Wer den Sohn hat, der hat das Leben

Liebe Gemeinde!

Als Erstklässler fing ich an, sonntags in den Kindergottesdienst zu gehen. Und schon bald bewegten mich große Fragen: Wie können, wie sollen wir uns den Menschen Jesus als Gottessohn vorstellen? Wie funktionierte das mit der Auferstehung Jesu? Wie wird sie bei uns Menschen, bei mir sein? Wie ist das Reden vom „ewigen Leben“ zu verstehen? – Weder im Religionsunterricht in der Schule, noch im Konfirmandenunterricht wurden Antworten gegeben, die mich wirklich befriedigten. Auch die Vorstellungen meiner Mutter vom ewigen Leben waren keine wirklichen Antworten auf meine Fragen, dass wir nämlich in unseren Kindern und Kindeskindern weiterleben würden in deren Erinnerung an uns und mit unseren Begabungen, die wir an unsere Nachkommen weitervererben.

Solche Fragen lassen keinen von uns los. Sie beschäftigen uns ein Leben lang, auch wenn wir sie oftmals aus unserem Alltag verdrängen. Dies gehört zu unserem Alltag seit über 2000 Jahren. Diese Fragen trieben die ersten christlichen Gemeinden um, besonders auch in ihrer Verfolgungssituation. Der 1. Johannesbrief greift sie auf. Hören wir aus ihm aus dem 5. Kapitel:

[TEXT]

Liebe Schwestern, liebe Brüder! Ein ebenso trockener wie schwer verständlicher Predigttext, der uns heute zugemutet wird. Er will uns auf den ersten Blick als wenig geeignet erscheinen, den Gottessohn und das ewige Leben besser zu verstehen, auch wenn in jedem dieser drei Sätze aus dem 1. Johannesbrief „Sohn Gottes“ einmal vorkommt und das Wort „Leben“ sogar insgesamt fünfmal. Außerdem behauptet der Verfasser dieses Briefes, es handle sich mit dem Gottessohn und dem ewigen Leben um das Zeugnis, das uns von Gott gegeben sei. Wir haben es somit mit drei Begriffen zu tun, mit denen wir uns auseinanderzusetzen haben.

Beginnen wir mit dem „Zeugnis“: Zeugnis, bezeugen, Zeuge sein – ganz wichtige Begriffe für ein christlich geführtes Leben, mit denen wir bereits schon im Religions- und Konfirmandenunterricht konfrontiert wurden. Das Zeugnis, von dem hier jetzt die Rede ist, ist aber in keiner Weise mit einem Schulzeugnis oder Arbeitszeugnis zu vergleichen. Bei diesem Zeugnis geht es nicht um Leistungsnoten. Wir müssen uns nicht mit anderen vergleichen, noch werden wir mit anderen verglichen. Wir müssen uns nicht der aberwitzigen Frage stellen: „Warum glaubst du nicht so gut wie diese oder jener?“

Das Zeugnis, von dem der Verfasser des Johannesbriefes schreibt, kommt von Gott selbst. Ja, wir können sogar sagen, dieses Zeugnis ist Gott selbst, das er uns gibt; denn gleich im allerersten Vers des Johannesevangeliums heißt es über ihn und den Sohn: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“. Deshalb haben wir vorhin im Glaubensbekenntnis gebetet, dass wir an Jesus Christus, „Gottes eingeborenen Sohn“ glauben, der für uns Mensch geworden ist, der für uns gelebt und gelitten hat und schließlich für uns gestorben ist. Gott gibt sich also selbst zum Zeugnis für uns, indem er an Weihnachten in einem Stall als Mensch geboren wurde und zuerst von Hirten und zuletzt von weit gereisten, weisen Männern in der Krippe als Gottessohn angebetet wurde. Weil also Gott selbst sein Zeugnis für uns ist, können wir Menschen, jeder auf seine Weise, ihn ganz persönlich erfahren. Von uns wird deshalb keine besondere Leistung verlangt, die über Erfolg oder Versagen in unserem Glauben entscheidet.

Dass wir glauben können, ist der Sinn des Zeugnisses Gottes; denn ER will, dass wir das „Leben“, das „ewige Leben“ haben, wie es im 1. Johannesbrief heißt. Nun sind wir also zu dem zweiten Begriff unseres Predigtextes gelangt. Gott selbst gibt also Zeugnis von sich, damit wir, damit Sie und ich, gestern und vor allem heute und auch morgen leben können.

Dazu gehört eben auch, daß Gott und mit ihm Jesus Christus, sein Sohn, ganz genau unsere Sorgen und Nöte kennen, die uns daran hindern, ein wirklich erfülltes, sinnerfülltes Leben zu führen. Wie sonst hätte Jesus so einfühlsam auf Marthas Klage eingehen können, nachdem ER in ihrem und ihrer Schwester Maria Haus eingekehrt war, und sagen können: „Halt einmal ein in deiner Geschäftigkeit. Du machst dir zu viel Gedanken, du sorgst dich um viel zu viel. Komm einfach mal zur Ruhe und besinne dich auf das, was für dich selbst jetzt wirklich wichtig ist. Schöpfe so neue Kraft!“

Ja, wer von uns kennt das nicht, diese Getrieben-Sein, dieses Gehetzt-Sein, dieses Nicht-Zur-Ruhe-kommen können, weil wir soviel zu tun haben, uns soviel im Kopf rumgeht, so viele von uns soviel haben wollen. Uns allen sagt Jesus genau das, was er Martha seinerzeit auch gesagt hat: “Mach mal Pause! Denk auch an dich!“ Denn ER will, dass wir keine Gehetzten und Getriebenen sein müssen, die ständig auf der Jagd nach öffentlicher Anerkennung, ständig auf der Suche nach Bestätigung sind. Wir müssen nicht permanent und dabei stets frustriert um unsere Selbstverwirklichung kämpfen. Gott will, dass wir unser Leben wirklich leben und nicht auf leere Heilsversprechen irgendwelcher Gurus und ihrer Helfershelfer hereinfallen. Woher sollen z.B. dekorative, aber tote Steine, wie sie uns als Heilsteine angeboten werden, die Kraft haben, uns als Gehetzte und Getriebene lebendiger zu machen?

Ich weiß es nicht! Ich weiß nur: Wenn wir immer wieder auch innehalten, uns besinnen, auf das horchen, was für unsere Seelengesundheit wirklich notwendig und heilsam ist, wie es Jesus der Martha vor rund 2000 Jahren angeraten hatte, dann wird uns heute schon ein Anteil am ewigen Leben geschenkt, dann ist das wie ein Gehaltsvorschuss. Wir müssen nun nicht mehr von der Angst und der Sorge um ein erfülltes Leben umgetrieben werden. Wir sind so frei, daß wir uns auf das besinnen können, was wirklich für uns wichtig ist, was tatsächlich von dauerhaftem Wert ist.

Das Leben zu haben, für das Gott sich selbst als Zeugnis gibt ist nicht ohne den Sohn, den Gottessohn zu denken – dem dritten Kernbegriff in unserem Predigttext …

Wer den Sohn hat, der hat das Leben …

heißt es darin. Ich denke, als der Verfasser des Briefes diesen Satz schrieb, hatte er auch die Worte Jesu aus dem Johannesevangelium im Sinn:

Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. (Joh 11,25.26)

Das Leben – das ewige Leben – wird uns also nicht zuteil ohne den Gottessohn. Allerdings, das ist die Bedingung: Wir müssen an Christus Jesus glauben, d.h. im letzten: Wir müssen ihn bekennen. Nur, wenn wir ihn bekennen, dann wird ER auch Wirklichkeit in unserem Leben.

Vor Jahren bekam ich von einem Pfarrer eine Karikatur zugefaxt: Ein landläufig „Penner“ genannter Mann steht vor einer geschlossenen Haustür, an der ein Schild befestigt ist: „Betteln und Hausieren verboten“. Aus einem offenen Fenster des zugehörigen Hauses tönt es: „Komm Herr Jesus, sei du unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.“. Pikanterweise trägt dieser ebenso verblüfft wie traurig dreinschauende Penner einen Heiligenschein. Es ist Jesus selbst, der vor der Tür steht, die ihm verschlossen bleibt.

Wir müssen nicht ständig von Jesus Christus reden, ihn im Munde führen; aber das, was er uns vorgelebt hat, z.B. an Nächstenliebe, das sollte auch bestimmend für unsere Lebensführung sein. Ohne Christus ist wirkliches Leben, ist das ewige Leben nicht zu haben. Und wenn wir an ihn und seine Auferstehung glauben, so heißt es im Johannesevangelium, dann haben wir Teil am ewigen Leben – ja, dann leben wir auch im Heute, hier und jetzt.

Dieser Glaube an den Gottessohn ist, wie es der evangelische Theologe Jürgen Roloff formulierte, „…nicht Hilfe zum Sterben, sondern Ermächtigung zum Leben …“. Für uns bedeutet das, dass wir unseren Tod nicht als etwas Bedrohliches, uns Angst Machendes fürchten müssen. Keiner von uns – auch ich nicht – weiß, wann und wie unser Sterben sein wird. Dass wir davor eine gewisse Angst haben, z.B. wegen möglicher Schmerzen, kann uns keiner verdenken. Aber der Tod selbst hat – Gott sei Dank – durch seinen Sohn seinen Schrecken für uns verloren; denn wir haben die unverbrüchliche Zusage, dass wir mit unserem Tod endgültig das ewige Leben erlangen werden, von dem wir heute schon einen Vorgeschmack haben dürfen. Wir müssen nur an Christus Jesus, den Gottessohn, und an all das, was er uns in seinem Evangelium gesagt hat, glauben und es leben.

Liebe Schwestern, liebe Brüder! Heute kann ich die Vorstellung meiner Mutter vom ewigen Leben, als unserem Weiterleben in unseren Nachkommen bis zu einem gewissen Grade nachvollziehen, weil ich selber nicht nur Kinder, sondern auch Enkel habe. Dennoch befriedigt mich diese Vorstellung nicht wirklich. Sie ist mir einfach zu kurz gegriffen, weil ich vertröstet werde auf eine unbestimmbare und nicht zu beeinflussende Zukunft.

Aber, wenn ich ehrlich bin, dann kann ich auch heute nicht, ja kann es kein Theologe, ein wirklichkeitsgetreues Bild vom ewigen Leben entwerfen. Das einzige was wir, was Sie und ich und alle Theologen wissen und weitergeben können, ist dies: Lebt so, wie es Christus uns gelehrt und vorgelebt hat, und nehmt Euch für Euch selbst immer wieder eine Auszeit zur Selbstbesinnung, zum Gebet, Jesus tat das ja auch. Wenn Ihr so lebt und an Christus glaubt, dann ist Euer Leben heute und morgen ein Abbild des ewigen Lebens, es ist wie ein Gehaltsvorschuss oder wie ein nicht zurückzuzahlendes, zinsloses Darlehen.

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