Vorbereitungen

Liebe Gemeinde, Advent ist die Zeit der Vorbereitung. Advent heißt Ankunft. Wir warten in dieser Zeit auf die Ankunft unseres Herrn, unseres Königs. Auf denjenigen, den wir in dem Menschen Jesus von Nazareth als den Sohn Gottes kennen. Wie sagt es unser Wochenspruch? „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ Warum warten wir überhaupt und warum immer jedes Jahr wiederkehrend?

Wir warten, weil wir spüren und wissen, dass diese Welt, so wie sie ist, nicht vollkommen ist. Weil wir sehen, wie viel zerstört ist, auch an den Beziehungen der Menschen untereinander und weil Leben verhindert wird, wo es eigentlich blühen könnte, durch Krankheit und Tod und Leiden. Wir warten immer wiederkehrend, weil wir diese Erinnerung als Rhythmus brauchen, um nicht nachzulassen in dem Bemühen, sich für eine bessere Welt einzusetzen und dass wir etwas haben, zu dem wir fliehen können, wenn uns die Kraft verlässt. So wie der Sonntag der Woche Ruhe und Ausrichtung geben kann, so können die Zeiten, die wir im Kirchenjahr begehen, uns helfen, die Orientierung zu behalten.

Advent heißt also auch: „noch nicht da“ – zumindest nicht vollständig. Advent heißt Warten, sich vorbereiten auf den, der da kommen will.

Wie bereiten Sie sich vor, liebe Gemeinde, wenn Sie einen hohen Gast erwarten? Vielleicht ziehen Sie sich etwas besonders an, vielleicht putzen Sie die Wohnung besonders sorgfältig, vielleicht bereiten Sie etwas Besonderes zu Essen zu.

Hören wir das Predigtwort für den heutigen Sonntag, in welchem Paulus ein paar Hinweise gibt, wie wir uns vorbereiten können. Wir lesen es im Brief an die Römer im 13. Kapitel, die Verse acht bis 14.

[TEXT]

„Das tut, weil ihr die Zeit erkennt“, schreibt Paulus. Welche Zeit? „Nämlich, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf.“ Es ist ein weiteres Bild des Wartens und des Vorbereitens: vom Schlafe aufstehen, um sich für den Tag zu rüsten. Auch das, liebe Gemeinde, wird wohl jeder von uns etwas anders gestalten. Aber im Großen und Ganzen dürfte wohl gemein sein: sich waschen und reinigen von den Gerüchen der Nacht, sich ankleiden, sich in irgendeiner Form für den Tag stärken: Essen, einen Kaffee trinken o.ä. Sich überlegen, was heute ansteht, was zu tun ist, wo ich hin muss. Das Überzeugende an diesem Bild: nach jeder Nacht kommt ein neuer Tag, in den ich starten muss. Und wenn ich nicht den ganzen Tag im Bett liegen bleibe, so werde ich etwas tun müssen – ich muss dem kommenden Tag irgendwie begegnen und ihn angehen. Das gilt für die guten, wie für die schlechten Tage. Die Tage in Freude und in Leid. Die Tage, wo die Ferien beginnen genauso wie die Tage, an denen eine schwere Schulaufgabe ansteht. Die Zeit kommt. Jeder Mensch weiß, dass der neue Tag kommt.

Die Christen wissen, dass nach dieser Welt eine neue Welt kommt, so wie nach der Nacht ein neuer Tag beginnt. Und weil sie sich dessen gewiss sind, wollen sie sich ordentlich auf den Tag vorbereiten. Ordentlich in diesen neuen Tag, diese neue Welt starten. Also keine Vertröstung auf einen St.-Nimmerleinstag mit einem irgendwie gearteten Paradies, der uns auffordert, diese Welt hier nur still in Ruhe zu ertragen, sondern von der anderen Seite her gedacht. Weil ich doch in den Tag ordentlich starten will, muss ich mich auf ihn vorbereiten. Ich muss vom Schlaf aufstehen und all die Dinge tun, dir mir dabei helfen, in den Tag zu kommen. So wie das Wissen um den kommenden Arbeitstag die meisten von uns einen Wecker stellen lässt, damit wir nicht zu lange in den Federn liegen, genau so beeinflusst das Wissen um die kommende Welt das Verhalten der Christen in dieser Welt. „Die Stunde ist da, vom Schlaf aufzustehen.“ – So schreibt es Paulus. „Lasst uns ablegen die Werke der Finsternis.“

Advent und Wartezeit heißt deswegen auch Vorbereitungszeit. Deswegen hängen auch die violetten Paramente, genauso wie bei Buß- und Bettag oder wie in der Passionszeit. Adventszeit ist zunächst nicht einfach Freudenzeit – noch ist der Herr ja nicht da – sondern Zeit der Besinnung, des Nachdenkens, wie man sich rüsten soll auf diesen neuen Tag, diese neue Welt. Zeit des Nachdenkens, wie ich mein Leben in dieser Welt in Ausrichtung auf die kommende Welt leben will. Paulus gibt uns ein paar Hinweise: „nicht Fressen, nicht Saufen, nicht in Unzucht leben, nicht in Hader und Eifersucht“. Und er bleibt dabei im Bild. Denn es geht nicht an sich um Essen und Trinken oder um die Sexualität, sondern es geht um das Nächtliche davon – jener Teil, der so tut, als gäbe es den kommenden Tag nicht. „Sorgt für den Leib so, dass ihr nicht den Begierden verfallt.“ Das ist der Punkt: sich nicht beherrschen lassen von den Dingen, die wir zum Gebrauch und zur Freude bekommen haben: Essen und Trinken, unsere Leiblichkeit. Diese sind da, damit wir existieren können und uns daran erfreuen können, aber wir sind nicht um ihrer Willen geschaffen. Im Essen erfüllt sich nicht der Lebenssinn. Vielleicht ist das ganz gut, es gerade in der Adventszeit noch einmal deutlich zu sagen. Weihnachten ist nicht dann gut gefeiert, wenn man ein möglichst üppiges Mahl zu essen bekommt. Weihnachten drückt sich auch nicht darin aus, dass die Geschenke möglichst teuer und exklusiv sind. Sich nicht beherrschen lassen von den Dingen, sondern diese zum Leben zu gebrauchen – das ist heutzutage eine schwere Kunst. Vielleicht ist es eine vorrangige Aufgabe der Christen, dies vorzuleben. All jene Geschenke gut zu gebrauchen, aber so, dass der Mensch darin Zeit findet, sich um das Wesentliche zu kümmern, sich darauf vorzubereiten. Wir schmücken die Häuser zu Weihnachten. Das ist schön und entspricht dem inneren Gefühl für diese Freudenzeit, wenn der Herr geboren ist. Aber es wäre verkehrt, den Sinn der Vorbereitungszeit nur in der Beschäftigung mit diesen Dingen, diesen Objekten zu sehen. Nicht die Frage, wie ich denn das Weihnachtszimmer möglichst schön herrichten kann, sollte im Mittelpunkt der Vorbereitung stehen, sondern das immer neue Ausrichten an der Botschaft der kommenden, der neuen Welt, die in Christus beginnt. Man kann es der Werbung schlecht vorwerfen, denn es ihr Zweck und ihre Bestimmung, aber an ihr kann man lernen, was es heißt, dass Dinge zum Beherrscher des Lebens werden, anstatt sie anzusehen als Gebrauchsgegenstände, die uns helfen, den Alltag zu bestehen. Manch Auto, manch Schmuck, manch Computerspiele werden so beworben, als hätte man mit ihrem Erwerb bereits ein Stück Himmel, ja ein Stück Paradies gesichert. Leider glauben im wahrsten Sinne des Wortes immer mehr Menschen an solcherlei Botschaft und suchen den Sinn ihres Lebens im Haben und Besitzen. Sie vertrauen gewissermaßen auf den Besitz dieser Dinge. Zu spät merken sie, dass auch das jeweils neue Anschaffen und Kaufen und zum-Objekt-machen keine wahre Be-Friedung bringt. Der wahre Helfer – wie es unser Wochenspruch sagt – kommt von woanders.

So wird es eine ganz konkrete Hilfe, die uns Paulus in unserem Predigtwort von heute anbietet: „Lasst uns ehrbar leben wie am Tage.“ Damit wir, liebe Gemeinde, den kommenden Tag, das kommende Reich wachend vorfinden und nicht im Schlaf überrascht werden, gefangen von den Begierden der Nacht.

Paulus aber bietet noch eine Hilfe, die unserem Wort vom Tag und von der Nacht vorgeschaltet ist. Was kann mir denn helfen im Leben, diese Ausrichtung in einfachen Worten immer wieder vor Augen zu bekommen, dass ich sie nicht vergesse und mich an ihr Aufrichten kann? Es ist, so sagt es Paulus, Zusammenfassung aller Gebote: das Liebesgebot. „Den Nächsten lieben wie dich selbst.“

Auf seine einfache Art und Weise macht dieses Wort den gleichen Sprung: weg vom Objekt, vom Besitz, vom Sich-beherrschen-lassen durch eine Sache, hin zum echten, lebendigen Gegenüber. Mit allen Problemen übrigens, weil ein lebendiges Gegenüber ist ja immer schwieriger als eine Sache, ein Ding. Weil es antwortet, anders reagiert, als man gedacht hat, ggf. Ansprüche stellt oder einen in Frage stellt usw. Und dennoch: versuchen, diesem Gegenüber mit Liebe zu begegnen. Achtung dafür aufbringen, dass auch dieser Mensch von Gott geschaffen und geliebt ist und dass Gott einen Plan mit ihm hat, so wie mit mir.

In der violetten Zeit des Kirchenjahres kann das auch heißen, zu bedenken, wo ich denn an meinem Gegenüber falsch gehandelt habe und zu versuchen, es wieder in Ordnung zu bringen. Was hilft das schönste Weihnachtsfestessen, wenn ich am Tisch sitze mit lauter ungeklärten Konflikte: die wird die Gans und der Rotwein nicht, und wenn überhaupt, nur für kurze Zeit zudecken können.

Wer als Christ versucht, oft genug gegen die Weisheit der Welt, mit diesem Vorbehalt der Liebe dem Nächsten zu begegnen, der bereitet sich vor auf die kommende Welt, in der Christus einst der Herrscher sein wird. Auf das Reich der Liebe, der Gerechtigkeit. Wo Leben herrscht und nicht der Tod.

Und der Friede Gottes, der einst herrschen wird über sein ganzes Reich, bewahre Eure Sinne und Herzen in Christus Jesus.

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