Rums, das Christkind kommt!

Liebe Gemeinde!

Dezember 1975. Universität Bonn. Das waren wilde Zeiten, die sich heute ein Student kaum vorstellen kann. Da sollte zum Beispiel der Bundespräsident Walter Scheel – Sie wissen schon: „Hoch auf dem gelben Wagen“, hat der mal gesungen -, dieser Bundespräsident sollte aus irgendeinem Anlass an einem Gottesdienst in der Universitätskirche teilnehmen. Da ging es rund. Da wurden Plakate geklebt, in den Seminaren Diskussionen angezettelt, Protestversammlungen geplant. Denn das wollten wir Studenten uns so einfach nicht bieten lassen, dass da ein Politiker so mir nichts dir nichts in den Universitätsgottesdienst hineinspaziert mit Bodyguards und – was für uns fast noch schlimmer war: mit einem Protokollchef, der sagt, wie man sich zu verhalten hat.

Na, jedenfalls im Dezember klebte der SHB, der Sozialistische Hochschulbund, Plakate überall im ehrwürdigen Bonner Schloss, wo auch unsere evangelisch-theologische Fakultät untergebracht war, Plakate, die zur großen Weihnachtsfete eben des SHB einladen sollten. Typisch für die Jahreszeit war darauf natürlich ein rotgewandeter Nikolaus zu sehen. Aber, wie das für Sozialisten üblich ist, der ballte seine rechte Hand zur Faust. Und diese geballte Faust schoss dem Betrachter geradezu aus dem Plakat entgegen. An einem Finger war ein Ring zu sehen, einem Siegelring nachempfunden; darauf die Krippe im Stall von Bethlehem. Und über allem in dicken Lettern der Text: „Rums, das Christkind kommt!“

Gewaltig, vielleicht auch ein bisschen gewalttätig. Nun, so waren die Zeiten damals an den Universitäten. Man war nicht zimperlich. Nicht mit den Parolen und auch nicht mit deren graphischer Umsetzung.

Jedenfalls waren das Plakat und natürlich auch die Weihnachtsfete, auf die damit eingeladen wurde, ein voller Erfolg. „Rums, das Christkind kommt“, ist übrigens bei uns Bonner Studenten dieser Jahre zu einer Art Sprichwort geworden.

Warum ich Ihnen das erzähle?

Nun, liebe Gemeinde, machen wir uns doch nichts vor: auch wenn der Slogan von einem sozialistischen, vielleicht sogar kommunistischen Plakat stammt, er trifft ja doch zumindest einen Teil unserer Adventshoffnungen und –vorstellungen.

Noch einmal und auf die Gefahr, dass Sie es nicht mehr hören können: „Advent“ heißt Ankunft; Gott kommt; und zwar nicht nur als „blonder Knabe im lockigen Haar“ zu Weihnachten, sondern auch und vor allem am Ende aller Zeiten als Richter, als Herr der Welt, als der, der alles zu unterst und zu oberst kehrt.

Und dann, dann geht es aber rund hier – und damit ist nicht das lustige Kinderkarussell vor multi gemeint, bei dem aus den Lautsprechern „Stille Nacht“ in der Version von Roy Black quillt. Dann geht es richtig rund, dass allen Hören und Sehen vergeht. Vor allem den Mächtigen und den vermeidlich Mächtigen. Denen da oben. Denen, die sich die Taschen zum eigenen Vorteil vollstopfen. Dann werden all die finsteren Machenschaften offenbar. Dann kann kein bräsiger Kohl sich mehr auf sein Ehrenwort berufen. Dann wird kein meineidiger Graf Lambsdorf mehr ein „Ehrenmann“ genannt. Dann müssen Ross und Reiter genannt werden. Und dann werden die Quittungen präsentiert für all die Kungeleien und finsteren Geschäfte der Macht. Dann kommt alles ans Licht, auch die geheimsten Schurkereien.

„Rums, das Christkind kommt!“

In die Erleichterung von uns kleinen Leuten, dass dann, am Ende aller Tage, wenn Gott kommt, wenn es hier zur Sache geht – in unsere Erleichterung hinein mischt sich dann aber nicht auch ein leichtes Erschrecken? Wie sagt Paulus:

der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen?

Da ist ja nicht nur von den finsteren Taten derer die Rede, die mir unsympathisch sind. Da geht es ja nicht nur um das, was in Stern, Spiegel und Focus durch den sogenannten „investigativen Journalismus“ im Laufe der Zeit dann doch noch herausgekommen ist.

Da kommt ja auch ans Licht, was ich für Flecken auf meiner angeblich so weißen Weste habe! Stellen Sie sich vor: die kleine Lüge der Partnerin, dem Partner gegenüber. Die kleine Schummelei bei der Steuererklärung. Der mit der Bohrmaschine zurückgedrehte Tacho beim letzten Autoverkauf. Der Rempler mit der Tür, der den Kratzer am neben uns stehenden Auto verursacht hat und den Gottseidank keiner mitbekommen hat. Das Schweigen, als sich die Kassiererin letzte Woche zu unseren Gunsten vertippt hatte. Das unbewiesene Gerücht, das wir genussvoll letztens beim Tee in der Nachtbarschaft weitererzählten. Der empörte Augenaufschlag neulich, als wir von der harmlosen Untat eines Bekannten hörten, der unsere Bemerkung unterstrich: „Das könnte ich nie und nimmer tun!“

Das alles kommt ans Licht! Rums, das Christkind kommt! Und das ist dann gar nicht mehr lustig. Das trifft uns – um im Bild zu bleiben – „voll auf die Zwölf“! Das trifft uns wie ein Faustschlag. Denn wir pflegen doch nach außen hin ängstlich die Fassade der Wohlanständigkeit, des Saubermannes und der Sauberfrau, des biederen Bürgertums. Und nun – der doch zumindest spätestens, wenn der Herr kommt, bleibt das nicht mehr unter der Decke unseres Schweigens?! Kommt es heraus, dass auch wir keinen Deut besser sind oder anders waren als die, über die wir hergezogen sind, über die wir uns das Maul zerrissen haben?!

Rums, das Christkind kommt! Tiefschlag. Technischer und wirklicher KO! Der Adventskranz geht in Rauch auf. Der Lebkuchen und der Stollen bleiben uns im Halse stecken. Wir verschlucken uns hoffnungslos am Winterzaubertee mit Rumaroma. Beim Vortrag des Kinderchores von „Macht hoch die Tür“ denken wir ängstlich: haltet bloß das Tor zu, lasst ihn nicht herein, egal wie kalt der Winter ist.

Liebe Gemeinde, bevor wir jetzt vollends in Panik geraten, lassen Sie uns in aller Ruhe noch einmal den Predigttext für heute lesen, vor allem den letzten Teil:

Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden.

Haben Sie das mitbekommen?

Dann wird einem jeden sein Lob zuteil werden.

Da steht „Lob“. Wirklich und wahrhaftig. Das ist jetzt kein pastoraler Taschenspielertrick, um am Ende doch noch die Predigt gut ausgehen zu lassen. Das steht wirklich da:

einem jeden sein Lob zuteil werden.

Das steht wirklich „Lob“, das einem jeden zuteil werden wird. Da steht nicht, dass Gott einen jeden im Regen stehen lässt, nackt und blamiert bis auf die Knochen; das steht nicht, dass Gott als großer Weltenrichter all die kleinen Verfehlungen von Kindertagen bis ins Greisenalter einem jeden vorhalten wird. Ins Goldene Buch geschrieben und laut zu unserer Blamage und zur Belustigung der Umstehenden vorgetragen, wie es die Nikoläuse und Weihnachts männer unserer Kindertage taten, bei denen man eher an gut informierte Stasi-Offiziere dachte als an freundlich ältere Herren aus der Nachbarschaft in Mutters rotem Bademantel.

Nein, liebe Gemeinde, am Ende aller Tage, wenn der Advent Gottes in seinem Kommen seine endgültige und abschließende Vollendung findet, dann hören wir nicht die Vorhaltungen unserer Verfehlungen. Dann hören wir Gottes Wort. Sein Wort an uns. Und das wird lauten: Du bist mir recht, denn du bist mein Kind.

Advent. Gott kommt. Und eben nicht: Rums, das Christkind kommt! Darum möchte ich auch schließen mit einer Strophe aus Johannes Kleppers Adventslied:

Gott will im Dunkel wohnen / und hat es doch erhellt. / Als wollte er belohnen, / so richtet er die Welt. / Der sich den Erdkreis baute, / der lässt den Sünder nicht. / Wer hier dem Sohn vertraute, / kommt dort aus dem Gericht.

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