Der Weihnachtsfriede in den Schützengräben

PREDIGT TEIL 1
KANZELGRUSS (#860 nach Röm 16,24)
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus,
der die Welt erleuchtet,
sei mit euch allen.

PREDIGT
Liebe Gemeinde,
Weihnachten – das ist die Zeit und es ist der Ort, an dem Gott zu uns kommt,
an dem Gott die Welt und uns verändert,
wo das Leuchten der Christnacht auf uns scheint,
wo das Licht über Bethlehem unsere Kirchen und Wohnzimmer
– und unsere Herzen – erhellt.
Von diesem weihnachtlichen Licht hatte schon der Prophet Jesaja eine Vision, vielleicht könnte man auch sagen:
einen Traum.
Wir hören diese Zukunftsmusik, sie befindet sich im Jesajabuch im 11. Kapitel:

Isaiah 11:1-9

Isaiah 11:1 Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais
und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.
2 Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN,
der Geist der Weisheit und des Verstandes,
der Geist des Rates und der Stärke,
der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.
3 […] Er wird nicht richten nach dem,
was seine Augen sehen,
noch Urteil sprechen nach dem,
was seine Ohren hören,
4 sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen
und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande,
und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen
und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten.
5 Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein
und die Treue der Gurt seiner Hüften.

6 Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen
und die Panther bei den Böcken lagern.
Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben.
7 Kühe und Bären werden zusammen weiden,
daß ihre Jungen beieinander liegen,
und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder.
8 Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter,
und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter.
9 Man wird nirgends Sünde tun
noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge;
denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein,
wie Wasser das Meer bedeckt.

1. Kurze Auslegung und Deutung
Liebe Gemeinde, ist das nicht ein wunderbarer Traum?
Ein Herrscher wird kommen, ein Herrscher des Friedens und der Gerechtigkeit, ausgestattet mit Verstand und der Furcht Gottes.
Er sorgt dafür, dass den Armen und Elenden recht geschieht.
Er sorgt dafür nicht mit Gewalt und Macht, sondern mit dem Stab seines Mundes.
Mit Worten wird er die Bösen schlagen,
diejenigen, die selber auf Gewalt aus sind, tötet der Odem seiner Lippen,
der bloße Hauch seiner Worte bringt die Ungerechten zu Fall.
Es ist das Wort, welches alle Macht besitzt.

Und dann geht der Traum Jesajas noch weiter:
Nicht nur die Menschen untereinander leben unter der Gerechtigkeit des neuen Herrschers,
sondern sogar Tiere, die sich naturgemäß eigentlich Feind sind, wohnen friedlich beisammen.

Was für eine Vorstellung!
Was für ein phantastischer Traum – vielleicht zu phantastisch, als dass wir uns das überhaupt vorstellen können.

Wenn Gott seinen Friedefürsten schickt, dann wird die Welt eine ganz und gar veränderte sein.
Jesaja drückt das aus in der Sprache seiner Welt, mit der Vorstellung von einem himmlischen Tierfrieden.
Und vielleicht denken einige von euch jetzt, dass dieser Traum so unwirklich ist, dass er niemals wahr werden kann.

Um ihn ein wenig greifbarer zu machen,
verstehbarer, was da alles hinter steckt,
will ich euch an diesem Weihnachtsmorgen mitnehmen auf eine Reise zu einem anderen Traum.
Einem Traum, der uns allen näher steht.
Der uns zumindest zeitlich näher steht.
Von seiner Unwirklichkeit, Unfassbarkeit ist er demjenigen des Jesaja fast ähnlich.
– Mit dem Unterschied, dass dieser Traum für kurze Zeit Wirklichkeit gewesen ist.

2. Hauptteil: Weihnachtsträume – der Weihnachtsfriede 1914

Wir reisen 94 Jahre zurück.
Es ist kalt, kälter noch als bei uns jetzt – es ist Kriegswinter im Jahr 1914.
Wie enthusiastisch waren im Sommer die jungen Freiwilligen in den Krieg gezogen!
Kriegsbegeisterung hatte ganz Europa ergriffen.
Bis Weihnachten würden sie wieder zurück sein – siegreich.
Das hatten sie alle gedacht: Deutsche, Franzosen, Engländer.
Doch innerhalb weniger Monate hatte sich der als kurzer Feldzug gedachte Krieg zu einem erbitterten Schlachtenschlagen mit industrialisiertem Töten entwickelt.
In eisigen Schlammlöchern hockten die Soldaten Tag für Tag, Nacht für Nacht.
Da war keine Gelegenheit für ritterliches Schlachtenschlagen, für Tapferkeit und Männlichkeit – wenn es diese im Kriege je gegeben hat.
Wer sich in diesem 1. Weltkrieg zuerst bewegte, wer zuerst sichtbar wurde, zum Kampfe schreiten wollte, der wurde rasch vom Scharfschützen abgeschossen.
Das fürchterliche Artilleriegedröhn und das Trommeln der neuen Maschinengewehre ließ die Seelen erzittern.
Abwarten, in eisiger Kälte.
Nach den ersten fünf Kriegsmonaten war die Westfront eingefroren.
Und noch 47 Monate sollten vergehen, bis dieser sinnlose Krieg zu Ende war.

Weihnachten stand vor der Tür.
Der Papst hatte um einen Waffenstillstand gebeten.
Dieser Wunsch wurde von allen Krieg führenden Ländern abgelehnt.
Die Kämpfe sollten unbedingt weitergehen, wurde befohlen.

So auch in einem kleinen Frontabschnitt in Flandern, wo Deutsche und Engländer in nur 50 Metern Entfernung voneinander in Stellung lagen.
Zwischen den feindlichen Linien, im Niemandsland, befanden sich die Gefallenen, teils mit Schnee bedeckt.

Der Morgen des 24. Dezember brachte einen klaren Tag.
Der ständige Schneefall hatte aufgehört.

Auf einmal trat eine unwirkliche Stille ein.
Kein Laut war mehr zu hören.

Plötzlich gehen auf beiden Seiten hintern den Wällen Schilder hoch.
„Frohe Weihnachten“ steht da, und „Merry Christmas“.
Erste mutige Männer rufen den Gegner an, ihre Gefallenen zu bergen.
Es wurde nicht geschossen, als sie unbewaffnet ins Niemandsland vorgingen.
Und nachdem die Toten beerdigt waren, begannen die Soldaten mit einander zu sprechen.
Geschenke werden ausgetauscht.
Tabak gegen Weihnachtsgebäck,
britischer Schokoladenkuchen gegen bayerisches Bier.
„Um neun Uhr Abends werden die Bäume angesteckt, und aus mehr als zweihundert Kehlen klingen die alten deutschen Weihnachtslieder“, hält ein Soldat fest.

Ein Brite schreibt seiner Frau: „Stell dir vor. Während du zu Hause deinen Truthahn gegessen hast, plauderte ich da draußen mit den Männern, die ich ein paar Stunden zuvor noch zu töten versucht hatte.“

Es dauerte nicht lange, und aus den zaghaften Annäherungsversuchen im Niemandsland wurden freundschaftliche Kontakte:
Die Feinde singen gemeinsam Weihnachtslieder,
spielen Fußball,
veranstalten Radrennen und trinken Bier.

Ein Soldat schwärmt in einem Feldpostbrief:
„Niemals sah ich ein schöneres Bild des Friedens.“
Ein gemeinsamer Gottesdienst wurde gefeiert.
Psalm 23 – der Herr ist mein Hirte – wurde gesprochen, zuerst in Englisch vom deutschen Regimentspfarrer, dann auf Deutsch von seinem englischen Kollegen.

Alle waren der übereinstimmenden Meinung, dass all dies unvorstellbar und unglaublich wunderbar sei.
Auf beiden Seiten wurde den ganzen Abend gesungen.
Man geht heute davon aus, dass mindestens 100.000 Soldaten an dem nicht erlaubten Waffenstillstand teilgenommen haben.

Lasst uns diese Weihnachtsfreude der Soldaten der Weihnacht 1914 nachempfinden – hier in unserer Kirche.
An diesem Weihnachtsmorgen.
Die Soldaten haben „Stille Nacht, Heilige Nacht“ bzw. „Silent Night, holy Night“ gesungen.
Das lasst uns nun auch tun. (EG 46,1-3 = alle Strophen).

LIED EG 46,1-3: STILLE NACHT
[Gesang begleitet von einer Trompete]

PREDIGT TEIL 2

Mit der Geschichte vom Weihnachtsfrieden von 1914 haben wir einen Weihnachtstraum, der in Erfüllung gegangen ist.
Wir wissen ja, dass noch viel Schlimmes folgte.
Dass auch dieser Wirklichkeit gewordene Traum am Ende den grausamen Gesetzen unserer Welt erlag.
Dass das kleine Blümelein des Weihnachtsfriedens von den gewaltigen Stiefeln der Herrn dieser Welt mit Füßen getrampelt wurde.
Noch 1930 urteilte ein britischer Parlamentarier, dass die Soldaten wohl nie wieder zu den Waffen gegriffen hätten, wäre es nach ihnen gegangen.

Der Weihnachtsfrieden von 1914 dauerte nur bis zum 2. Weihnachtstage, also bis heute vor genau 92 Jahren.

3. Ende: Weihnachten allüberall
[Bedeutung für das ganze Jahr; Weihnachten geht immerfort zu Ende und immerfort weiter; man achte auf die kleinen und großen Friedenszeichen]

Liebe Gemeinde, diese Weihnachtsgeschichte hat eine große Bitterkeit.
Das weihnachtliche Licht erreichte die Schützengräben nur für ein paar Stunden, Tage.
Dann war es wieder dunkel.
Es ging nicht nach den Herzen der Soldaten, sondern nach den Gesetzen des Krieges.

Und nun denkt noch einmal zurück an die Vision des Jesaja.
Übersetzt könnte das Bild des Tierfriedens auch so lauten:
„Ich träume von einer Welt, in der Weihnachten ist –
und zwar ewige Weihnachten.“
Feinde beschenken sich, werden zu Freunden.
Waffen werden weggelegt – Lieder werden gesungen.
Man versöhnt sich, verbrüdert sich –
ohne Vorbehalt, ohne Bedingungen.
Einfach so, von Mensch zu Mensch – weil Weihnachten ist.

Im Weihnachtsfrieden von 1914 schien das Licht der Liebe und des Friedens auf.
Mit Jesus Christus haben wir dieses Licht immer bei uns.
Die Vision des Jesaja ist in ihm Wirklichkeit geworden.
Er ist es, der unsere Herzen entzündet.
Der es immer Weihnachten sein lässt.

Und der Friede Gottes,
der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsre Herzen und Sinne
in Christus Jesus.
Amen.

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