Ein Brief von Johannes

„Besser konnte es kaum kommen!“, dachte die Reporterin. Die ersten Minuten waren immer die Entscheidenden. In den ersten Minuten waren die Leute noch so vom Ereignis beeindruckt, dass sie oft ihre unmittelbare Wirklichkeit schilderten. Das war eines der ersten Dinge, die sie auf der Journalistenschule gelernt hatten. 
Diesbezüglich unterschieden sich Journalisten nicht sehr von der Polizei. Deshalb war es so wichtig, möglichst als erste am Tatort zu erscheinen. Ganz unverfälscht kamen dann die Eindrücke aus dem Mund des Betrachters. Nicht nur, weil sich die ersten Meldungen eines Ereignisses sich am besten verkaufen ließen.

Später würden sie dann anfangen, dazu zu dichten, immer mehr würde dann aus der Wahrheit Dichtung. Die Phantasie bemächtigte sich der Wirklichkeit wie blaue Tinte, die man in ein Wasserglas hineinträufelte, unwiederbringlich untrennbar miteinander verbunden. Nicht so, wie sich Öl vom Wasser trennte.

Aber so etwas war ihm noch nicht vorgekommen: Da lag dieser Brief, so anders als alles, was sie sonst so in ihrem Leben erhalten hatte: Name und Handschrift hatte sie nicht gleich erkannt. Neugierig, aber auch etwas unsicher hatte sie den Umschlag geöffnet. Wer schreib überhaupt noch Briefe?

Dann schlug es ihr entgegen: Die Dringlichkeit, diese Überzeugung, dieser Anspruch, alles sei ganz genauso gewesen. So, als hätte Johannes mitgeschrieben, als alles geschah. Oder fürchtete er sich? So als wollten ihm andere keinen Glauben schenken, hielten ihn für unglaubwürdig, ja vielleicht für verrückt.
 Sie kannte Johannes noch aus der Schulzeit. Ein bisschen anders war er immer schon gewesen. Viel hatte sie nicht mit ihm zu tun gehabt, ihn eher belächelt. Er war eher Einzelgänger auf dem Schulhof, hatte wohl andere Interessen gehabt- dachte sie so bei sich. Jahre später hatte sie ihn zufällig noch einmal getroffen. Das war eigentlich eine sehr nette Begegnung gewesen.

Das was da stand umfasste andere Dimensionen, zweifelsohne. Zeit und Raum wurden hier in der Beschreibung überboten. Dieser Johannes ein Verrückter? Wie ging man überhaupt mit Menschen um, die sich so religiös gaben? Konnte sie solche Sätze überhaupt ernstnehmen? Warum hatte er ausgerechnet ihr diesen Brief geschrieben? Nur weil er vielleicht wusste, dass sie für diese große Zeitung arbeitete?

Sie lehnte sich in ihrem Schreibtischsessel zurück:
Glaube, Religion spielten für sie keine Rolle – sie kam auch so sehr gut klar. In einer Welt, die nur die harten, mess- und registrierbaren Fakten nutzte, wirkten Menschen, die glaubten einfach ein bisschen neben der Spur. Ebenso wie der Typ Johannes. Als Journalistin traf man eben auf alle möglichen verrückten Leute.

Den Konfirmandenunterricht, den sie vor vielen Jahren, ja durchlaufen, musste man wohl sagen, hatte, hatte kaum Wirkung bei ihr hinterlassen. Der Pastor war ganz nett gewesen, auch die Freizeiten, aber im Rückblick kam ihr das alles wie vertane Zeit vor. Mitgenommen hatte sie nicht viel. Eigentlich gab es danach nie wieder Kontakt zu ihrer Kirche. Noch nicht mal an Weihnachten ging sie hin, wie so viele.

„Komisch, dachte sie, ich bin immer noch drin, nie ausgetreten. Warum eigentlich nicht?“ Sie verband doch gar nichts mit diesem ganzen Brimborium! 
Und jetzt dieser Brief!
Wir schreiben es nieder, damit wir alle uns gemeinsam von Herzen freuen. Was sollte das in ihrer Welt und vor allem in ihrem Leben für einen Sinn haben.

Kam man nicht auch so ganz gut durchs Leben, ohne Gott, ohne Glauben? Ging es ihr nicht gut, solide Verhältnisse, klares Einkommen als gut verdienende Journalistin in ungekündigter Stellung? Was wollte sie mehr?
Sie war frei, alles jederzeit zu tun, wozu sie Lust hatte: Beruflich konnte sie in ihrem Job die Themen frei wählen. Ihr Chefredakteur mochte sie. Sie hatte einen ganz passablen Bekanntenkreis, sogar einige gute Freundinnen darunter. Auch Urlaubsreisen waren drin, alles war geregelt. 
Im Großen und Ganzen lebte sie glücklich und zufrieden.

Okay, mit den Partnerschaften hatte es nie so richtig geklappt, aber das war doch verschmerzbar, wenn sie die Gesamtsituation betrachtete. 
Sicher, da war ihr Kollege, mit dem sie einige Zeit zusammen war. Aber irgendwie war er es nicht gewesen. Und die kleinen Affären zwischendurch genoss sie als attraktive Frau in ihrem Alter.

Das große Glück, „Mister Right“- davon hatte sie lange geträumt und allmählich war ihr auch durch ihre vielen Interviews mit Prominenten klar geworden, sie kochten letztlich auch nur mit Wasser.
Viele Berühmtheiten hatte sie in den Jahren kommen, aber eben auch gehen sehen. Um die verloschenen Sterne scherte sich nun kein Mensch mehr. Oft hatten solche Menschen mit verkrampften Aktionen versucht, selber wieder ins Rampenlicht zu kommen.

In der Regel vergebens, bis auf ganz wenige Ausnahmen. Die machten dann aber auch nicht gerade einen erlösten Eindruck. Eher so als ob sie versuchten, eine im Grunde genommen verlorene Festung noch zu halten.
Einige von diesen erloschenen Sternen hatte man vielleicht nach Jahrzehnten noch einmal besucht. Unter dem Motto: „Was macht eigentlich …?“

Da hatte sie eine ganz vorteilhafte Position als Beobachterin.
In dem Brief, der vor ihr lag, klang alles so anders: nach Erregung und Aufregung. Er war so unterschieden von Vielem, was sonst so als mögliche Sensation auf ihren Schreibtisch lag.
Johannes schient begeistert von seiner Erfahrung zu sein, gerade so als hätte sein Leben nun eine ganz neue Wendung genommen. Er war so alt wie sie, in den besten Jahren, aber irgendwie auch in der Mitte des Lebens angelangt, genauso wie sie. Jedenfalls kam es ihr jetzt so vor.

Was wir sahen und hören, künden wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt, die Gemeinschaft, die uns alle mit Gott, dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus verbindet.

Was würde eigentlich bei ihr noch so geschehen? Sie merkte plötzlich, wie sie vor diesem Gedanken zurückschreckte und wie dieser Brief sie anfing, aufzuregen. Denn sie ertappte sich dabei, dass es eine ziemliche Gleichförmigkeit auch in ihren Abläufen gab. Sicher, alles war angenehm, aber eben nicht mehr besonders. Und wenn alles so weiterliefe, was würde sie dann am Ende ihres Lebens einmal sagen?
„ Keine besondere Vorkommnisse? Irgendwie alles gut und solide“.

Johannes hatte etwas, wofür er brannte. Noch einmal Brennen in der Mitte der Vierziger?
Gut, er schrieb etwas aufgedreht und ungewöhnlich. Sicher war das ein Teil seiner Veränderung. Dennoch schien er etwas entdeckt zu haben und sein Leben hatte sich verändert, möglicherweise sogar geändert. Sie schaute wieder auf die Zeilen:

Mit eigenen Ohren hörten wir, mit eigenen Augen sahen wir, was von Anfang der Welt ist und gilt. Wir schauten es und betrachteten es mit eigenen Händen, und nun berichten wir Euch davon.

Nicht etwa, dass er die ganze Zeit nur von sich selber schrieb. Er berichtete sozusagen mit Haut- und Haaren, was in seinem Lebensvollzug anders geworden war. Er schien plötzlich etwas mit diesen oft so rätselhaften Ausdrücken aus vergangenen Tagen für sein Leben anfangen zu können.

Es ging um Beziehung. Anders als die Beziehung, die zwischen Menschen erlebt werden: Da gab es Verluste, Tod, Enttäuschungen, immer wieder Machtspiele. Für sie eben auch einer der Gründe, sich auf niemanden einzulassen, denn das konnte gefährlich werden.

Gott hat es gesagt und es gilt: dass wir Anteil haben sollen an seinem Leben.
Was war Leben? Wenn sie Johannes richtig verstand, ging es über das hinaus, was man jahre-, ja was dachte sie denn, jahrzehntelang leben konnte. Das gemächliche Dahinfließen des eigenen Lebenslaufes, der so vor sich hin mäanderte. Eher stetig, als reißend, eher gemächlich als strudelnd.

Jetzt gab es noch einmal die Möglichkeit, etwas Neues auszuprobieren, was sich im Grunde genommen bewährt hatte. Nicht laut und dröhnend, sondern behutsam und langsam war es auf sie zugekommen – in einem unauffälligen Umschlag. Jetzt war da leise still und überraschend eine Möglichkeit gekommen, den Flusslauf ihres Lebens zu ändern. Sie spürte, wie sich die Neugier in ihr regte: Was bedeutete es, „Anteil am Leben Gottes zu haben?“ Johannes hatte es für sich herausgefunden. Ob er davon etwas ihr weitergeben könnte? Die ersten Eindrücke waren die wichtigsten und unverstelltesten, denen musste man trauen. Das hatte sie gelernt.
Sie nahm ein Blatt Papier und begann zu schreiben, wie von selbst kamen die Worte: „ Lieber Johannes!“

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