Hingabe und Vernunft

Liebe Gemeinde!

Wer kennt sie nicht –die alte astronomische Uhr im Chorumgang des Domes hier in Münster? Wahrscheinlich hat sich schon jeder von uns immer wieder einmal von diesem alten Uhrwerk faszinieren lassen, hat beobachtet, wie zur Mittagszeit die Glocke angeschlagen wird, wie es im Inneren der Uhr schnarrt und klappert und wie in acht Metern Höhe die Figuren der Heiligen Drei Könige zusammen mit ihren Dienern aus einem Seitentürchen erscheinen, im Halbkreis eine kleine Prozession machen und sich vor Maria mit dem Jesuskind verbeugen. Ein Aufzug, dem sicher am vergangenem Donnerstag, dem Tag der Heiligen Drei Könige, oder dem Epiphaniastag, wie wir in der Evangelischen Kirche sagen, möglicherweise besonders viele Menschen beigewohnt haben.

Die alte Uhr ist so groß, dass man, wenn man die unteren Türen öffnet, nicht nur hineinsehen, sondern sogar hineingehen kann. Ein wahres Wunderwerk der Technik tut sich einem da auf. Gerade Kindern kann man anhand eines solchen Uhrwerkes deutlich machen, wie das Ganze funktioniert, wie ein Zahnrad in das andere greift und jedes noch so kleine Rädchen wichtig ist, damit die Zeiger sich richtig drehen und –wie gesagt – die Drei Könige oben zum richtigen Zeitpunkt erscheinen.

Oft wird ein solches Uhrwerk als Sinnbild für die menschliche Gesellschaft angesehen. Und richtig ist es ja, dass auch dort eins ins andere greift, dass Kräfte am Werke sind, die das System in Bewegung halten, und dass jeder einzelne Mensch nicht nur dazu gehört sondern unersetzbar ist. Beim Anblick eines Uhrwerkes kann sich jeder sagen: Auch ich bin ein entscheidendes Teil des großen Ganzen, auch ich bin wichtig.

Doch das Bild der Uhr hat auch seine Grenzen. Denn wenn ich mich mit einem kleineren oder größeren Zahnrad vergleiche, dann verstehe ich mich im Grunde genommen als mechanisches Element eines Getriebes, ohne eigenen Willen, ohne Möglichkeiten, etwas selbst zu bestimmen oder zu gestalten. Dann kommt es nur auf das Funktionieren an, und das kann ja wohl nicht alles sein im Leben eines Menschen oder einer Gesellschaft.

Es gibt für uns Christen als Gemeinschaft, als Gemeinde auch andere Bilder, die noch mehr und anderes aussagen. Eines dieser Bilder finden wir im heutigen Predigttext aus dem 12. Kapitel des Römerbriefes, in dem der Apostel Paulus von der Gemeinde als einem Leib mit vielen Gliedern spricht:

[TEXT]

Ein Leib – viele Glieder. Das ist für viele christliche Ohren ein vertrautes Begriffspaar. Und in diesem Zusammenhang auch von verschiedenen Gaben und Aufgaben zu reden, klingt einleuchtend. Gemeinde als einen lebendigen Organismus zu verstehen, fällt nicht sonderlich schwer, auch wenn natürlich oft darüber gestritten wird, wie die Zuordnung der verschiedenen Teile, der verschiedenen Aufgaben und Funktionen zu bewerten ist. So organisch geht es in Gemeinden und überhaupt in der Kirche ja auch nicht immer zu – wie auch sonst nicht im Leben nicht. Aber immerhin, das kann man verstehen, dass Paulus dieses Bild gebraucht, um von christlicher Gemeinde zu sprechen. Mechanische Uhren kannte er ja noch nicht, aber ich glaube, er hätte sie auch nur sehr bedingt als Bild verwandt, höchstens in dem Sinne, dass eben jede Uhr eine Kraftquelle, eine Antriebskraft benötigt, um laufen zu können.

Aber bleiben wir bei dem Bild des menschlichen Körpers mit seinen vielen Gliedern und Teilen. Paulus lässt es nicht bei einer oberflächlichen Beschreibung und sagt: Nun ja, in einer Gemeinde ist es eben so oder sollte es zumindest so sein, wie bei einem menschlichen Körper, bei dem der Arm eine andere Aufgabe und Funktion hat als das Bein und das Auge eine andere als das Ohr. Er sagt es noch ganz anders: Gebt eure Leiber, gebt euch selbst hin als Opfer. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

Hingabe und Vernunft. Das scheint sich zu widersprechen. Wenn ich etwas hingebungsvoll tue, ob ich nun hingebungsvoll jemanden pflege oder hingebungsvoll liebe oder hingebungsvoll tanze, dann geht das über die Vernunft weit hinaus. Und wenn ich etwa bei Mega-Events in der Musikszene oder aber auch bei den Gottesdiensten mancher Sekten und charismatischer Gemeinden sehe, wie junge, aber manchmal auch ältere Leute ihren Gefühlen völlig freien Lauf lassen, sich völlig der Musik und der Atmosphäre hingeben, dann habe ich manchmal schon den Eindruck, dass sie ihre Vernunft draußen an der Garderobe abgegeben haben.

Körperliche Hingabe als vernünftiger Gottesdienst? Ich merke, dass ich da zunächst ein Fragezeichen machen möchte, das mir dieses nicht so ohne Weiteres einleuchtet. Doch da fällt mir ein und da fällt mir auf, dass das Fest, das wir in diesem Gottesdienst feiern, nämlich das Epiphaniasfest, uns eine Hilfe und eine Brücke zum Verstehen sein kann. War es nicht so, das der Stern, der die Weisen aus dem Morgenlande nach Bethlehem führte, nicht so etwas wie eine Erleuchtung war, wie etwas Einleuchtendes, was sie als Zeichen nicht sofort verstanden, was ihnen zunächst auch manche Fragezeichen bescherte und auf Abwege führte, dann aber zum Ziel kommen ließ? Epiphanias, Erscheinungsfest: Die Erscheinung des Sterns, des himmlischen Lichtes führte sie zu der wahren Erscheinung, zur Erscheinung des himmlischen Kindes in Bethlehem. Und die vornehmen, klugen, weisen Männer waren sich nicht zu schade, sich dorthin zu begeben, ja, sich hinzugeben und mitzubringen, was sie hatten – Gold, Weihrauch und Myrrhe, so wird uns erzählt.

Andere brachten anderes. Von den Hirten wird uns in unendlich vielen Weihnachtserzählungen so niedlich erzählt, wie sie Wolle, Milch und Honig zum Jesuskind brachten, das, was sie eben zur Verfügung hatten. Und ich erinnere mich an ein Krippenspiel, wo Kinder ihr Spielzeug bringen, Erwachsene Geldscheine oder Scheckkarten und Wissenschaftler ihre Laptops. Hingabe und vernünftiger Gottesdienst. Das heißt: Sich selbst nicht nur geistig oder geistlich, sondern auch körperlich auf den Weg machen, mitbringen und einbringen, was man geben kann. Das ist ein durchaus vernünftiger Gottesdienst.

Weder von Gold, noch von Milch oder Spielzeug redet freilich der Apostel Paulus, sondern er spricht die Gemeinde in Rom mit ihren Möglichkeiten an, Funktionen und Aufgaben zu erfüllen. Im Folgenden redet er von den prophetischer Rede, von Ämtern, vom Lehren, vom Ermahnen, was in der Gemeinde von verschiedenen Leuten übernommen werden soll und kann. Wir würden das heute etwas anders ausdrücken, würden vom Predigen sprechen, von Diakonie und Bildungsauftrag der Kirche, von Menschenführung und Zuwendung, von Seelsorge und Beratung von weltweitem Engagement für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung und von der Ökumene. Doch wie dem auch sei: Die alten Worte des Paulus vom Leib und seinen Gliedern, von Hingabe und Vernunft, von verschiedenen Gaben und Aufgaben öffnet auch für uns ein weites Feld. Es ist das weite Feld der Nachfolge Jesu, dass damals zu Weihnachten und nach Weihnachten begann: Der Weg der Hirten und der Weisen nach Bethlehem waren erste Schritte auf diesem Weg. Engelschöre und ein glänzender Stern waren die Wegweiser damals, so erzählen und die Evangelien. Gute, wegweisende Worte von Menschen wie dem Apostel Paulus waren es in der Zeit danach. Und auch wir können unseren Weg hin zu Jesus Christus finden und dann ihm nachfolgen, ein Weg voller Hingabe und gleichzeitig mit Vernunft, mit Fantasie und Überlegung, mit Freude und Gewissheit.

Nun noch einmal ein abschließender Blick auf die astronomische Uhr im Dom. Die drei Könige, eigentlich die drei weisen Männer, bringen dem Jesuskind ihre königlichen Geschenke. Auch hier vorne sehen wir das in der Krippe heute noch einmal, bevor sie wieder abgebaut wird. Der Apostel Paulus spricht aber von ganz anderen Gaben, die wir bringen können, und wir haben jeden Tag Gelegenheit, darüber nachzudenken und uns auszutauschen, was diese Gaben sind und wie wir sie einbringen können, im Umgang mit Kindern und alten Menschen, in der Fürsorge für Arme und Benachteiligte, in der Beteiligung am öffentlichen Leben und in Gemeinschaft mit anderen Kirchen und Religionen. An der Krippe ist noch viel Platz für all das, was wir dort hin bringen können – und in unserer Welt auch.

Wenn wir jetzt das nächste Lied singen, das mit den Worten beginnt: „Nun aufwärts froh den Blick gewandt“, dann geht es nicht um uns als Zuschauer an der alten Uhr im Dom, den Kopf im Nacken, sondern es geht um unser zuversichtliches Hineingehen in ein Neues Jahr, als einzelne Menschen, als Gesellschaft, als Gemeinde. Heute auch mit einem kleinen Kind in unserer Mitte, der Merle, die gleich getauft wird. Gehen wir mit ihr und alle miteinander in das Neue Jahr hinein, mit all unseren Gaben und Möglichkeiten, die Gott uns geschenkt hat und die wir einander weitergeben können.

drucken