Provokationen

Glücklich ihr Atheisten!
Ihr habt es leichter
euch wirbelt kein Gott
aus der Bahn des schlüssigen Denkens
kein Glaube wirft Schatten
auf eure taghelle Logik
nie stolpert ihr
über bizarre Widersprüche
kein Jenseits vernebelt euch
die Konturen der Welt
nie seid ihr berauscht
von heiligen Hymnen und Riten
nie schreit ihr vergeblich
nach einem göttlichen Wunder
oder stürzt ab ins Dunkel
blasphemischen Betens –
glücklich ihr Atheisten!
Gerne wäre ich einer von euch
jedoch jedoch: ich kann nicht (Kurt Marti)

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
Provokation gegen Provokation:
„ihr habt es leichter ohne Gott“ behauptet der Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti.
Ohne Gott könnt ihr euch die Welt zurechtlegen, wie ihr es wollt.
Ihr könnt für euch bestimmen, was gut und was richtig ist, könnt nach eurer Facon selig werden und müsst euch nicht Gedanken um andere machen. Nichts und niemand stellt euch in Frage, schaut hinter die Kulissen, keiner entlarvt eure Selbsttäuschung. Keiner muss letzten Endes Verantwortung übernehmen und Rechenschaft ablegen für das, was er getan oder unterlassen hat, weil da niemand ist, vor dem Rechenschaft abzulegen wäre. Es kann gelebt werden ohne Rücksicht auf Verluste.
Sicher: es gibt auch unter euch Humanisten, Menschen mit Grundsätzen und Überzeugungen, Gutmenschen und Weltverbesserer.
Es gibt ein Leben ohne Gott, auch ein erfülltes Leben, ein glückliches Leben ohne Gott, sonst wären wir ja ein Volk der Glückslosen, leben doch unzählige, als wäre da kein Gott.Und dennoch leben sie und lieben sie, erfahren Glück, Freude, Trauer und Ohnmacht wie alle Menschen.
Glücklich, die gar nicht mehr hinterfragen, denen es egal geworden ist, woher sie kommen und wohin sie gehen.
Glücklich, wer sich keinen Kopf mehr zerbricht.
Ist das schon die ganze Wahrheit ?
Provokation gegen Provokation:
Es gibt kein Leben ohne Glauben an Gott, so das Zeugnis des 1.Johannesbriefes.
Ohne Jesus Christus gibt es kein Leben: wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. Alles andere ist bestenfalls eine Illusion, eine Vortäuschung von Leben.
Erst in der Beziehung zu Gott, erst in diesem Gegenüber werde ich wirklich zu einem Menschen. Ich sehe die Welt mit anderen Augen, wenn ich sie als Gottes Schöpfung betrachte, ich sehe meine Mitmenschen mit anderen Augen, wenn ich in ihnen Gott entdecke. Ich verbringe meine Tage anders, wenn ich meine geschenkte Lebenszeit vor Gott verantworte. Im Auf und Ab des Lebens, im Wechselspiel zwischen Freude und Leid, zwischen Erfolg und Niederlage, zwischen Leben und Tod kann ich nur Kurs halten, wenn ich mich getragen weiß von einem Gott, der mich ansieht, mich kennt und mich meint.
„Unruhig ist unser Herz – bis es ruht in dir.“ Diese Lebenseinsicht Augustins ist die letzte Wahrheit über uns Menschen. Wer den Sohn hat, der hat das Leben.
Aber ist das nun wirklich die ganze Wahrheit?
Ich muss zugeben, dass mich beide Provokationen irritieren und stören, weil sie mir beide zu sehr in schwarz-weiß Kontrasten denken.
Das Leben ist, glaube ich, komplizierter, und der Glaube geht seine ganz eigenen Wege, verbirgt sich manchmal auch in der Gestalt der Unglaubens und Zweifelns und so manche Erscheinungsform des Glaubens ist womöglich ebenfalls Selbsttäuschung, um die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen.
Vielleicht müssen wir noch einmal ganz neu einsetzen und fragen, was denn Leben eigentlich ist.
Es gibt Menschen, die stellen fest, sie wären nie gefragt werden, ob sie denn geboren werden wollten. Und verbringen ihre Lebenstage einigermaßen griesgrämig und unversöhnt mit einem Schicksal, dass über sie gekommen ist.
Andere betrachten ihr Leben relativ nüchtern als etwas zufälliges, also ihnen Zugefallenes und leben so in die Zeit hinein.
Leben verstehen sie als eine unbestimmte Zeitdauer zwischen Geburt und Tod, angefüllt mit möglichst intensivem Streben nach Glück und Erfolg. Glück ist dabei materieller Wohlstand, beruflicher Erfolg, körperliche Unversehrtheit, eine intakte Familie und ein wohlgesonnener Freundeskreis. Manche Ereignisse werfen allerdings ganz schön aus der Bahn. Da trüben Krankheit und Tod die Lebensfreude, da durchkreuzen Unfälle Lebenspläne oder Arbeitslosigkeit entzieht den Konsumwünschen den Boden unter den Füßen.
Wen soll ich dann fragen, ob das alles noch Sinn macht, ob es einen tiefen Sinn gibt und ob alles ein Ziel hat?
Wer das für sich verneint, der kann nur nach dem Motto leben, heute zu essen und zu trinken,weil ich morgen ja schon tot sein kann.
Ich wollte so nie leben.
Natürlich wünsche ich mir auch, meine Tage bis ins Alter unversehrt und im Kreis mir wohlgesonnener Menschen zu verbringen. Ich genieße materielle Unabhängigkeit, freue mich, mir Urlaub und Festtagsbraten leisten zu können. Bin dankbar, dass ich mir mehr darüber Gedanken machen muss, wie die Festtagspfunde wieder verschwinden als wie ich die hungrigen Mäuler meiner Kinder gestopft bekomme, was ja für viel zu viele Menschen tägliche Realität ist.
Aber ich könnte mir ein Leben nie ohne Gott vorstellen, ohne das Vertrauen, das über allem einer mich anschaut und mich meint.
Ich habe immer aus dem Vertrauen gelebt, dass mein Leben kein Zufall ist, dass ich nicht verloren irgendwo in der Unendlichkeit des Kosmos unterwegs bin, wobei es dann völlig egal ist, ob es mich nun gibt oder nicht.
Mein Glaube war und ist, dass jeder und jede von Gott gemeint und gewollt ist, jeder und jede ein genialer ausgesprochener und damit Wirklichkeit gewordener Gedanke Gottes ist, wie es in einem neueren geistlichen Lied heißt.
Zu wissen, dass ich mich nicht zufällig auf den Planeten Erde verirrt habe, dass mir das Leben, eingefangen in den Jahren zwischen Geborenwerden und Sterben nicht alles bringen muss, weil es weit mehr als nur diese Ansammlung von Jahren ist, hat mir immer eine große Gelassenheit gegeben . Der Glaube an Jesus Christus hat in mir immer die Zuversicht gestärkt, dass auch in den dunklen Tälern, in den Augenblicken größter Verzweiflung, in den Todesschluchten gewissermaßen, die Liebe Gottes, seine bergende Hand, nie weit weg sind. „Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“ : diese Glaubensgewissheit möchte ich nicht missen, ohne sie wäre das Leben nicht erträglich. Ohne die Erwartung, dass auch am Ende meines Lebens sich ein unendlich weiter und neuer Horizont öffnet, wäre ich nur noch getrieben von meinen unerfüllten Hoffnungen.
Aber ich glaube, dass da ein liebender Gott ist, der mich kennt und beim Namen ruft, der mein Leben begleitet, der mich hält und führt auch durch die Dunkelheit, der mir immer wieder die Möglichkeit eröffnet, mein Leben ehrlich anzuschauen und dann neue Wege zu gehen. Ich vertraue darauf, dass da ein Gott ist, der mit jedem und jeder etwas vorhat und jeden und jede braucht. Ich vertraue darauf, dass am Ende nicht das dunkle Nichts wartet, sondern Gottes helles Licht und dass er mich ins rechte Licht rückt, in das Licht seiner rechtfertigenden Gnade, die mich nicht reduziert auf meine Schwächen und auf mein Versagen, sondern sieht, was Gottes Liebe aus jedem Menschen machen kann.
Und dieser Glaube, von dem ich nicht lassen kann und lassen will, hat einen Grund: von dem kommen wir her und von dem können wir nicht lassen.
Dieser Grund ist der Sohn, ist Jesus Christus, in dem Gott den Menschen sein Herz gezeigt hat. In der Menschwerdung Gottes ist der Mensch vor Gott groß geworden.
Weihnachten ist das Fest, das das Leben in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Es erzählt, dass nichts dem Zufall überlassen ist und dass alles Sinn macht.
Gott ist mitten unter uns.
Das Leben ist mitten unter uns aufgegangen.
Und es hat eine großartige Perspektive, die unser Predigttext ewiges Leben nennt und für die alles nur ein Vorgeschmack sein kann.
„Wie ich mir das vorzustellen habe“ ist der Alttestamentler Otto Kaiser einmal im Rahmen einer Bibelarbeit gefragt worden und er hat geantwortet: Stellen sie es sich vor, wie sie wollen. Es wird großartiger sein. Amen

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