärken des Apostels zählte. Er war dazu viel zu eifrig, wollte eher immer mehr, als einmal zufrieden mit dem Erreichten zu sein. Dabei ringt er sehr emotional um seine Gemeinde. Wir können vermuten, dass er in persönlichen Gesprächen ganz anders umgegangen ist mit den Menschen, die ihm derart nahe standen. Aber das erfahren wir nur teilweise aus seinen Briefen.

Aber wir erfahren sehr deutlich in welche Richtung Gemeinde wachsen muss. Erst einmal muss sie zusammenwachsen. Es gibt in der Gemeinde Jesu Christi keinen neutralen Standpunkt. Wer zu Christus gehört, gehört zu seiner Gemeinde als Teil einer Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern. Seine Gaben gehören dem Leib Christi. Christus lebt in der Gemeinde.

Und seine Gemeinde lebt darin, dass sie das Miteinander lebt – nicht als notwendiges Übel, sondern in fröhlicher Gemeinschaft. Dieser fröhlichen Gemeinschaft müssen sich all diese Ermahnungen unterordnen. Sie sind nicht als Gesetz zu verstehen, sondern als Leitlinie: Nur so kann miteinander gelingen, wenn wir einender ermahnen und auf Ermahnungen hören, wenn wir einander ermutigen und uns miteinander freuen und miteinander leiden.

Vor allem lebt Gemeinde aus der Liebe, aus einer Emotionalität, die hier bei Paulus zu spüren ist, mit der er um Glaubensleben in der (ihm unbekannten) Gemeinde in Rom ringt.

Ziel ist die Liebe und nicht ein ‚Seid nett zueinander‘, zu dem die Liebe in christlichem Kontext oft verkitscht wird. Liebe kennt Gut und Böse. Sie liebt Menschen, aber nicht immer deren Handeln. Liebe nimmt wahr, was in Unordnung geraten ist und versucht daran zu arbeiten.

Einander dienen heißt auch einander zuhören aufeinander hören, die Gaben der Anderen gelten zu lassen.

In dieser Weise versucht Paulus zu beschreiben, wie sein Ideal von Gemeindeleben aussieht:

Da gibt es Menschen, die barmherzig und voller Liebe sind, die einander Dinge sagen und Dinge verzeihen, die Ämter übernehmen, auf Dinge verzichten, um Gemeinde voranzubringen. Da gibt es Menschen, die machen ihren Mitmenschen Mut und Hoffnung, trösten die Trauernden und begleiten die Sterbenden. Da gibt es Menschen, die Segen sprechen auch über Menschen, die ihnen feindlich begegnen und das bedeutet Einiges in einem Staat, in dem die christliche Gemeinde zeitweilig mit Feuer und Schwert verfolgt wird.

Über allem aber steht die Liebe, mit der die Gemeinde geliebt wird. In diesem Selbstbewusstsein: Wir sind Gemeinde, die der Herr liebt, lässt sich manches ertragen und Leben gestalten. Dazu will Paulus Mut machen damals wie heute.

Christus, sagt er, kann ich nicht betrachten wie ein Bild, auch nicht wie ein Vorbild. Er zieht mich in Bann, in Verantwortung hinein. Er gibt meinem Leben neuen Sinn und neues Ziel. Was das in meinem Alltag im Jahre des Herrn 2010 bedeutet, muss ich allerdings selber herausfinden.

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