Abwarten und Tee trinken!

Predigt Jakobus 5,7-8

„So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn.
Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.
Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.“

Liebe Gemeinde,

in den Wochen vor Weihnachten wird in den Häusern wieder viel gebacken. Bei uns stand die Bäckerei gestern Woche auf Programm. Unsere Söhne können die Zeit bis dahin kaum abwarten. Ich weiß nicht, wie oft sie vorher fragen: „Mama, wann backen wir?“ Nun, schließlich ist es so weit, meine Frau schließt sich mit den drei Großen und allen Zutaten in Küche ein – und mich und den Kleinsten aus, dann geht es los!
Doch selbst die Herstellung einfachster Plätzchen erfordert eine fast unendliche Geduld von einem Kind. Die einzelnen Zutaten wollen genau nach Rezept in einer ganz bestimmten Reihenfolge verrührt werden. Der Teig muss noch eine Stunde in den Kühlschrank. Der Backofen wird auf eine bestimmte Temperatur vorgeheizt; dann erst können sie alles ausstechen. Und wie die Jungs dann ungeduldig vor dem Backofen stehen, und fragen „Wann sind die Plätzchen fertig?“ – dann sieht es aus, als würden sie am liebsten in den Ofen ’reinkriechen.
“Nein! Du müsst noch warten!” kommt dann als Antwort aus der Küche. Und bevor sie endlich eine heiß ersehnte Kostprobe naschen können muss alles noch abkühlen … Wirklich eine Geduldsarbeit. Aber unser Kinder machen es mit. Denn sie haben ein Ziel vor Augen: leckere Weihnachtsplätzchen.

Geduld ist schwer zu lernen, und es scheint als wenn es mit der Zeit immer schwerer wird. Und warum sollte ich überhaupt geduldig sein? Lebkuchen gibt es beim Aldi schon im September – wieso auch eigentlich nicht? Der Weihnachtsmarkt geht in Bonn auch schon früh im November los – selbst wenn der Glühwein komisch schmeckt bei 15 Grad. Wenn ich aber lieber den Sommer im Winter will, dann fliege ich zu Weihnachten in die Karibik oder flüchte zumindest ins Sonnenstudio. Na ja, spätestens im Februar bricht dann schon wieder der Sommer ein: die erste Erdbeeren aus Spanien sind angekommen – selbst wenn sie noch gar kein Aroma haben.
Wir leben in einer hastigen Welt. Und darin wird der menschenfreundliche Rhythmus zwischen Festtag und Alltag immer weniger erlebbar. Vielleicht sind wir dabei zu vergessen, dass es gut und sinnvoll ist, dass alles seine bestimmte Zeit hat.

Das meint zumindest unsere Evangelischen Kirche in Deutschland. Darauf ziehlt sie mit ihrer Kampagne "Advent ist im Dezember". Zum Advent wird uns so von tausenden Plakatwänden empfohlen: „Abwarten und Tee trinken“ (Plakat zeigen, als download erhältlich unter www.ekd.de/advent_dezember/download/advent_plakat_Tee_DINA5_Farbe.pdf).

Ich gebe zu: Diese Aufforderung packt mich bei eigenen Schwächen. Denn so gerne ich selber Tee trinke – mir fällt es zumindest im Alltag schwer, abzuwarten und geduldig zu sein. Überlanges Warten zerrt an den Nerven. Das sinnlose Warten auf Bewegung im Stau; der Blick, wann sich endlich die Bahnschranke hebt; die Unruhe, wenn die Schlange an der Supermarktkasse nicht kürzer wird, weil einer mit der EC-Karte bezahlt – furchtbar! Zeit wird mir gestohlen, denke ich. Dabei ist diese doch so rar und kostbar.
Warum das so ist, dass uns das Warten schwer fällt? Ich denke, dass wir uns beim Warten unserer begrenzten Macht bewusst werden, die uns manchmal auferlegt ist. Indem ich warte kann ich zum Lauf der Dinge nichts weiter beitragen. Es nutzt nichts, wenn ich am Bahnübergang den Motor laufen lasse – ich kann nicht eine Sekunde früher weiterfahren. Und wenn ich hektisch noch mal die Supermarktkasse wechsele – es geht doch irgendwie immer da am Langsamsten, wo gerade ich stehe. Das, worauf ich warte kann ich nicht weiter beeinflussen. Im Warten merke ich, was ich alles nicht kann, nicht beherrsche. Dabei bin ich sonst doch gewohnt,
alles zu planen und selbst in die Hand zu nehmen. Das verlange ich mir selber ab – und andere erwarten das von mir. Warten ist eine schmerzhafte Erfahrung.

Dagegen steht "Abwarten und Tee trinken", die Tugend der Geduld, an die uns unser Werbeplakat erinnert, zu der uns Jakobus in unseren beiden Versen aufruft. Auch er wirbt förmlich darum mit dem wunderschönem Bild von geduldigem Bauern. Das leuchtet mir ein:Die Frucht wächst nicht schneller, wenn der Bauer daran zieht. Ungeduld nutzt nichts, bringt ihn nicht weiter. Sondern er wartet, „bis sie empfange den Frühregen und Spätregen“. Und wie kann ich zu diesem Langmut, gelassenen Geduld finden? Vor allem: Wo spüre ich, dass gespannte Geduld etwas Anderes ist als sinnloses Warten? Ich glaube, geduldig kann ich nur sein, wenn es eine kostbare Frucht ist, auf die ich aus bin. Wenn mir der Zielpunkt meines Wartens viel bedeutet.
„Geduld ist der lange Atem der Leidenschaft“ hat einmal der Theologe Eberhard Jüngel gesagt. Ich bringe dann den langen Atem auf, wenn ich weiß: Etwas für mich Wertvolles liegt verborgen in der Zukunft. Es ist jetzt noch nicht sichtbar. Aber ich gehe langsam, und zugleich beharrlich diesem Ziel entgegen. Ohne ein inneres Bild vor Augen, ohne ein klar erkennbares Ziel kann ich nicht geduldig sein. Und: Wo viel Liebe, Leidenschaft, ist, dort hat die Geduld ihre Heimat. Erfahrbar wird dies mitten im Leben: Das erfährt der Rentner, der sich seinen Jugendtraum erfüllen will und lange Jahre spart auf die ersehnte Kreuzfahrt. Das erfährt das verliebte Paar, das sich immer nur am Wochenende sehen kann und schon Montags Stunden zählt, bis sie wieder beieinander sein können. Das erfährt die Mutter, die 9 lange Monate ausharrt, bis sie die Frucht ihres Leibes in Armen hält. Das ist der lange Atem der Leidenschaft, die Geduld, die Wertvolles erwartet.

Ebenso ist es im Glauben. Darauf weist uns Jakobus in dieser Adventszeit, in dieser Zeit des Wartens. Wir haben etwas Wertvolles zu erwarten – nichts Geringeres als die Ankunft unseres Gottes selbst. Durch Jesus Christus hat Gott uns seine Gegenwart versprochen. Dabei geht er den oft schweren Weg durch unseren Alltag mit, baut geduldig am Haus unseres Lebens. Er gibt uns die Zusage seiner Nähe für alle Zeit! Das ist doch wirklich das Warten auf seinen Advent wert! Wie ein Bauer auf die Ernte, die Ankunft seiner kostbaren Frucht aus ist, dafür seine Pflanzen düngt, sie von Unkraut befreit, Früh- und Spätregen abwartet – so leben wir mit der kostbaren Pflanze „Glauben“ auf unsere Hoffnung hin. „Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott“ hat Matthias Claudius in seinem bekannten Erntelied gedichtet. Und er meint damit: Warten muss nichts allein Passives bleiben. Ich kann den ersehnten Zielpunkt vielleicht nicht eher herbeiführen, das liegt bei Gott allein. Aber ich kann, ich soll mich darauf einstellen, darf meine Hände gebrauchen, um mich vorzubereiten.
Darum suchen wir nach Möglichkeiten, diesem Glauben Gestalt zu verleihen, dem langen Atem der Leidenschaft eine Form zu geben. Und es gibt viele Dinge, die gerade in Adventszeit dabei helfen können.

Ich kehre noch einmal zu den Kindern zurück, Thema Adventskalender: Eine wunderbare Übung in zielgerichteter Geduld. Erfunden wurde sie bezeichnender Weise von deutschen Pietisten. Rund 120 Jahre ist das her, und damals waren Bibelsprüche und Engelbilder hinter den Türchen versteckt. Schon bald endeckte man, dass das Warten mit Schokolade noch leidenschaftlicher wird. Und so erleben Kinder noch heute die Spannung, wie sich Tür um Tür öffnet, am liebsten alles auf einmal verputzt wird – aber nein, dann wäre ja die (Vor-)Freude vorbei! Täglich ein Türchen, und die Tage vergehen Schritt um Schritt. Zuletzt wartet etwas ganz Großes Ein großes Geschenk, aber auch das Wissen: Heute ist Weihnacht! Kinder verbinden viele Hoffnungen mit diesem Fest. Und auch wir Erwachsenen spüren in der Adventszeit besonders unsere Sehnsucht nach Geborgenheit. Es ist die Zeit des geduldigen Wartens auf das große Ziel, das Kommen Gottes.
Adventskranz, Kerzenschein, abwarten und Tee trinken:
Vertraute Symbole und Riten öffnen unsere Herzen, entzünden unsere Leidenschaft – und helfen uns Schritt für Schritt näher der Heiligen Nacht zu kommen. Gott kommt! Er wird arm, klein und unscheinbar und macht sich so sehr auf den Weg zu uns, dass er ein Teil von uns wird. Er schafft sich Raum mitten in unserem Trubel. Er teilt mit uns, um unser Leben von innen her aufzubrechen und es zu öffnen für sein Licht.
Und wir: Wir erwarten hoffnungsvoll den, der da kommt. Wir bereiten ihm mit unseren Händen Weg, und gehen ihm langsam entgegen.
Auf diesem Weg bewahre der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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