Gott bleibt nichts schuldig

Es ist Nacht; Dunkelheit hüllt alles in ein tiefes Schwarz. Nur Umrisse sind schemenhaft zu erkennen.
Es ist still. Menschen schlafen, sammeln in der Ruhe Kraft für den nächsten Tag. Einige müssen wachen, damit andere Ruhe haben.
Einige suchen Ruhe, finden aber keinen Schlaf, wälzen sich in ihren Sorgen und Nöten ruhelos und schlaflos.
Einige fürchten das Dunkel der Nacht, fürchten die Blindheit und die Bedrohung aus der Dunkelheit. Sie möchten fliehen.
Andere möchten die Nacht zum Tage machen, legen erst richtig los, wenn uns der Schlaf längst übermannt hat.
Es gibt Tagmenschen und Nachtmenschen. So unterschiedlich sind wir.
Die Nacht ist vorgedrungen.
Das ist auch ein Lebensgefühl und eine Weltsicht.
Wir tappen im Dunkeln, wenn es um die Lösung der großen Probleme in dieser unserer Welt geht.
Keiner weiß, wie die Spirale der Gewalt in Afghanistan und im Irak gebrochen und diese Regionen in Freiheit wirklich befriedet werden können. Wir alle wünschen und ersehnen einen Frieden, der mehr ist als die bis an die Zähne bewaffnete tödliche Ruhe, aber auch wir Christen haben keine andere Strategie als die mit unseren Gebeten nicht nachzulassen und den Verantwortlichen mahnende,kritische Frager und Begleiter zu sein.
Wir tappen im Dunkeln, wenn es um die nachhaltige Rettung unseres Planeten und seines Klimas geht. Nicht, dass wir nicht wüssten,was zu tun sei. Nein, aber das es an Überzeugungskraft und Durchsetzungsvermögen fehlt, lässt die Zukunft finster erscheinen.
Wir tappen im Dunkeln, wenn wir versuchen die globalen Probleme in Wirtschaft und Politik anzugehen, weil Eigennutz immer noch über dem Allgemeinnutz steht, Mächtige ihre Verantwortung und ihren Einfluss missbrauchen, Vertrautes so schwer aufzugeben ist.
Die Nacht ist vorgedrungen. Die Dunkelheit hat sich breit gemacht, ist auch noch in die letzte Ecke gekrochen.
Es ist zugegebenermaßen ein vertrautes Klagelied, für manche eine alte Leier.
Aber es ist auch ein ernsthafter Versuch den Tatsachen ins Auge zu blicken. Die Nüchternheit des Glaubens nötigt uns festzustellen, das nicht alles gut ist, so wie es ist.
Von der Erlösungsbedürftigkeit der Welt zu reden ist kein krankhafter Pessimismus und kein Ausdruck christlicher Freudlosigkeit, sondern der von uns erwartete Realismus, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Schönredner und Schönfärber gibt es genug. Und geblendet wird Tag für Tag, als könnte ich mit dem gleißendem, bunten Scheinwerferlicht einer künstlichen Welt vom eigentlichen Dunkel ablenken.
Adventszeit ist Bußzeit, weil der Ernst der Lage in den Blick kommt.
Gott muss kommen, damit nicht alles bleibt, wie es ist, damit nicht am Ende die totale Finsternis kommt, damit nicht alles wie in einem schwarzen Loch versinkt.
Advent scheut nicht den wachen, ja hellen Blick mitten in der Nacht.
Advent weiß aber auch um die Endlichkeit der Nacht.
Die Nacht ist vorgedrungen- ja, aber der Tag ist nahe herbeigekommen.
Wenn die Nacht am dunkelsten ist, steht die Morgenröte unmittelbar bevor.
Am Horizont wird bald das erste Licht erscheinen und die Nacht verwandeln. Das ist Erfahrung und das ist Hoffnung. Auch die tiefste und dunkelste Nacht findet einmal ihr Ende.
Von der Erlösungsfähigkeit der Welt zu reden ist ebenso wenig Zwangsoptimismus, wie die Erlösungsbedürftigkeit festzustellen Zwangspessimismus ist.
Es ist vielmehr mit Paulus an der Zeit aufzustehen vom Schlaf, der verdrängt oder verleugnet oder resigniert, denn das Heil ist näher als viele denken und gegen das Dunkel gibt es Waffen des Lichtes.
Paulus hat es längst erkannt und gesagt, wir haben es längst gehört, vielleicht nur überhört.
Darum noch einmal als Überschrift, als Leitmotiv für unseren diesmal ja vielleicht ganz anderen Advent:
Seid niemandem etwas schuldig, außer, das ihr euch untereinander liebt.
Ich will gar nicht in das allgemeine Liebesgerede einstimmen, dass oft genug christliche Rede von Gottes- und Nächstenliebe so schwierig macht. Aber einen Augenblick möchte ich bei diesem „seid niemandem etwas schuldig“ hängen bleiben.
Es gibt ja oft das Gefühl der Hilflosigkeit, doch nicht wirklich etwas ändern zu können. Und alle Appelle zur Weltverbesserung und an unsere Hilfsbereitschaft stehen deshalb in der Gefahr in der Moral zu versinken, das schlechte Gewissen zu aktivieren und uns „runterzuziehen“ in ohnmächtige Schuldgefühle.
Auch der Apostel Paulus, der uns in diesem Kirchenjahr ein treuer Begleiter sein wird, weil die Predigttexte durch die Bank aus den Briefen stammen,liest sich oft genug so.
Die Einladung „seid niemandem etwas schuldig“ dagegen ist eine wunderbare Übersetzung des Liebesgebotes in Taten des Alltages.
Daran kann ich doch mein eigenes Verhalten in aller Gelassenheit ausrichten und hinterfragen.
Was bin ich meiner Familie an Zeit und Aufmerksamkeit schuldig ?
Es ist Advent. Es gibt keine bessere Zeit, als diese, um das zu klären.
Was bin ich meinen Freunden und Bekannten schuldig ?
Es ist Advent. Zu keiner anderen Zeit mit Ausnahme vielleicht der Urlaubszeit werden so viele Grüße verschickt wie in der Advents- und Weihnachtszeit.
Was bin ich meinen Mitmenschen und der gequälten Schöpfung schuldig? Was bin ich mir schuldig ?
Als Bußzeit, als Vorweihnachtszeit dient Advent der Seelenreinigung.
Ich darf mit mir und anderen wieder ins Reine kommen.
Ich wünschte mir eine Adventszeit der Entschleunigung.
Das Jahr mit Anforderungen, das Leben mit seinen Herausforderungen rast mit einem unbeschreiblichen Tempo an uns vorbei und das wird mit dem Alter auch nicht besser, ganz im Gegenteil. Es ist eine im Alter zunehmende Erfahrung, dass die Zeit immer schneller vergeht.
Advent könnte bedeuten, der Stille und der Langsamkeit einmal Raum zu geben. Denn darum geht es, wenn viele sich nach Besinnlichkeit sehnen. Sie wollen dem Sinn all dessen,was unser Leben ausmacht, wieder auf die Spur kommen, nicht nur funktionieren, sondern spüren, dass alles einen tragfähigen Grund hat.
Liebe ist nicht nur ein betörendes Gefühl oder eine praktische, helfende Tat, sondern vor allem der Grund, der mich im Leben trägt und mein Leben erträglich macht. Gott trägt mich, erträgt mich und macht mich erträglich auch für andere. Er bleibt uns nichts schuldig, sondern schenkt uns alles. Darauf bereitet uns der Advent vor. Wenn Gott zur Welt kommen will, dann braucht das seine Zeit. Aber dann ist der Zeitpunkt da, die Nacht vorüber, der Tag angebrochen.
Das ist der nüchterne und praktische Realismus des Glaubens.
Ich werde heute die Welt nicht retten können. Aber Gott wird sie erhalten, tragen.
Ich aber kann sehen und tun, was ich anderen bis dahin schuldig bin.
Ich kann teilen, was mich trägt: meine Hoffnung und meinen Glauben, ebenso wie meine Möglichkeiten, mit denen ich begabt bin.
Mit dem ersten Advent beginnt die 51.Aktion Brot für die Welt.
Auch Brot für die Welt erlöst nicht die Welt, aber hilft zu tun, was wir den Ärmsten schuldig sind . „Es ist genug für alle da“ steht trotzig und klar über der diesjährigen Aktion. Jedes Hilfsprojekt in Afrika, Asien oder Lateinamerika ermöglicht Menschen Leben, lässt Gerechtigkeit konkret werden, hilft die Schöpfung zu bewahren. Im Rahmen der Friedensdekade hörten wir ja, wie Brot für die Welt arbeitet. Und unsere Beteiligung daran ist mehr als nur der Versuch, ein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Es ist eine erste Antwort auf die Aufforderung Liebe konkret werden zu lassen, in dem wir tun, was wir anderen schuldig sind. Und es macht deutlich, dass wir eben doch etwas tun können, jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten. Und jeder einzelne und jede einzelne macht so diese adventliche Grunderfahrung möglich: die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nahe herbeigekommen, das Heil ist nahe, Gott kommt uns nahe. Er bleibt uns nichts schuldig , sondern verschenkt sich an die Welt. Amen

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