Ich habe doch sein Wort

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
hat Gott eigentlich eine Biographie, eine Lebensgeschichte, die man aufschreiben kann?
Der amerikanische katholische Theologe Jack Miles hat es zumindest 1996 versucht.
Eine Biographie spürt Lebenswege auf , zeichnet Entwicklungen nach, beschreibt Entscheidungs- und Wandlungsprozesse, weiß von Anfängen, Umbrüchen und Abschieden.
Aber kann man wirklich von Gott so reden, wie man von Menschen reden kann?
Wir stellen uns Gott immer absolut und unwandelbar vor, einer, der immer schon war, was er ist – so ganz anders als wir Menschen, die wir immer im Werden und Entstehen und Verändern sind.
Aber auch Gott hat zumindest in der Erfahrung der Menschen eine Geschichte. Er war nicht immer für die Menschen von Anfang an Schöpfer des Himmels und der Erde.
Er war Stammesgott, Kriegsgott, Naturgottheit lange bevor er Befreier aus Ägyptenland, Wüstenwanderer und Weltenherrscher wurde, alles Gottesbilder im Wandel der Zeiten.
Sein Bild, sein Wesen, sein Charakter hat sich den Menschen erst nach und nach erschlossen – und zwar im Wandel der Zeiten.
Menschen begriffen erst langsam, dass Gott sich nicht reduzieren lässt auf einzelne Funktionen, Aufgaben oder Orte.
Er wurde für die Menschen erst langsam groß.
Oder umgekehrt formuliert: die Menschen erkannten erst nach und nach im Laufe von vielen Generationen, mit wem sie es von Anfang an zu tun hatten. In dem Sinne hat Gott eine Biographie, hat er eine Geschichte mit uns Menschen, die wechselvoll, abwechslungsreich, spannungsvoll und brüchig ist.
Nichts war von Anfang an so, wie es ist.
Weihnachten unterstreicht dies eindrucksvoll.
Gar nicht so sehr,weil natürlich ein Kind von vornherein Entwicklung bedeutet. Es muss sich seine Welt erst erobern. Es braucht Begleitung, Schutz, Fürsorge. Es muss erst heranwachsen,um erwachsen sein Leben selbst verantworten zu können.
Nein Weihnachten unterstreicht dies, weil es einen Schlusspunkt oder einen Höhepunkt markiert auf dem Weg, wie Gott sich den Menschen annähert , vorstellt, mitteilt.
Nichts anderes meint dieser großartige Auftakt in diesem schwierigen,mit unverständlich fremd anmutenden Bildern gefüllten Brief, allgemein an die Hebräer adressiert, an Menschen, die die hebräische Bibel gut kennen: „Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn.“
Es gibt eine Vorgeschichte, eine Geschichte der Väter und der Mütter, die erinnert und erzählt werden will.
Viele von uns sind mit dieser Geschichte und ihren Geschichten in der Christenlehre oder im Religionsunterricht aufgewachsen.
Sie sind mit Abraham aufgebrochen, haben mit Sarah um den verheißenen Sohn gebangt, haben den Streit zwischen Jakob und Esau miterlebt, haben mit Mitleid oder Spott Josephs Weg verfolgt, können Mose und seinen Bruder gut verstehen, sind selbst Wüstenwanderer oder Eroberer des gelobten Landes geworden.
Das sind die Geschichten, die Menschen mit diesem Gott verbinden, die Menschen wie wir mit diesem Gott haben. Und sie haben einen roten Faden: Gott ist immer in einem spannungsvollen Dialog mit seinen Menschen. Da wird geglaubt, gehofft, gebangt, gerungen, gefeilscht.
Nie geht es wirklich sprachlos zu, selbst wenn manchmal nur noch eine Frage im Raum stehen bleibt.
Das ist ja eine mutige Behauptung, mit der der Hebräerbrief einsetzt: Gott hat geredet und Gott redet.
Das ist nicht so allgemein behauptet wie Gottes Schöpfungswort, dass alles ins Leben rief, sondern so konkret gemeint, wie wir miteinander reden, wie mein Wort jetzt laut und hörbar im Raum steht.
Gott redet mit Menschen.
Weihnachten behauptet das gegen unsere vermeintlichen Alltagserfahrungen, in denen Gott nicht vorzukommen scheint.
Aber er redet.
Er redet, wenn wir miteinander beten und singen, wenn wir Gottesdienst miteinander feiern, wenn wir Brot und Wein teilen, wenn wir die alten und doch so aktuellen Geschichten erinnern.
Er redet, wenn wir ihn zu Worte kommen lassen.
Er füllt unser Schweigen mit seinem Zuspruch.
Er spricht zu uns, so wie er zu unseren Vätern und Müttern gesprochen hat, in dem er Boten, Menschen, Engel sendet, die unsere Weg kreuzen
Er hüllt sich und sein Wort in Menschenworte.
Gott ist nicht verstummt, auch wenn unsere Fragen und unsere Klagen ihn an den Rand drängen, unsere Zweifel ihn bedrängen.
Ja, vieles fragt ihn und damit auch unseren Glauben an:
„Wo ist dein Gott?“ werden wir gefragt angesichts des Hungers und der Ungerechtigkeit, angesichts der Gewalt und des Hasses, angesichts der Launen der Natur und der unzähligen Opfer, die auch in diesem Jahr wieder zu beklagen waren.
„Wo ist dein Gott?“ fragen mich unzählige Lebensgeschichten, in die Krankheit und Tod zur Unzeit hereinbrechen.
Aber ich halte daran fest: Gott ist nicht verstummt. Er klagt mit den Verfolgten, weint mit den Traurigen, lacht mit den Glücklichen, harrt bei den Einsamen aus.
Ich halte es da ganz mit Johannes: ich habe doch sein Wort.
Ein menschgewordenes Wort, eins zum Anfassen und eins zum Betrachten.
Und die Lebensgeschichte dieses Wortes zeigt doch, wie Gott es mit uns meint: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium gepredigt.
So hat es einst der Prophet Jesaja angekündigt und so antwortet Jesus auf die Anfrage des Täufers nach seiner Person.
Gott spricht aus jeder Erinnerung an diesen Jesus von Nazareth.
Jesus ist Gottes Wort mitten in unser Leben hinein.
Er ist Gottes Anspruch, Gottes Maßstab an mein Handeln.
Er ist Gottes Zuspruch, da wo mir Krankheit, Einsamkeit, Schuld und Sorgen das Leben schwer machen.
Er ist Gottes Versprechen, wo ich am Ende bin.
Er ist die Verheißung des Lebens, wo ich bloß noch den Tod erlebe.
Noch vielmehr : wenn ich mir ein Bild von Gott machen will, dann brauche ich nur noch auf diesen Jesus von Nazareth schauen.
Gott mag sich den Menschen nur langsam und mühsam erschlossen haben. Aber Weihnachten feiern wir, dass Gott sich festgelegt und sein wahres, sein den Menschen zugewandtes Gesicht gezeigt hat.
Die Herrlichkeit Gottes leuchtet Weihnachten aus der Krippe und aus dem Stall, sie wächst mitten unter Menschen auf, begegnet den Höhen und Tiefen des Lebens und kann selbst am Kreuz nicht getrübt und gebrochen werden.
Gottes Herrlichkeit ist nicht unendlich fern und unendlich fremd, sondern endlich angekommen im Menschenalltag.
Ich muss keine andere Meinung, keine andere Ansicht mehr von Gott haben als die seines Sohnes.
Mit einem einzigen Satz hat das Evangelium dieses Tages das ganze Evangelium, die ganze frohe Botschaft zusammengefasst: Und das Wort ward Fleisch, wurde Mensch und wohnte unter uns.
Worte verlangen danach ausgesprochen und weitergegeben zu werden.
Worte wollen sich nicht ohne Resonanz im Raum verlieren, sie wollen nachklingen, nachhallen.
Wenn wir heute und die nächsten Tage Weihnachten nachfeiern, dann ist das so etwas wie der Raum in dem Gottes Wort, ein Wort der Liebe und des Lebens, in uns nachklingen kann.
Wir sollten es aufnehmen, im Herzen bewahren und dann weitersagen.
Darin lebt und wirkt Gottes Wort: das Menschen sich ansprechen lassen und dann weitersagen: Gott ist angekommen mitten unter uns. Schau, sein Sohn. Du darfst ihm vertrauen. Glaube nur. Du bist nicht allein . Amen

drucken