Gottesdienst abgehakt?

Liebe Gemeinde!

24mal innerhalb von zwei Konfirmandenjahren sollten Konfirmanden in die Kirche gehen. Das wisst Ihr Konfirmanden ganz genau. Und viele von Euch geben sich große Mühe, die Stempelkarten bald mit Gottesdienststempeln zu füllen. Vor ein paar Jahren hatte ich einen Konfirmanden, der fragte mich vor Weihnachten: Wie ist das? Wenn ich am Heiligabend in alle Gottesdienste gehe, bekomme ich dann für jeden Gottesdienst einen Stempel? Eins will ich Ihnen nämlich sagen: Ich habe vor, im Winter möglichst immer in den Gottesdienst zu gehen. Im Sommer habe ich dann anderes vor. Für Kirche habe ich dann keine Zeit. Ich habe dem Konfirmanden versichert, er würde seine Stempel bekommen, wenn er diesen Gottesdienstmarathon schaffen würde. Tatsächlich hatte er am Heiligabend drei Gottesdienste nacheinander durchgehalten. Er hatte es sogar ganz interessant gefunden und konnte von allen Gottesdiensten etwas berichten.

Konfirmanden können ihre Gottesdienste sozusagen abhaken. Im Predigttext von heute ist dagegen von einem Gottesdienst die Rede, den man nicht so einfach abhaken kann. Da heißt es nämlich, dass das ganze Leben von Christen ein Gottesdienst sein soll. Dass jemand Christ ist, erkennt man nicht nur daran, dass jemand immer zur Kirche rennt, wie manche Leute abschätzig sagen, sondern man erkennt es daran, wie jemand lebt. Zumindest sollte man es am alltäglichen Leben erkennen. Ich lese den Predigttext noch einmal vor: Röm.12,1-3

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Schon im ersten Satz ist es also zu hören, dass wir uns ganz und gar für Gott als Opfer hingeben sollen. Das wäre der richtige, vernünftige Gottesdienst. Noch zur Zeit Jesu verstanden es ja viele Menschen als Gottesdienst, wenn sie auf dem Altar ein Tier für Gott verbrannten. Sie opferten es für Gott und beteten dazu. Jesus hat dann ja im Tempel die Tische der Tierhändler umgestoßen und hat gesagt: Nicht diese Tieropfer will Gott als Gottesdienst, sondern die innere Einstellung der Menschen. Mein Haus soll ein Bethaus heißen, so sagte er damals den Händlern. Und darum geht es auch im heutigen Predigttext. Wir sollen also nicht nur irgendeine äußerliche Frömmigkeit zur Schau stellen, sondern mit dem Herzen dabei sein. Wir selber sollen uns als Opfer für Gott hingeben.

Das Wort „Opfer“ hört natürlich niemand gern. In der Politik ist ständig davon die Rede, dass jeder Opfer bringen muss. Jeder müsse auf Geld und Vorteile verzichten. Inzwischen wird soviel davon geredet, dass die meisten Leute diese Opfer nicht mehr einsehen können. Immer kommen neue Themen auf den Tisch, wo mehr bezahlt werden soll und Zusatzleistungen versprochen werden. Aber das Gegenteil geschieht.

Es gibt also so genannte Opfer, die niemand einsieht. Aber es gibt auch Opfer, die wir aus Überzeugung bringen. Wenn einem ein Mensch wichtig ist, opfert man Zeit und Gedanken, um ihn häufig zu sehen oder um alles zu tun, damit es ihm gut geht. Wenn einem eine Sache wichtig ist, ist man bereit, alles daran zu setzen, dass diese Sache gut läuft. Mit meinen Konfirmanden habe ich über Lebensregeln gesprochen. Bei Sätzen, die in ihrem Kursbuch stehen, sollten sie ankreuzen, ob sie den Sätzen zustimmen oder ob sie sie ablehnen. Eine Aussage im Buch hieß: Ich will mein Leben genießen und nicht mehr arbeiten als möglich. Die einen sagten dazu: Das finde ich richtig, möglichst wenig arbeiten und lieber das Leben genießen. Andere sagten: Ich will erst arbeiten. Denn ich kann mein Leben ja nur genießen, wenn ich Geld erarbeitet habe. Also erst arbeiten, dann genießen. Und wieder ein anderer Konfirmand sagte: Wenn ich in einem Beruf Karriere machen will, dann ist mir die Arbeit ja so wichtig, dass ich das Leben schon genieße, wenn ich arbeite. Also arbeiten und genießen. Daran zeigt sich, dass wir bereit sind, Opfer zu bringen, wenn uns etwas wirklich wichtig ist.

Jetzt ist die Frage, was Paulus meint, wenn er sagt: Gebt eure Leiber hin als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Ich denke, ein Kennzeichen, dass wir unser Leben als einen Gottesdienst verstehen, ist, dass wir Zeit einsetzen für die Kirchengemeinde. Vor Weihnachten hatten wir mehrere Weihnachtsfeiern im Gemeindehaus für alle, die in irgendeiner Form in unserer Gemeinde mitarbeiten. Die Kirchenältesten waren eingeladen, die viel Zeit für unsere Kirchengemeinde opfern mit Sitzungen über inhaltliche und finanzielle Schwerpunkte unserer Gemeinde und mit viel Engagement für unsere Gemeinde. Man denke allein schon an den Einsatz für die Orgel. Die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren eingeladen, die von Berufs wegen für die Kirchengemeinde arbeiten, aber oft auch über den Beruf hinaus manche Stunde und manchen Gedanken für die Gemeinde opfern. Und Ehrenamtliche waren eingeladen, die in ihrer freien Zeit Gemeindebriefe verteilen, in der Kinderkirche oder in der Seniorenarbeit mitmachen, andere, die Kuchen backen, Kaffee kochen, den Schaukasten dekorieren, oder einfach dort mithelfen, wo fleissige Hände gefragt sind. Allein diese drei Weihnachtsfeiern haben einen kleinen Einblick gegeben, wie viele Menschen mit verschiedenen Begabungen ihre Zeit für die Kirchengemeinde einsetzen. Und dazu kommen ja noch etliche andere, zum Beispiel alle diejenigen, die beim Lebendigen Adventskalender mitgewirkt haben. Das sind viele Beispiele und gleichzeitig Anregungen dafür, was es heißen könnte, sein alltägliches Leben als einen Gottesdienst zu verstehen.

Es zeigt auch, dass eigentlich niemand seinen Gottesdienst nur so für sich alleine leben kann, sondern dass wir die Gemeinde und die Gemeinschaft dafür brauchen. Paulus sagt ja: Niemand soll mehr von sich halten, als sich´s gebührt zu halten, sondern jeder soll maßvoll von sich halten, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat. Das bedeutet doch auch, die eigenen Grenzen zu sehen, wahrzunehmen, dass Gemeinde nur Gemeinde ist in dem Miteinander und in der Vielfalt. Ich predige ja häufiger mal gegen diejenigen, die meinen, sie bräuchten die Gemeinde für ihren Glauben nicht.

Von der Bibel her ist es anders gemeint, wie auch unser heutiger Predigttext zeigt, dass sich die Begabungen in der Gemeinde ergänzen sollen. Dafür müssten wir einmal gucken: Was ist meine Begabung? Wo kann ich mitwirken? Was würde mir auch liegen? Wo wäre ich mit dem Herzen dabei? Dann würde unser Leben zu einem Gottesdienst. Wir würden Gottesdienst nicht nur wie irgendeine fromme Tätigkeit abhaken. Vielleicht ginge es uns so wie einem Konfirmanden von mir, der sagte: Ich glaube, wenn ich die Gottesdienste auf der Karte abgehakt habe, gehe ich noch weiter in die Kirche.

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