Lebendiger Gottesdienst – nimm dich selbst wichtig!

Liebe Gemeinde!

Der Jahrswechsel liegt noch nicht lange zurück – das neue Jahr ist noch jung. Manche von uns werden den Jahreswechsel ganz ruhig verbracht haben, andere haben sich in Gesellschaft begeben und gefeiert.

Rückschau haben wir gehalten und Dank empfunden für all das Gute, das das vergangene Jahr enthalten hat, Dank ausgedrückt haben wir auch einander für die erlebte Gemeinschaft und Dank als Gebet in den Himmel geschickt haben wir vielleicht für den Segen unseres Gottes, der spürbar und sichtbar geworden ist in den Wegen des vergangenen Jahres.

Andere wiederum hatten es nicht so ganz einfach, Schmerz war auszuhalten und Leidvolles zu bewältigen, und eine Freundin unserer Familie sagte auf die Neujahrswünsche hin: „So ein Jahr wie das abgelaufene muss ich nicht noch einmal haben.“

So haben wir den Jahreswechsel verbracht allein oder in Gemeinschaft, mit rückblickender Dankbarkeit oder auch mit manchem Ausdruck von Schmerz und Sorge

und etliche Menschen haben vielleicht auch den einen oder anderen guten Vorsatz gefasst für die kommende Zeit: ein paar überflüssige Kilos sollen runter mit dem Rauchen wollen manche gern aufhören der Alkoholkonsum hat sich beständig ausgeweitet könnte gern etwas eingedämmt werden, oder der eigene Umgang mit den Mitmenschen möge sich ändern: mehr Wertschätzung, weniger Nörgelei und Kritik. Solche und andere gute Vorsätze haben sich viele Menschen für das neue Jahr vorgenommen. Vielleicht gehören Sie ja auch dazu.

Wenn wir uns nun den Predigttext anschauen und hinhören, was Paulus da schreibt, dann könnten wir die Liste der möglichen guten Vorsätze glatt noch um einen Punkt verlängern: „Gebt eure Leiber hin als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist – so schreibt es der Apostel in seinem Brief an die Römer – Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“

Der gute Vorsatz lautet dann: Wir wollen unsere Leiber hingeben als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Wollen wir das wirklich?

Denn das hört sich ja erst einmal ziemlich ungewohnt an für unsere Ohren. Unsere Leiber hinzugeben, als Opfer auch noch. Das das alles soll dann unser Gottesdienst sein – vernünftiger Gottesdienst.

Wir spüren beim Hinhören: Paulus wird existenziell. Gottesdienst ist auf einmal nicht mehr nur eine Veranstaltung wie diese hier heute morgen in der Vicelinkirche, an der man teilnimmt, eine bestimmte, liturgisch geprägte Form der Gemeinschaft, in der Menschen mitsingen, mitdenken, und ansonsten im wesentlichen zuhören, Gottesdienst ist bei dieser Sichtweise des Paulus nicht mehr allein ein Geschehen, zu dem jede und jeder – je nach eigener Bedürfnislage – eine gewisse innere Distanz einhalten kann, sondern beim Gottesdienst, da geht es auf einmal um uns selbst, um unserer ganzes Sein, um unsere gesamte Persönlichkeit nach Leib, Seele und Geist – mit Haut und Haaren sozusagen.

Ich ermahne euch, sagt Paulus, dass ihr eure Leiber hin gebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

Vernünftiger Gottesdienst – wenn es vernünftigen Gottesdienst gibt, was mag dann wohl unvernünftiger Gottesdienst sein? Paulus denkt dabei sicher an kultische Opferhandlungen, denen die Vorstellung zugrunde liegt, Gott sei durch das blutige Opfern von Tieren zu manipulieren und zu beeinflussen, und Paulus denkt sicher auch an die alttestamentliche Gottesdienstkritik wie wir sie beispielsweise beim Propheten Amos finden: So spricht Gott, der Herr Zebaoth: Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und ob ihr mir gleich Brandopfer und Speisopfer opfert so habe ich keinen Gefallen daran; so mag ich auch eure feisten Dankopfer nicht ansehen. Tu nur weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Psalterspiel nicht hören! Es soll aber das Recht offenbart werden wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein starker Strom. Aus diesen kritischen, fast vernichtenden Versen klingt deutlich heraus, worum es geht:
Um den inneren Zusammenhang von liturgisch gefeiertem Gottesdienst und praktisch gelebtem Leben. Es geht um den innen Zusammenhang von empfangener Gnade und weitergegebenem Segen,
es geht – um es kurz und prägnant auszudrücken – um den inneren Zusammenhang von Glauben und Leben.

Spürt man uns Kirchgängern auch im Alltag unser Christsein ab? – das ist die Frage, oder negativ ausgedrückt hört man es ja auch manchmal so formuliert: Die rennen jeden Sonntag in die Kirche, aber im Leben unter der Woche merkt man nichts von der ganzen Christlichkeit.

Auf diesen wesentlichen Punkt weist Paulus in unserem Predigttext deutlich hin: Vernünftiger Gottesdienst, das ist ein Gottesdienst, der auch etwas mit dem Alltag zu tun hat, vernünftiger Gottesdienst, das ist Gottesdienst, der sich im Leben, im Miteinander und auch in verantwortlicher Bewahrung der Schöpfung widerspiegelt und bewährt.

An diesem Punkt nun würde man normalerweise über die ethischen Implikationen christlicher Existenz nachdenken: wie halten wir Christen es mit der Nächstenliebe? Sind wir aufmerksam und zugewandt auch den Menschen gegenüber, von denen wir nichts zu erwarten haben, oder lieben wir – wie alle anderen – auch nur diejenigen, denen wir in guter Beziehung innerlich verbunden sind? Wie halten wir Christen es mit dem Geld? Nutzen wir jede Möglichkeit, eigenen Wohlstand zu mehren oder fragen wir uns zugleich, auf wessen Kosten das vielleicht gehen könnte? Oder: Wie halten wir Christinnen und Christen es mit dem Gerede übereinander, mit der Kritik aneinander, wie großzügig und weitherzig sind wir im Konfliktfall, wie sehr sind wir bereit zu vergeben und Frieden zu bewahren?

Dies sind die Fragen, die sich normalerweise aus dem Zusammenhang von Glauben und Leben ergeben.

Paulus setzt aber in unserem Predigttext noch früher ein. Nicht um das nach außen gerichtete Leben der Christen geht es, sondern bereits um den Umgang mit sich selbst. Gebt eure Leiber hin als ein Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei.

Gottesdienst fängt bereits bei unserem Leib an, beim Umgang mit der eigenen Körperlichkeit. „Sündigt nicht am eigenen Leib – schreibt Paulus an anderer Stelle – oder wisset ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?“

In erfrischender Klarheit zeigt uns der biblische Text auf, dass es in Fragen christliche Ethik nicht immer nur um unser nach außen gerichtetes Verhalten geht, Forderungen, bei denen man manchmal innerlich auch abschaltet, weil sie schnell zur Überforderung werden können.

Nein, wir selbst sind wichtig, vernünftiger Gottesdienst beginnt ganz deutlich bei mir selbst, und dann kommt lange nichts, und dann noch einmal der Umgang mit der eigenen Existenz. Wir dürfen, ja, wir sollen uns selbst wichtig nehmen, schließlich ist unser Leib ein Tempel des Heiligen Geistes. Gott selbst will Wohnung nehmen in uns, in dir und in mir. Dem gilt es weiter nachzudenken.

Und in diesem Zusammenhang – eben im Zusammenhang des Umgangs mit der eigenen Existenz – sagt Paulus: „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“

Stellt euch nicht der Welt gleich, sagt der Apostel. Stellt euch auch im Umgang mit eurem Körper nicht der Welt gleich.

Ein Beispiel: Als meine Familie und ich nach Silvester auf dem Rückweg vom Winterurlaub waren, fiel mein Blick an einer Tankstelle auf die Bildzeitung: Die Schlagzeile in dicken schwarzen Lettern lautete: So nehmen Sie ab mit der Hormondiät!

Welch ein grenzenloser Unfug – habe ich gedacht. Abnehmen durch Hormongaben – wo wir doch alle wissen, wie sensibel ein Organismus auf Eingriffe in den Hormonhaushalt reagiert und wie schwer mitunter auch die unerwünschten Nebenwirkungen sein können.

Das gleich gilt für manche zweifelhaften Muskelaufbaupräparate,
für stimmungsaufhellende Substanzen, für Training bis zur Erschöpfung und kaputten Gelenken, nur um fit wie Turnschuh zu bleiben, auch Schönheitsoperationen mit teilweise hohem Risiko und fragwürdigem Nutzen gehören in diesen Zusammenhang wie auch der oftmals allzu bedenkenlose Umgang mit dem Alkohol, der in verträglichen Mengen ganz gewiss ein Genussmittel ist, aber im Übermaß schnell zum Suchtmittel mit zellschädigender Wirkung wird.

Wohl noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde so sehr die eigene Körperlichkeit beachtet und in den Mittelpunkt gestellt, aber vielleicht gab es auch noch nie so deutliche Fehlentwicklungen in diesem Bereich von Magersucht und Perfektionsstreben über zweifelhafte Schönheitsideale
bis hin zu Verwahrlosung und Fettleibigkeit.

Noch einmal auf diesem Hintergrund die Worte des Apostels: Ich ermahne euch, sagt Paulus, dass ihr eure Leiber hin gebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

Eingangs hatte ich gefragt, ob wir das denn überhaupt wollen, unser Leben als ein Opfer hingeben?

Denn wenn wir etwas hingeben, weggeben, dann klingt das erst einmal nach Verlust, in diesem Zusammenhang nach Verlust von Freiheit vielleicht oder nach Verlust von Selbstbestimmtheit.

Aber liegt darin nicht zugleich auch ein Gewinn? Das eigene Sein, die eigene Existenz in umfassender Weise Gott hinzugeben, auf dass tatsächlich ein Tempel des Heiligen Geistes daraus werde? – schwingt da nicht viel an Verheißung mit, an gelingendem Leben, an Einssein mit sich selbst?

Von den großen Exerzitienmeistern der katholischen Kirche können wir an diesem Punkt gewiss etwas lernen.

Franz Jalics, ein Jesuit, der die Lehre des Ignatius von Loyola weiterentwickelt hat, vertritt die folgenden fünf Prioritäten geistlichen Lebens, wenn es darum geht, den Leib, der ja wie gesagt ein Tempel des Heiligen Geistes ist, für die Gegenwart Gottes zu bereiten:

Ausreichend Schlaf, Bewegung und gesunde Ernährung, Gebet, d.h., die richtige Form dafür finden, Zeit für Begegnung, Arbeit.

Vielleicht geht es Ihnen beim Hineinhören in diese fünf Prioritäten geistlichen Lebens wie mir: Da schwingt viel mit an Gesammeltsein an Klarheit, letztlich an Heil und Schalom.

So zu leben, das mag dem entsprechen, was Paulus meint, wenn er die Christen ermahnt, ihren Leib hinzugeben als ein Opfer, das da lebendig, heilig, Gott wohlgefällig und also ein vernünftiger Gottesdienst sei.

Ich illustriere dies Bild vom Leben, das da vor dem inneren Auge vielleicht entstehen mag, zum Schluss mit einem Gedicht von Bertold Brecht.

VERGNÜGUNGEN
Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
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Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
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Bequeme Schuhe
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Freundlich sein.
und ich ergänze – ein Gott wohlgefälliges Leben führen.

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