Maria – eine starke Frau

Liebe Gemeinde!

Vor Weihnachten müssen wir Pastorinnen und Pastoren ja immer Krippenspiele ausssuchen für die Grundschule, für den Kindergarten, für Heiligabend. Das heißt: die Suche für Heiligabend haben mir netterweise unsere Kinderchorleiterinnen abgenommen und die Durchführung auch. Aber es ist so, dass ich spätestens nach den Herbstferien Bücher und Materialien sichte und schaue, welches Krippenspiel könnte für unsere jeweiligen Gottesdienste passend sein. Es gibt ja auch jedes Jahr neue Materialien und immer wieder neue Versuche, die Weihnachtsgeschichte in eine Form zu bringen, die Kinder verstehen und die auch sinnvolle Aspekte heraus arbeiten, was die Weihnachtsgeschichte für uns heute noch bedeutet.

In diesem Jahr bin ich auf einen Entwurf gestoßen, der mir sehr ungewöhnlich erscheint. Es ist ein Krippenspiel, das einmal die Maria in den Mittelpunkt stellt. Und zwar auf eine ganz andere Art und Weise als sonst. Das finde ich interessant. Vielleicht können wir das Spiel ja auch einmal aufführen. Es beginnt damit, dass im Kindergottesdienst die Rollen für das Krippenspiel verteilt werden sollen. Die Mädchen reißen sich darum, ein Engel zu sein. Das war, glaube ich schon immer so. Hier gibt es auch Erwachsene, die schon mal ein Engel im Krippenspiel waren. Ich weiß nicht, ob auch schon einmal eine von den Frauen hier die Rolle der Maria gespielt hat. In meinem Krippenspiel ist es jedenfalls so, dass keines der Mädchen sich um Maria reißt. Sie sagen: Eigentlich ist die Maria irgendwie langweilig. Sie ist immer nur brav. Lieb und still. Sie lässt alles mit sich machen und trottet nur immer hinterher. Nicht mal dem Josef sagt sie ihre Meinung.

Die Leiterin des Kindergottesdienstes weist darauf hin, dass die Maria in der Bibel aber auch ganz anders dargestellt wird. In dem Lied, was sie singt, in dem Magnificat, das wir gelesen haben, da ist sie eine ganz starke, mutige Frau. Und später, als Jesus schon erwachsen ist, da ist sie sehr energisch. Einmal will sie Jesus zurück holen nach Hause. Sie streitet mit ihrem Sohn. Und später, als sie erkennt, wer Jesus ist, da gehört sie zu den mutigen Frauen, die ihn am Kreuz nicht allein lassen. Eine Mutter, die bei der Krippenspielbesprechung dabei ist, ist beeindruckt davon, dass Maria eine sehr nachdenkliche Frau ist. In der Weihnachtsgeschichte steht, dass sie alles in ihrem Herzen bewegt, was die Hirten berichten. Die Mutter staunt darüber, dass das sogar aufgeschrieben wird. Das heißt ja, dass das den Schreibern wichtig war, dass das nicht übersehen werden sollte.

Als dieser Kindergottesdienst-Vorbereitungskreis zusammen mit den Kindern über die Rollenverteilung spricht und über Maria, da kommen die jugendlichen Mitarbeiter auf die Idee, sie könnten ja selber ein neues Krippenspiel schreiben und zwar eines, in dem Maria einmal ganz anders in den Blick kommen sollte als sonst, eben nicht als stille, folgsame Frau, mit der etwas geschieht, sondern als starke Frau, die aktiv mitwirkt an Gottes Reich.

Das Krippenspiel, das dann entsteht, orientiert sich an dem Magnificat, an Marias Lobgesang. Als Maria zu ihrer Cousine Elisabeth geht, erzählt sie ihr ganz stolz, was Gott Großes mit ihr vor hat. Als sie mit Josef wegen der Volkszählung nach Bethlehem geht, schimpft sie auf den Kaiser, der das befohlen hat. In herkömmlichen Krippenspielen wird ja das Wort des Kaisers immer an den Anfang gestellt, als unwiderruflich, oft noch mit einem Trommelwirbel unterlegt. Im neuen Krippenspiel sagt Maria – wie schon im Magnificat: Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und die Geringen richtet er auf. Zu Josef sagt sie: Augustus meint wohl, er sei selber ein Gott! Selten wird der Befehl des Kaisers so in Frage gestellt.

Als Maria und Josef in Bethlehem ankommen, nehmen sie es in den meisten Krippenspielen so hin, dass kein Platz für sie zu finden ist. Bereitwillig gehen sie schließlich in einen Stall, um dort das Kind zur Welt zu bringen. In dem modernen Krippenspiel, das ich gefunden habe, schimpft Maria auch über diese Schmach: Wenn die Menschen hier wüssten, welches Kind hier geboren wird, dann wären sie nicht so mit uns umgegangen. Sie weiß, dass Gott Großes mit diesem Kind vor hat. Schließlich empfängt sie nach der Geburt die Hirten im Stall. Und sie ist sicher: An den Hirten hat sich bereits gezeigt, dass Gott die Verhältnisse umkehrt. Die Niedrigen wird er erhöhen. Das haben die Hirten bereits erlebt.

So endet das neue Krippenspiel. Es holt die Maria aus ihrem angestaubten Image. Die Katholiken haben Maria ja schon immer mehr in den Mittelpunkt gestellt. Sie beten sie sogar an. Das tun wir Evangelischen nicht und wollen es auch nicht. Aber es würde uns auch neue Erkenntnisse bringen, wenn wir sie ein bisschen mehr beachten würden, so wie in dem neuen Krippenspiel. Maria musste ja schon viele Interpretationen ertragen. Sie galt als Gegenbild zu Eva: Eva, die Verführerin, die Adam den Apfel hingehalten hat- Maria, die Reine mit der unbefleckten Empfängnis, die vollkommen göttlich ist. Daraus ist sogar ein Wortspiel entstanden: die drei Buchstaben der EVA und auf der anderen Seite , die umgekehrte Reihenfolge der Buchstaben: AVE, das AVE Maria, sei gegrüßt, Maria.

Meine Konfirmanden bleiben noch in jedem Jahrgang an der Frage der Jungfrauengeburt hängen. Es hat sich immer noch nicht herum gesprochen, dass vielen bedeutenden Personen früher die Jungfrauengeburt angehängt wurde, um sie noch bedeutender oder sogar göttlicher zu machen. Außerdem hat die sprachliche Herleitung der Jungfrauengeburt auch etwas mit unterschiedlichen Übersetzungen und Deutungen zu tun. Da wird nämlich in einer Prophezeihung im Alten Testament von der jungen Frau geredet, später wird diese Stelle mit Jungfrau übersetzt. Keiner muss die Jungfrauengeburt glauben, wenn er Christ sein will. Trotzdem will uns diese Geschichte ja etwas sagen, und diese Wahrheit hat ihr Gewicht für uns.

Maria hat JA gesagt zu Gottes Weg mit ihr, aber nicht nur still und brav und als Werkzeug, sondern sie hat eingestimmt in Gottes Weg. Sie hat sich auf das Wort des Engels gestützt und hat ihre eigenen Schritte getan. Eigentlich war sie die erste Christin. Sie hat zuerst geglaubt, dass Jesus von Gott kam. Sie hat geglaubt, dass Jesu Geburt die Welt umkehrt. Sie ist überzeugt, dass Gott sein Volk nicht vergisst und dass er die Macht der scheinbar so Großen in Frage stellt. Maria fordert uns heraus zu einem freien Glauben, zu einem mutigen Glauben, der manchmal auch gegen die Zustände in dieser Welt protestieren muss.

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