Vernünftiger Gottesdienst – Vom Blutopfer über Golgatha in die Welt

PREDIGT ZU RÖM 12,1-3
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
der die Welt erleuchtet,
sei mit euch allen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht bei Röm 12,1-3

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1. Das Opfer
Langsam wird der Stier hereingeführt.
Erst treten die Priester mit dem Weihwasser vor den Altar und besprenkeln ihn. Rot läuft es an den Seiten des Altars hinab.
Der Nebel der Brandopfer hüllt alles in einen bedrängenden Duft. Tierkot, Blut, Schweiß und Rauch vermischen sich und lassen die Augen brennen. Fliegen surren.
Der Altar und der Stier sind kaum zu erkennen.
Der Oberpriester tritt in purpurnem Gewand aus dem Allerheiligsten.
Dort hat er Zwiesprache mit dem Gott, dessen Name unaussprechlich ist, gehalten.
Sein Gesicht ist ernst.
Er lässt den Priester mit dem Beil und den Priester mit dem Messer kommen.
Eisen blitzt auf.
Das Spiel der Harfe verstummt.
Die Menge hält den Atem an.
Es ist für einen kurzen Moment, als stünde die Zeit still.
Der Stier bäumt sich auf mit einem bestialischen Schnauben.
Er stürzt in sich zusammen, während das Blut über den Altar fließt und die Stufen hinabrinnt zu der knienden Menge.
Als der Kopf des Stieres den Altar berührt, setzt der feierliche Dankgesang ein.
Der Geruch der Branntopfer, von Blut und Tier ist unerträglich.
Einigen krampft der Magen zusammen.
Der Priester spricht ein Gebet in der Sprache der Ahnen.
Er kehrt um ins Allerheiligste.
Gott sieht dieses Opfer wohlgefällig an.
Aber es warten ja noch so viele.
Der Gesang verebbt.
Das Spiel der Harfe setzt ein.
Langsam wird ein Stier hereingeführt.

So oder so ähnlich hat man es Jahrtausende lang gemacht: Gottesdienst gefeiert.
Auch unsere Vorväter im Glauben in Israel haben in etwa so ihre Gottesdienste verrichtet, so lange es in Jerusalem noch einen Tempel gab.
Archaisch ging es zu.
Blut spielte eine wichtige Rolle.
Blut musste fließen.
Etwas lebendiges musste sterben.
Um Gott wohlwollend zu stimmen.
Um Gottes Gnade zu erzwingen.
Blut, das wusste man, konnte nur mit Blut gesühnt werden.
Schuld, davon war man überzeugt, brauchte, um abgewaschen zu werden, Blut.
Und wenn auch von Menschenopfern Abstand genommen wurde – in noch älterer Zeit waren sie durchaus üblich! – so musste doch ein Tier sterben, dessen Blut den Altar übergoss.

Das, liebe Gemeinde, war ein vernünftiger Gottesdienst!

2. Intermezzo: Kultkritik bei Amos
Und es ist ja durchaus auch etwas dran: Wer kann sich schon großen Inszenierungen entziehen? Wer kann schon dem Zauber eines theatralisch durchgeführten Kultes entflüchten? (Wir müssen nur ein Gotteshaus weiter schauen – oder besser noch in den Dom – , da haben wir die Überreste großer römischer Kultinszenierungen!).

Immer dann, wenn man merkt, dass etwas nicht stimmt, ruft das Kritiker auf den Plan.
So auch in grauer Vorzeit der Prophet Amos, der sah, wie das Volk Opfer darbrachte und auf der anderen Seite in Ungerechtigkeit und Unmoral seinem Leben nachging.
So können wir etwa bei ihm lesen:
Gott der Herr spricht:
21 Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen.
22 Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.
23 Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Recht und Gerechtigkeit sind für Gott wichtiger als korrekt durchgeführte Gottesdienste. Tier- und Brandopfer werden bereits im AT zunehmend unwichtig.
Das gerechte Zusammenleben: Darum geht es ihm.

3. Frühes Christentum: 1. Joh und Ingroup/Outgroup
Wir machen einen Sprung.
Ein Mann redete sich vor kurzem in Rage.
Wir als Christen müssten dies und das tun. Etwa viel mehr Nächstenliebe üben. Und diakonischer in der Welt tätig werden.
Aber die Welt verhindere, dass wir das können.
Am Geld würde es hängen.
Die Menschen da draußen, die ihm nicht christlich genug sind, seien Schuld.
Überhaupt sei in der Welt da draußen der Wurm drin.
Und weil wir Christen nun einmal von Gott erwählt sind und Kinder des Lichtes sind (so drückte er sich aus), müssen wir uns von der Finsternis der Welt freimachen. Zur Not auch, indem wir nur noch untereinander Umgang haben. Wer nicht Anteil habe am Christentum, der sei ohnehin verloren.
Damit nun die Botschaft der Kirche nicht noch mehr verwässere, sollten wir uns viel stärker abgrenzen. Freikirchen würden das mit großem Erfolg vormachen.
Da herrsche wenigstens Zucht und Ordnung.

Worte eines Mannes, der sicherlich im Glauben steht.
Er beruft sich auf den 1. Johannesbrief, der ganz deutlich unterscheidet zwischen Gut und Böse.
Die Christen sind die „Ingroup“, die Welt da draußen bildet die „Outgroup“.
Es ist die Annahme eines vermeintlich sicher erwählten Kreises von Christen, dem die als feindlich erkannte Welt gegenüber steht.

Der Johannesbriefeschreiber hatte damals gute Gründe, sich in Zeiten der Christenverfolgung abzugrenzen. Dabei ging es ums nackte Überleben – vielleicht vergleichbar mit Christen in Nordkorea oder in islamistisch geprägten Staaten.
Besagtem Mann geht es nur im ein Christentum, das nur sich selber kennt – in der Verleugnung der Hingabe zur Welt (höchstens eine Hingabe dahin, die Menschen zum rechten Glauben zu führen).

4. Frühes Christentum: Paulus
Dagegen – gegen solche Auffassungen – schreibt der Apostel Paulus in unserem heutigen Predigttext:
„Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“

Der vernünftige Gottesdienst ist für Paulus, gerade hinauszuziehen in die Welt.
Gerade da hinzugehen, wo es dunkel ist.
Auch da hinzugehen, wo der eigene Glaube gefährdet werden kann.

Da, wo Menschen traurig sind.
Wo sie stark zweifeln.
Wo sie vom Glauben ganz und gar abgefallen sind.
Wo Armut herrscht – oder Angst – oder Depression.

Es geht nicht länger darum, einfach nur in den Tempel zu gehen; es bedarf nicht länger besonderer Orte und Zeiten: Die ganze Lebenswirklichkeit des Menschen wird im Christentum zum Gottesdienst.
Das Blutopfer ist schließlich bereits gebracht.
Christi Blut floss am Kreuz herab auf den steinernen Altar der Welt auf Golghatha!
Das Blutopfer, das Archaische: Gott will es schon lange – ja seit den Zeiten des Amos – nicht mehr.
Stattdessen wird die ganze Welt zum Tempel.

Dem Mann, mit dem ich das Gespräch führte, musste ich entgegenhalten: Nicht durch Abgrenzung, sondern durch Umarmung der Welt führen Christen ein gottgefälliges Leben.
Alltag wird zur Heiligen Zeit durch den Glauben an Christus!
Die ganze menschliche Existenz wird Gott zum Opfer gebracht.
Gottesdienste in sogenannten heiligen Bereichen gibt es nach Jesu Tod und Auferweckung nicht mehr. Gottesdienste finden allezeit statt in der Welt: Von euch, die ihr seine Priester seid!

5. Schluss: Gottesdienst heute morgen

Eines möchte ich noch ergänzen: Dieser Text richtet sich an Gläubige:
An die Christinnen und Christen in Rom.
Ihre Frage war:
Was folgt aus dem Glauben?
Wie können wir im Glauben an das endgültige Blutopfer Christi noch Gottesdienste feiern?

Und Paulus Antwort ist: Auch wenn ihr keine Tiere mehr opfern sollt: Gebt euch selbst der Welt hin. Lebendig, heilig und Gott wohlgefällig.

Und wir? Was machen wir jetzt gerade?
Wir feiern doch auch Gottesdienst, indem wir hier gemeinsam singen, beten und hören!
Ja, aber nach evangelischem Verständnis ist es so, dass wir nicht hier sind, um Gott wohlgefällig zu stimmen.
(Gott liebt uns auch, wenn wir Sonntag morgens im Bett liegenbleiben.)
Wir bringen uns Gott mit diesem Gottesdienst kein Stück näher.
Vielmehr ist es umgekehrt:
Gottesdienst wird zum Dienst Gottes an den Menschen.
Und wenn man das verstanden hat:
Dass Gott selber es ist, dem wir hier und jetzt in seinem Wort begegnen:
dann ist auch das sonntägliche Zusammenkommen in der Bonhoeffergemeinde im eigenen Leben ein vernünftiger Gottesdienst!
Amen!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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