Paulus und Herr Gollwitzer

„In einem großen Mißverständnis dessen, was christlich „Glauben“ heißt, meinen viele, man hätte Christen produziert, wenn man Menschen dazu bringt, zu bestimmten Glaubenssätzen Ja zu sagen.“
So sieht es der Theologe Helmut Gollwitzer und legt nach: „Der Text enthält keine solchen Sätze!“

Liebe Gemeinde,

Recht hat er der alte Theologe. Ein Glaubenssatz will durchdrungen sein, ein Glaubenssatz will durchdringen. Es reicht nicht aus, einen Satz einfach nur nach zu sprechen. Ganz praktisch bedeutet das: Wer im neuen Jahr nur den Vorsatz ausspricht, dass er das Rauchen aufgeben möchte ändert damit noch nichts an seinem Verhalten. Das gleiche gilt im Übrigen auch für das Vorhaben, zehn Kilo zu verlieren. Es will getan werden, sonst ändert sich nichts.

Aber was braucht es, um den Lebensstil zu ändern? Ein Anreiz ist immer gut. Eine Aussicht darauf, dass etwas besser wird. Zum Beispiel, dass man nach 10 Treppenstufen nicht schon so außer Atem ist, wie ein Fußballer nach 90 Minuten intensivem Spiels. Ein schöner Ausblick ist das! Aber der kommt nicht von selbst! Das ist in diesem Fall so wie mit allen Dingen im Leben: Von nichts kommt nichts. Wer schon mal intensiv eine Partie Billard gespielt hat, weiß das ganz genau.

Aber, ach, es kostet soviel Anstrengung. Man muss sich aufraffen, womöglich Laufschuhe kaufen und sich Zeit frei schaufeln. Und wenn es dann auch noch schneit und es kalt ist, da fallen einem viele gute Gründe ein, warum man jetzt nicht laufen gehen kann. Und dann der Stress im Büro. Das Rauchen aufgeben? Jetzt? Niemals. Das schaffe ich jetzt nicht. Aber sein Gewissen beruhigen, das geht immer. Ich höre morgen auf! Ich fange morgen an! Ehrlich! Schon kann man sich ganz beruhigt auf das Sofa fallen lassen und in den Kissen versinken und sich der Zerstreuungsindustrie hingeben, die einem erzählt was man hören will. Das man nämlich beim Verzehr von Light-Produkten kein schlechtes Gewissen mehr haben muss.

Liebe Gemeinde, schön und gut. Aber lassen Sie sich bei solch einem Verhalten nicht von Paulus oder Herrn Gollwitzer erwischen. Die sehen das nämlich ganz anders.

Hören wir zunächst, was Paulus den Römern, aber auch uns zu sagen hat!

[TEXT]

Puuh, dann doch lieber nur einen Vorsatz fassen und bei Zeiten wieder fallen lassen als diesem bunten Strauß an Forderungen zu folgen? Wie gesagt, lassen Sie das nicht die beiden alten hören.

Denn Herr Gollwitzer könnte über solche Ausflüchte in die Bequemlichkeit nur milde Lächeln. Schreibt er doch: „Was an einer Gemeinde christlich ist, wieweit sie wirklich und nicht nur dem Namen nach christlich ist, das kommt offenbar nicht schon bei ihrem Bekenntnis heraus, sondern erst bei ihrem Leben, nicht in der Theorie, sondern erst bei der Praxis…“

Auch die Berufung auf eine Anti-Totalitäre Erziehung hilft Ihnen an dieser Stelle nicht. Erinnern wir uns an den Beginn und daran, was es über Vorsätze und Glaubenssätze zu sagen gab: Zum einen wollen sie selber durchdringen und zum anderen wollen sie durchdrungen werden.

Eine abwertende Geste und ein „das sind mir zu viele Forderungen und Befehle“ hilft dann auch nicht mehr. Denn Paulus redet nicht in und schon gar nicht von Imperativen oder gar von Forderungen. Für Paulus ist das, was hier an die Gemeinde in Rom adressiert ist, nicht etwa eine absurde Befehlskette, sondern schlicht und einfach verschiedene Folgerungen, die sich einfach aus einem Leben mit Gott und Jesus Christus ergeben.

Es ist wie mit den Vorsätzen. Wenn wir begriffen haben, dass Rauchen nun wirklich schädlich ist und all das für uns durchdrungen haben und von dem tiefen Gedanken beseelt sind, dass dieser Umstand zu ändern ist, dann tun wir das. Wenn wir verstanden haben, dass man den überflüssigen Kilos nicht als Couchpotatote beikommen kann, dann ändern wir das.

Aber auch hier wartet eine Falle auf uns, nämlich die, einfach etwas auf- oder nachzusagen. Denken wir noch einmal an Herrn Gollwitzer.

„In einem großen Mißverständnis dessen, was christlich „Glauben“ heißt, meinen viele, man hätte Christen produziert, wenn man Menschen dazu bringt, zu bestimmten Glaubenssätzen Ja zu sagen.“

So wenig wie man ein Christ wird – oder ist – nur weil man das Glaubensbekenntnis ganz toll aufsagen oder weil man den 23. Psalm, der Herr ist mein Hirte, Vers für Vers kann, so wenig haben leere Wort-Recyclinghülsen irgendeinen Einfluß auf uns und schon gar nicht auf unser Verhalten.

Es will, es muss durchdrungen sein. Es muss gelebt werden. Paulus und Herr Gollwitzer haben das schon verinnerlicht. Das was Paulus da schreibt hört sich vielleicht wie eine Überforderung an. Aber beim näheren Hinsehen, beim nach-, durch- und darüber nachdenken sind diese Sätze die logische Konsequenz eines christenmenschlichen Lebensstils.

12,11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.
12,12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.
12,13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.
12,14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.
12,15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.
12,16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.

Wer das immer noch für Arbeit und Anstrengung hält, der muss noch mal in sich gehen. Denn wie es für aufgeklärte Westeuropäer morgens dazu gehört sich die Zähne zu putzen, so gehört es zum Christsein dazu, diese Sätze nicht zu diskutieren und sie zu zerreden, sondern sie zu leben!
Helmut Gollwitzer sagt das schöner als ich:

„Es geht […] um eine neue Art von Zusammenleben, ja, um eine neue Gesellschaft. Das Evangelium ist die Botschaft von der hereinbrechenden Christusmacht der Liebe Gottes durch Verwirklichung der Gemeinde als einer neuen Gesellschaft der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Das ist die Vision des Paulus, und doch nicht nur Vision, sondern schon anfangende Wirklichkeit!“

Denn immerhin handelt es sich hier um Selbstverständliches. Wer als Christ lebt kann eigentlich gar nicht anders als so zu handeln, wie Paulus es folgert und Herr Gollwitzer es für uns übersetzt. Es wurde und wird in unseren Zeiten soviel über Leitbilder und Prozesse diskutiert. Hier haben wir eines frei Haus, lange erprobt, aber wohl selten durchdrungen. Wenn Sie das als richtig erkannt haben, dann tun Sie das!

Ist’s möglich und soviel es an euch liegt, haltet mit allen Menschen Frieden!

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