Menschenfreudlichkeit statt Menchenfeindlichkeit

Liebe Gemeinde,
im Islam kennt man von Gott 99 Namen, die sein Wesen beschreiben und die dem Gläubigen helfen sollen, Gott besser zu verstehen und ihn zu loben. Würde mich ein Muslim fragen, welcher Name der schönste Name Gottes für uns Christen ist, dann würde ich den heutigen Bibeltext zitieren, der für mich in wunderbarer Weise den Kern des Christentum und das Wesen Gottes auf den Punkt bringt. Ich würde sagen der schönste Name lautet der „Menschenfreundliche“.

Ja, Gott ist ein Freund des Menschen. Er ist uns Menschen freundlich gesinnt, ohne dass wir dafür etwas tun müssten, ohne dass wir uns dieser Freundlichkeit erst würdig erweisen müssen.
Wir Christen glauben an einen wahrhaft menschenfreundlichen Gott. Alles andere was wir über Gott sagen, von ihm behaupten, ihm zuschreiben, muss sich an diesem Begriff messen können.

Liebe Gemeinde,
ist gibt kein anderes Fest im Kirchenjahr, das uns die Menschenfreundlichkeit Gottes besser vor Augen führt, als das Weihnachtsfest. Gott offenbart sich so, wie wir ihn in seinem Wesen am ehesten verstehen und am leichtesten annehmen können. Er offenbart sich als Kind, verletzlich, hilfsbedürftig, als einer aus dem Volk, einer ganz von unten.

Und die Geburt Jesu zeigt, wie Gott zu uns ist und wie er zu uns kommt. Nie von oben herab, nicht als Herrscher, sondern als Mitmensch, als Mitbruder, als Wegbegleiter, als jemand, der auf Augenhöhe zu uns spricht.
Menschlichkeit und Menschenfreundlichkeit als Prinzip Gottes sind das schönste Kennzeichen für den christlichen Gott.

Schade nur, dass sich dieses Gottesbild in der Theologie und in der Kirchengeschichte so wenig durchgesetzt hat. Und so möchte ich heute die Gelegenheit nutzen, um ein Plädoyer für den menschenfreundlichen Gott zu halten.

Dazu gehört es natürlich auch im Rückblick, manches anders zu deuten, als es die Menschen in früheren Zeiten gemacht haben. Zur Zeit des Alten Testamentes glaubten die Israeliten z.B. dass der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ein Gott sei, der mit ihnen in den Krieg zieht. Für errungene Siege wurde Gott gedankt, als ob es sein Sieg gewesen wäre.

Seit uns in Jesus Christus der menschenfreundliche Gott erschienen ist, müssen wir auch das Alte Testament mit anderen Augen lesen und sagen: Gott hat schon immer Gewalt als Durchsetzung seiner Herrschaft abgelehnt. Nur diese Botschaft der Bibel, die sich natürlich auch schon im Alten Testament, findet hatte es immer schwerer sich durchzusetzen. Und es kein Zufall, dass am Heiligen Abend oft aus Jesaja 9 vorgelesen wird: „4 Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.“ Ein Text, der auch im Introitus heute als Kervers gesungen wurde.

Die Botschaft des menschenfreundlichen Gottes wurde und wird auch in der Geschichte der Christenheit, bis auf den heutigen Tag, nicht wirklich ernst genommen.

In 2000 Jahre Kirchengeschichte waren die Kirchen vielfach selbst Kriegstreiber im Namen des Kreuzes. Sie haben sich gegenseitig verfolgt und getötet oder zum Kampf gegen die Heiden aufgerufen. Bis auf den heutigen Tag wird immer wieder der Namen des christlichen Gottes missbraucht, um Krieg und Waffengewalt im Kampf gegen das Böse zu rechtfertigen.

Warum fällt es uns eigentlich so schwer an einen menschenfreundlichen Gott zu glauben?

Das hängt, denke ich, einmal damit zusammen, dass es uns schwer fällt, an das Gute im Menschen zu glauben. Wenn schon der Mensch schlecht und böse ist, dann bedarf es auch eines Gottes, der den Menschen straft und Rache übt.

Ich frage mich, ist der Mensch wirklich so schlecht oder reden wir ihn schlecht und ist da nicht auch eine Theologie mit schuld die seit Jahrhunderten von der Schlechtigkeit und Sündhaftigkeit des Menschen spricht.

Ein Gott der Rache scheint oft wichtiger gewesen zu sein, als ein die Menschen liebender Gott.

Der Gott der Krippe, der Gott des Friedens und des Lebens steht oft im Hintergrund, verdrängt von dem Gott, der ein Opfer am Kreuz verlangt hat.

Liebe Gemeinde, unser Reden von Gott, unser ganzer christlicher Glaube wäre ein anderer wenn wir weniger vom Gott des Kreuzes als vom menschenfreundlichen Gott der Krippe sprechen würden.

Und das ist doch gerade die Botschaft die unsere Gesellschaft und unsere Welt heute braucht. Eine Welt, in der die Würde des Menschen mit Füßen getreten wird. Eine Welt, in sich schleichend neue Wertmaßstäbe durchgesetzt haben.

Es muss einen schon verwundern oder vielleicht ja auch nicht, dass inzwischen jährlich Studien veröffentlicht werden, wie die bekannte Heitmeyer Studie, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Menschenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft zu beobachten und zu dokumentieren.
Dargestellt wird in dieser Studie, wie z.B. ganze Gruppen mit menschenfeindlichen Äußerungen abgewertet werden. Das Schlagwort, das sich durch diese Studie, sich inzwischen fest etabliert hat, heißt „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“.

So heißt es z.B. auf dass 49,3 % der Befragten in Deutschland der Aussage zustimmen, dass die meisten Arbeitslosen nicht wirklich daran interessiert seien, einen Job zu finden. Solche negative Einstellungen gegenüber ganzen Gruppen, verfestigen sich dann zu bleibenden Vorurteilen, die nur noch schwer zu ändern sind.

Weitere Themen, die untersucht werden, sind unter anderem die Abwertung von Obdachlosen oder Behinderten in unserer Gesellschaft, auch die Ablehnung von Ehen gleichgeschlechtlich liebender Menschen fallen darunter.

Es ist erschreckend wenn, wie es in der Studie von 2008 heißt, „über ein Drittel der Deutschen den Aussagen tendenziell zustimmen“ dass unsere „Gesellschaft … sich weniger nützliche Menschen … nicht mehr leisten“ könne. Und „etwa 40 % der Befragten sind der Ansicht, in unserer Gesellschaft würde zuviel Rücksicht auf Versager genommen“.

Liebe Gemeinde,
je kleiner der Kuchen wird, den es zu verteilen gibt, je schwieriger die Lebensumstände für Menschen werden, um so mehr nimmt die Gefahr zu, den oder die andere als Gefahr und Bedrohung zu sehn.

Es ist aber erschienen „die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands“.
Weihnachten ist das klare Ja Gottes zu seiner Schöpfung Mensch, ohne wenn und aber.
Eine neue Form des Miteinanders liegt in diesen Worten. Menschenfreundlichkeit als Weltprinzip. Menschenfreundlichkeit als Grundlage allen menschlichen Handels, weil Gott selbst dieses Prinzip vorgegeben und vorgelebt hat.

Heute konzentrieren wir unseren Blick auf die Krippe und das Kind, aber natürlich ist uns das ganze Leben Jesu vor Augen, das Leben eines den Menschen liebenden Menschen.

Und das schönste Geschenk für das Kind in der Krippe wäre, „die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands“, in unserem Leben und in unserer Welt sichtbar werden zu lassen.

Amen

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