Liebe ist, so wie Gott ist!

Die gute Stube ist festlich geschmückt. Der Weihnachtsbaum erstrahlt im Schein von Kerzen und Kugeln. Liebevoll verpackte Geschenke stehen bereit und die ganze Familie hat sich fein gemacht. So stehen viele heute Abend an der Türe zum Weihnachtsszimmer, liebe Gemeinde.

Und bestimmt kennen Sie die Gefühle, die einem in diesem Moment bewegen: wir sind eigenartig berührt, erwartungsvoll, ja glückselig. Für einen kurzen Augenblick geraten alle anderen Dinge in den Hintergrund. Sorgen, Zweifel und Probleme scheinen für einen geraumen Moment keine Rolle mehr zu spielen. Denn es ist Weihnachten. Das Fest auf das sich alle freuen. Ja, das ist Weihnachten. Man kann es eigentlich nicht erklären, wie und warum? Aber es ist, als ob uns plötzlich eine andere Macht berührt. So ähnlich wie es Michelangelo auf dem berühmten Gemälde „Die Erschaffung Adams“ dargestellt hat. Gott und Mensch berühren sich auf geheimnisvolle Weise.

Für einen kurzen Augenblick fällt alles Unwichtige von uns ab. In diesem Augenblick ahnen, ja spüren wir etwas von der geheimnisvollen Liebe Gottes. Sie ist verwoben in die Worte des Evangelisten Lukas, der von der Geburt des Heilands erzählt; und sie findet sich wieder im Brief des Paulus an Titus, einen seiner wichtigsten Mitarbeiter auf den Missionsreisen. Paulus spricht geradezu von einer „Epiphanie“, von einer unvermuteten Erscheinung und Selbstoffenbarung Gottes. Gott wird als Mensch geboren, denn nur auf diese Weise kommt Gottes Liebe in die Welt. Mir fällt dazu ein Gedicht von Joseph von Eichendorff ein:

Es war, als hätt´ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Nicht der Himmel sondern Gott selbst küsst gewissermaßen die Erde, indem er zu uns kommt als kleines Kind. Und jedes Jahr beim Betreten des Weihnachtszimmers spiegelt sich diese Begegnung wieder; packt mich eine eigenartige Ehrfurcht und Ergriffenheit, als wäre Gott nun auch in mir geboren. Und das kommt nicht von den Geschenken, nicht vom Weihnachtsschmuck und nicht vom Festtagsbraten, sondern ganz allein deshalb, weil wir es hier mit einer geheimnisvollen Macht zu tun haben, die größer ist als alles, was wir uns vorstellen können. Diese geheimnisvolle Macht greift zu uns herüber in der Geburt jenes kleinen Kindes im Stall von Bethlehem. Der allmächtige Gott wird als ein kleines unscheinbares Kind geboren. Paulus beschreibt es mit den Worten: „Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen!“ Bedingungslos und wie ein riesiges Ausrufezeichen lese ich diesen Satz in meiner Bibel. „Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen!“ Bedingungslos wendet sich Gott uns Menschen zu. Wahre Liebe stellt eben keine Bedingungen, wahre Liebe spricht für sich selbst. In einem Lied der Sängerin Nena heißt es:

Liebe soll nicht,
Liebe kämpft nicht,
Liebe wird nicht,
Liebe ist.
Liebe sucht nicht,
Liebe fragt nicht,
Liebe ist, so wie du bist.“

Gottes Liebe ist wie dieses kleine Kind in der Krippe. Sie ist einfach da – bedingungslos! Und die heilsame Gnade Gottes gilt allen Menschen – ohne Ausnahme. Wenn es nach uns geht, liebe Gemeinde, dann fügen wir hie und da schon mal die eine oder andere Bedingung ein. Vor allem in den Wochen vor Weihnachten kann man Erwachsene hören, die zu ihren Kindern sagen: „Wenn Du nicht brav bist, kommt das Christkind nicht zu Dir.“ Seit wann ist die Geburt des Heilands an Bedingungen geknüpft?

Ich stelle mir für einen kurzen Augenblick vor, jemand würde zu uns Erwachsenen sagen: „Wenn ihr nicht endlich Frieden schafft auf Erden und der Gewalt und dem Morden Einhalt gebietet, dann fällt Weihnachten heuer aus.“ Oder jemand würde sagen: „Wenn ihr nicht endlich etwas dagegen unternehmt, dass die Armen noch ärmer und die Reichen noch reicher werden, dann könnt ihr Weihnachten vergessen. Oder jemand würde sagen: „Wenn ihr von Kopenhagen nicht mit einer weltweit verbindlich geregelten CO2-Reduzierung nach Hause kommt, dann gibt es heuer nichts zu Weihnachten.“ Natürlich ist das Quatsch, liebe Gemeinde, aber es zeigt umso mehr die bedingungslose Liebe unseres Gottes, der nicht durch einen erhobenen Zeigefinger, nicht durch Gesetzte und Verordnungen, nicht durch Strafandrohung und Gewalt die Welt zu verändern sucht, sondern der vielmehr ein Zeichen seiner bedingungslosen Liebe setzt, in der Geburt des Heilands in Bethlehem.

Gott sei Dank hängt Weihnachten nicht von uns und unserem Verhalten ab. Gott sei dank hängt Weihnachten ganz allein an Gottes Gnade. Gott ist gnädig, selbst zu einer gnadenlosen Welt. Er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Er wird Mensch, obwohl er nur zu gut weiß, wozu Menschen immer wieder fähig sind. Er wird Mensch, obwohl er doch schon weiß, wie dieses Kind in der Krippe einmal enden wird. Gott ist gnädig, auch in einer gnadenlosen Welt!

Denn so und nur so lassen sich Menschen für die Liebe gewinnen. Liebe kann man nicht machen. Liebe kann man nicht erzwingen. Liebe kann man nicht befehlen. Liebe kann man nur geben und hoffen, dass sie Früchte trägt. Wer den Brief an Titus liest, der spürt, dem Paulus ab, wie sehr er darauf hofft, dass sich Menschen durch die Liebe Gottes bewegen und verändern lassen. Jene Liebe, die bedingungslos allen Menschen erschienen ist, in dem Kind von Bethlehem.

Hören wir noch einmal die Worte des Paulus in einer neueren Übersetzung: „Denn Gottes Barmherzigkeit ist sichtbar geworden, mit der er alle Menschen retten will. Sie bringt uns dazu, dass wir uns von aller Gottlosigkeit und allen selbstsüchtigen Wünschen trennen, dafür besonnen und rechtschaffen leben, wie es Gott gefällt. Denn wir warten darauf, dass sich unsere Hoffnung bald erfüllt: dass unser großer Gott und Retter Jesus Christus in seiner ganzen Herrlichkeit erscheinen wird. Er hat sein Leben für uns gegeben und uns von aller Schuld befreit. So sind wir sein Volk geworden; bereit, von ganzem Herzen Gutes zu tun.“ Amen.

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