Wiekönnen wir angesichts der Vergänglichkeit unseres Lebens ein sinnvolles und erfülltes Leben haben

Liebe Gemeinde,
kein ermutigendes Bibelwort zum Jahresanfang habe ich mir gleich bei der Vorbereitung für diesen Gottesdienst gedacht. So ernst und ermahnend. Da sieht man direkt den erhobenen Zeigefinder. „Was ist euer Leben? Ein Rauch sei ihr“!

Mit solchen Worten wird einem gründlich der Kopf gewaschen, oder es werden einem die Flausen ausgetrieben. „Nun aber rühmt ihr euch in eurem Übermut. All solches Rühmen ist böse“ sagt der Briefeschreiber, und mehr und mehr frage ich mich, von wem hier die Rede ist. Ist das wirklich ein Bibelwort für uns Gottesdienstbesucher heute?

Wir, die wir sozusagen zum harten Kern der Gemeinde gehören, zu denen, die selbst an Neujahr in die Kirche gehen, wo andere noch in den Betten liegen.

Nein, es ist kein ermutigendes Bibelwort zum Jahresanfang, aber vielleicht beinhaltet es viel Wahrheit und Lebenserfahrung, gerade wenn wir auf das vergangene Jahr 2009 zurückblicken.

Und so treffen die Worte des Jakobusbriefes genau den Kern der Probleme, die uns das letzte Jahr in eine tiefe Krise beschert hat, die uns noch viele Jahre beschäftigen wird. Man kann davon ausgehen, dass die meisten politischen und ökonomischen Entscheidungen, drastische Kürzungen und Einschnitte im Sozialsystem z.B. zukünftig immer wieder mit den Worten begründet werden: „Das sind die Folgen der Finanzkrise aus dem Jahr 2009“.

Um ökonomische Fragen geht es erst einmal auch im heutigen Predigttext. Jakobus nennt sich der in Wahrheit unbekannte Schreiber, der, wie man annimmt Ende des ersten Jahrhunderts gelebt hat und er wendet sich gegen eine Gruppe von Kaufleuten in den christlichen Gemeinden.
Sie gehen ihren Geschäften nach und sind heute hier und morgen dort. Wo der Handel am Besten geht, da sind sie anzutreffen. Natürlich ist es nicht das Geschäfte machen, dass er kritisiert, sondern die Haltung, die er unter den Geschäftsleuten angetroffen hat. Eine Lebenseinstellung nach dem Motto: „Was kostet die Welt?“ Alles erscheint machbar, man träumt von grenzenlosen Möglichkeiten von immerwährendem Wachstum und man hält sich irgendwie für unbesiegbar.

Eine Lebenseinstellung, die man in den Monaten vor der Finanzkrise eben auch bei vielen Verantwortlichen in Börsen und Banken erleben konnte. Eine Gutgläubigkeit bis hin zur Naivität, die selbst in den obersten Reihen der Politiker anzutreffen war.
Eine nur am schnellen Geld orientierte Lebenseinstellung, von der sich auch so mancher Pseudofachmann anstecken hatte lassen und nun heute in der Schuldenfalle sitzt, weil er vielleicht größere Geldbeträge aufgenommen hat, um „Handel zu treiben und Gewinn zu machen“.
Wie Jakobus, liebe Gemeinde, der eine konkrete Gruppe in der damaligen Gesellschaft vor Augen hatte, dient uns der Rückblick auf die Finanzkrise des letzten Jahres, um irrationales menschliches Verhalten zu beschreiben.
Es ist jedoch nicht das Ziel des Bibelwortes, bei diesem Thema zu verweilen, sondern es dient uns als Beispiel, das wir auf andere Bereiche des Lebens übertragen sollen.

Jakobus sagt uns: Wer glaubt alles sei machbar, wer Grenzen nicht anerkennt, wer die eigene Vergänglichkeit ignoriert, steht in der Gefahr, entweder leichtsinnig und verantwortungslos zu werden oder passiv und entscheidungsunfähig zu sein.

Tatsächlich ist es doch ein weitverbreitetes Verhalten, negative Konsequenzen für das eigene Leben im Großen wie im Kleinen, nicht sehen oder wahr haben zu wollen.

Das fängt schon damit an, dass die meisten Menschen sich schon schwer tun eine Patientenverfügung oder eine Betreuungsvollmacht zu unterschreiben. Noch weniger werden Erbschafts- und Vermögensfragen rechtzeitig geregelt, nach dem Motto: „Das lass ich erst mal auf mich zukommen“.

Dann stirbt eine über 100jährige alleinstehende Frau und nichts ist geregelt. Weder die Frage nach dem Grab noch die nach der Beerdigung ist geklärt. Noch wurde an die Menschen gedacht, die sich seit längerer Zeit um sie kümmerten und die, obwohl sie selbst keine Angehörigen waren, sie regelmäßig mit Essen versorgt und bei ihr geputzt hatten. Die Stadt Nürnberg darf sich nun über eine 6stellige Summe freuen, die seit Jahren unangetastet auf dem Konto lag. Es bleibt eine vertane Chance das eigene Leben und Lebensende bewusst zu bedenken und eventuell anderen Menschen, die sich um einen gekümmert haben, Gutes zu tun.

„Was ist euer Leben?“ schreibt Jakobus: „Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.“

Natürlich weiß jeder, liebe Gemeinde, dass er einmal sterben muss, aber viele Menschen verdrängen diesen Gedanken aus ihrem Leben und oft sind sie dann selbst auch nicht mehr in der Lage, oder nicht mehr Herr über die eigenen Sinne, um selbstbestimmt entscheiden zu können.

Ich möchte jetzt aber nicht den Eindruck aufkommen lassen, dass sich der heutige Predigttext an die älteren Gemeindeglieder in der Gemeinde wendet, denn dann würden wir in die gleiche Falle tappen.

Wer hat noch nicht die Erfahrung gemacht, dass man bei aller Regelmäßigkeit der Tagesabläufe plötzlich unerwartet vor dem Chaos oder vor gravierenden Einschnitten im Leben steht.
Gerade heute fährt der Zug nicht, wo die Reise zu den Verwandten seit Monaten geplant war. Oder der Flieger fällt aus, weil Schnee und Kälte den Flugverkehr zum erliegen bringen.
Die undefinierbaren Schmerzen im Bauchraum entpuppen sich als Krebserkrankung und eine plötzliche Netzhautablösung kann uns ganzes Leben aus der Bahn werfen.

Ich will hier nicht den Teufel an die Wand malen und der Bibeltext will auch nicht Angst machen. Denn Angst ist nie ein guter Ratgeber, weil sie oftmals Chancen nicht mehr sehen lässt und Hoffnung nimmt.
Die ernsten und mahnenden Worte zum Beginn des neuen Jahres, wollen uns vielmehr ermutigen, das Leben bewusster zu leben. Und sie wollen uns bei der Frage helfen, wie wir, angesichts der Vergänglichkeit unseres Daseins auf Erden, ein sinnvolles und erfülltes Leben haben können.

Ihr „solltet … sagen“ schreibt Jakobus: „Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“
„Wenn der Herr will“, ist erst mal keine leichte Antwort, die wir hier bekommen. Vor allem weil die Frage nach dem Willen Gottes meist falsch gestellt wird. Die meisten Menschen fragen nämlich: „Was willst du Gott, das ich tun soll“ und darauf bekommt man in der Regel keine Antwort.

Die Frage nach dem Willen Gottes müssen wir eher so stellen, wie es das 2004 erschienene kleine Büchlein von Heiner Geißler ausdrückt: „Was würde Jesus heute sagen?“. Denn die Frage nach dem, was Jesus dazu sagen würde, ist die Frage nach dem Willen Gottes für unsere Welt. Als Christen glauben wir, dass durch das Leben Jesu und seine Predigten, in besonderer Weise Gottes Willen zum Ausdruck gebracht wurden. „Was würde Jesus heute sagen?“.

Jetzt habe ich, liebe Gemeinde, die Frage nach dem Willen Gottes mit einer neuen Frage beantwortet, aber das erscheint mir legitim und es ist letztlich die einzige Frage nach dem Willen Gottes auf die wir auch Antworten bekommen.

So wie uns Jesus in den Evangelien des Neuen Testamentes dargestellt wird, lebte er genau in dieser Spannung: Zu wissen, dass sein Leben in Gefahr war und zugleich hat er sich nicht abhalten lassen, das zu tun, was er als gut und richtig erkannt hat.
So ist auch der Schluss des Bibelwortes zu verstehen und zu deuten: „Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut’s nicht, dem ist’s Sünde.“

Wer weiß, dass sein Leben wie Rauch ist, oder wie die Blumen auf dem Feld, wie es in einem anderen Bibelwort heißt, der weiß auch, dass die Zeit Gutes zu tun nicht immer gegeben ist. Es gibt auch für das Gute ein zu spät, und mancher verfehlt sein Leben weil er zu lange gewartet hat um das Gute zu tun.

Das Beste kommt eben nicht zuletzt im Leben. Das Beste im Leben erfährt man immer dann, wenn man bereit ist, Gottes Willen zu tun und nach dem Motto zu leben: „Was würde Jesus heute sagen und tun“.

So möge uns in diesem neue Jahr die Mahnung des Bibelwortes begleiten, aber nicht um uns angst oder mutlos zu machen.
Möge uns der Glaube und Gottes Gegenwart helfen unsere Zeit zu nutzen um Gutes zu tun, dann werden wir leben. Amen

drucken