Geduldig fröhlich starken Herzens hoffen

Eigentlich gilt Jakobus in guter protestantischer Tradition eher als strohern, spröde, kratzig und unansehnlich.
Heute hören wir ihn ganz erden, bodenständig und beinahe blumig:
“der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange Frühregen und Spätregen.”
An den ersten Wintertagen ein frühlingshaftes Bild, das zur Geduld einladen und die Herzen stärken will.

Geduld im Advent war früher nicht so meine Sache.
Wie lang war doch die Zeit vom 1.Dezember und dem ersten Türchen im Adventskalender bis zum Heiligen Abend. Und wie zäh waren die Stunden vor der Bescherung. Sie wollten kein Ende nehmen und waren für uns Kinder eine lehrsame Qual.
Heute ist das ganz anders. Ich bin noch gar nicht richtig in der Adventszeit angekommen, da steht Weihnachten schon vor der Tür. Meine Geduld ist überhaupt nicht mehr gefragt, dafür viel mehr Gelassenheit, nicht außer Atem zu kommen bei der Schnelllebigkeit und den Ansprüchen unserer Zeit. Was muss nicht alles bedacht und vorbereitet werden. Allein der Gedanke daran kann schon ganz unruhig machen.
Gott sei Dank gibt es die Sonntage als willkommene Unterbrechungen dieser Alltagshetze. Gott sei Dank ist in der vergangenen Woche ein Zeichen zur Stärkung dieser Unterbrechungen für alle gesetzt worden. Denn der Sonntag ist kein Privileg der Gläubigen, sondern ein Menschenrecht aller.
Wie soll ich denn das Herz stärken, wenn nicht durch Phasen der Unterbrechung, der Ruhe, der Stille, der Umkehr, der Besinnung ? Und dafür bieten die Adventssonntage reichlich Gelegenheit mit ihren ganz eigenen Akzenten, mal einladend, mal eindrücklich, mal aufrüttelnd, mal überschäumend freudig.

Was man bei Jakobus beinahe überhören kann, ist die nachdrückliche Ernsthaftigkeit des zweiten Advents. Im Evangelium mit seinen furchteinflößenden, apokalyptisch, aber in unseren Tagen so realistisch anmutenden Bildern klingt das an.
Das Kommen des Herrn ist kein gemütlicher Adventsbesuch unter Freunden gewissermaßen bei Kaffee und Stollen, sondern ein gewaltiger Umbruchs- und Klärungsprozess auf den alles hinauslaufen muss.
Nichts kann so bleiben wie es ist, auch wenn wir uns so gemütlich eingerichtet haben. Die Welt, die Schöpfung, alle Kreatur seufzt und schreit und wartet auf Erlösung. Wir schaffen es nicht alleine.
Wir schaffen es nicht einmal, mit den von uns selbst verursachten Problemen klar zukommen. Und allein das auszuhalten kostet schon mehr Geduld als die meisten von uns aufbringen.

Jetzt soll in einigen Tagen in Kopenhagen die große Weltklimakonferenz beginnen, alle wissen um die Dringlichkeit der Verringerung bei den CO2 Emissionen, aber es wird gefeilscht und gehandelt wie auf einem orientalischen Basar und in Tatenlosigkeit verharrt.
Wir wissen um die Sackgassen in der Energiepolitik mit den Folgen für Natur und Umwelt, wir wissen um das Artensterben, um den übermäßigen Verbrauch von Ressourcen und sind unfähig, die nötigen Schritte zu tun.
Wir wissen um die galoppierende Staatsverschuldung und die Last, die wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen, und kommen über Kosmetik und Schönwetterreden egal in welcher politischen Färbung nicht hinaus.
Man kann schon fragen, welche Früchte wir da unter Früh- und Spätregen wohl werden wachsen sehen.
Ohne in einen grundsätzlichen Pessimismus zu verfallen: die Lern- und Entwicklungsfähigkeit des Menschen und der Menschheit sind begrenzt.
Erlösung im Kommen des Herrn ist die Hoffnung eines geduldigen und nüchternen Realismus.

Ich gebe zu die frühe Christenheit war da von einer großen Ungeduld geprägt. Das “Bald” und die “Nähe” konnten sie kaum erwarten und lebten schon wie im Umbruch.
Aber weil sich nichts entscheidendestat, weil die Zeit ihren gleichmäßigen Lauf nahm, Frühling, Sommer, Herbst und Winter, Jahr für Jahr, verzweifelten sie und drohten das letzte bisschen Geduld zu verlieren.
Ich habe das Gefühl wir haben die notwendige Ungeduld verloren. Denn wir haben uns in der nicht enden wollenden Zeit bequem eingerichtet. Wir denken nicht in Augenblicken, sondern in Jahrhunderten.

Nehmen wir nur aus gegebenem Anlass das Kloster Lindow mit seiner über 750 jährigen Geschichte. Was für ein Geist, den die alten Mauern und Ruinen bis in die Gegenwart verströmen: Ausdauer, Beständigkeit, ein Hauch von Ewigkeit, weil ich hier Geschichte und Leben und Glauben von Menschen in einem ungeheuren zeitlichen Abstand buchstäblich anfassen kann. Auch sie haben schon gehört und geglaubt und gewartet, dass der Herr kommt. Und auch sie fühlten sich immer wieder ganz nah dran. Diese Mauern sind in Stein überkommene Geduld. Denn über ihnen fällt seit Jahrhunderten Frühregen und Spätregen und immer noch zeugen sie von dem Glauben und der Hoffnung, die wir von Generation zu Generation weitergeben und bewahren.
Jesus Christus ist zur Erlösung von unserer Unfähigkeit, uns selbst zu befreien, in die Welt gekommen und er wird kommen, diese Welt, Gottes Schöpfung aus ihrer Verzweiflung, ihrer Vergeblichkeit und ihrer Verletzbarkeit zu retten.
Unsere Ohnmacht, die Verhältnisse nachhaltig zu verändern und zu verbessern, lähmt uns deshalb nicht, dennoch zu tun, was in unseren Kräften steht, weil wir der Macht Gottes und seiner Herrlichkeit vertrauen.

Gott ist Gott und er kommt.
Darauf dürfen wir geduldig hoffen und vertrauen.
Daran kann auch die Zeit, die über uns vergeht, nichts ändern. Daran kann auch der Wandel, den wir in der Geschichte unserer Orte ablesen können und den wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten mit atemberaubender Geschwindigkeit erleben nichts ändern. Aus Klöstern mögen Damenstifte und später Ruinen werden.
Die Globalisierung mag die Welt immer kleiner und zugleich unüberschaubarer machen. Die Lebenswelten mögen sich immer schneller wandeln und mancher mag dabei nicht mehr mitkommen.
Aber all das ändert nichts an der Grundhoffnung, die der Advent atmet: diese eine Welt, die wir haben, ist und bleibt nicht sich selbst überlassen, sie bleibt auch die eine Welt Gottes, von der er nicht lassen will, in die er gekommen ist, immer wieder kommen wird, um am Ende zu herrlich erscheinen und sie zu vollenden.
Solch ein Glaube und solch eine Hoffnung birgt eine ungeheure Gelassenheit und eine wunderbare Geduld in sich, weil sie das Entscheidende bei Gott weiß.
Sie stärkt das Herz, weil sie Gott mehr traut als den Menschen.
Und sie erwartet, dass Gott sein Wort hält und zu seiner Vollendung kommt. Alles zu seiner Zeit, zu Gottes Zeit.

Bis dahin heißt es: Gott sei Dank für seine Geduld, die er mit uns hat.
Und das meine ich im Kleinen wie im Großen.
Gott sei Dank für die Geduld, die er mit mir hat, der ich mich treiben lassen von der Hektik des Allltags und der Fülle der Aufgaben, denen ich oft doch nur ungenügend gerecht werden kann. Aber mein Ungenügen sieht Gott geduldig an und dann genügt es ihm, so dass ich getrost mit meinen Aufgaben wachsen kann. Geduld in unserer Unvollkommenheit. Gott kann mit ihr dennoch etwas anfangen.
Und Gott sei Dank für seine Geduld, die er mit seiner Menschheit hat, dass immer noch seit Noahs Zeiten gilt: solange die Erde steht soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Darum geduldig und fröhlich hoffen und glauben zur Stärkung des Herzens: das Kommen des Herrn ist nahe!

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