Keine schwarzen Schafe

Weihnachten ist manchmal so ein friedliches Fest. Dabei wissen wir ganz genau, dass das was da vor 2000 Jahren geschah absolut nicht friedlich war, schon gar nicht niedlich oder beschaulich.

Der Stall, das Vieh, die uneheliche Geburt, alles ist nicht gerade zum jubeln und froh sein, hat nichts von unseren festliche fröhlichen Advents- und Weihnachtsliedern.

Aber was ist das eigentlich wirklich, auf das wir uns vorbereiten? Die Alten wussten noch Adventszeit ist Bußzeit, Vorbereitungszeit – nicht eine kleine Weihnacht wie heute.

Ein alter Text aus dem Titusbrief versucht zu beschreiben, was für ihn, den unbekannten Autor Weihnachten bedeutet:

[TEXT]

Mitten in der finsteren Dunkelheit ist da etwas geschehen. Eine Erscheinung nennt er dieses Geschehen, das eigentlich eine armselige Geschichte war: Ein junges unverheiratetes Paar muss wegen der politischen Verhältnisse auf Wanderschaft gehen. Das die Frau schwanger ist, stört nicht. Was zählte damals das Leben einfacher Menschen?

Nur der Glaube kann in diesem Geschehen das Wirken Gottes erkennen, seine heilsame Gnade, die Vorboten des Ereignisses auf das wir heute noch warten – im Advent, die endgültige Ankunft Gottes bei den Menschen.

Von dieser heilsamen Gnade erzählt der Schreiber und davon, dass sie Folgen hat. Die Hirten stehen ja im 2. Mittelpunkt vieler Krippendarstellungen (wie eine Ellipse haben auch viele Geschichten 2 Mittelpunkte). Die Hirten, bzw. das, was sie repräsentieren stehen auch hier im 2. Mittelpunkt. Die Hirten stehen für die Menschen, die am Rande stehen, die Menschen, die keinen Standort in der Gesellschaft haben, aber sie werden angesprochen von den Engeln. Wir mögen spekulieren, warum gerade sie. Das wird uns nicht weiterbringen. Vielleicht waren sie die Einzigen die in der Lage und bereit waren, den Schein und den Gesang der Engel wahrzunehmen. Vielleicht wollte Gott auch gerade diese als erste an seiner Krippe sehen. Es ist eigentlich egal.

Wichtig bleibt, dass wenn Gott zu Besuch kommt sich auch die Niedrigen herabbeugen müssen, um ihn zu erkennen. Wichtig ist, dass die, die etwas erfahren, einen Weg beginnen müssen. Advent kann nicht im Sessel gefeiert werden. An Weihnachten darf ich nicht stehenbleiben.

Faszinierend für mich, dass die Hirten nach dieser Geschichte verschwinden. Wir hören nichts von ihnen. Waren sie bei der Bergpredigt oder bei den Geheilten?

Wir wissen nichts. Vielleicht wollen uns die Hirten ja auch nur helfen. Für sie wird Weihnachten. Sie sehen Engel und das Kind in der Krippe. So wie uns jedes Jahr wieder bewusst wird, was da für uns geschehen ist. Wir werden nicht müde Weihnachten zu feiern.

Und was tut sich in unserem Leben. Die Hirten kehren wenigstens um und loben Gott. Das ist ein tröstlicher und ermutigender Teil dieser Geschichte. Mehr muss von ihnen nicht gesagt werden, als dieses, dass sie umkehren und Gott loben.

Die Liebe Gottes lässt ihren Platz in der Weltgeschichte dafür groß sein.

Gott ist nicht blind, aber er schaut auch nicht so genau hin, wie kritische Menschen gerne hinschauen. Er sieht die Menschen, aber ihn interessiert nicht, ob schwarz oder weiß, ob blond oder braun, ob groß oder klein, ob dick oder dünn. Er sieht nur die Menschen und ihnen schickt er seinen Sohn, weil er weiß, dass sie Liebe brauchen: Liebe und Zuwendung. Sie brauchen diese heilsame Gnade Gottes von der Titus erzählt.

So ist das noch heute: Menschen suchen, sie suchen Gnade Gottes in unseren Kirchen – bei uns, den Menschen seines Wohlgefallens. Das sind nämlich auch wir, die wir uns hier versammeln heute – wie an jedem Sonntag.

Die Botschaft von der ‘heilsamen Gnade’, die unter uns erschienen ist, die uns dazu befreien kann, einander anzunehmen, als Geliebte Gottes. Die Hoffnung beleben, dass da noch etwas ist, was uns gilt.

Das wäre doch wahrhaft Weihnachten: wir kennen keine ‘schwarzen Schafe mehr’, sondern erkennen uns gegenseitig als Brüder und Schwestern mit Eigenheiten – und liebenswert. Das größte Weihnachtsgeschenk wäre das.

Auf dem Weg, auf den mich die Taufe gestellt hat, bin ich auch auf dem Weg zu diesem Stall, bin ich auch auf dem Weg zur heilsamen Gnade, Menschen zu sehen und in ihnen Bruder und Schwester zu erkennen.

Wofür steht unser Leben im Advent, an Weihnachten und danach … ?

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