Kitsch-Kultur

Im Advent hat der Kitsch Kultur: Menschen sehnen sich nach Frieden und Gerechtigkeit und erwarten Erfüllung von kitschig-schönen Liedern und Ritualen. Und ich möchte das nicht verurteilen. Im Gegenteil – ich gehör ja dazu. Jeder hat eigenen Rituale und es lässt sich schön lästern über die Rituale der Anderen: Über Kaufzwänge an Adventssamstagen, über Feiern, wo süßer die Glocken nie klingen, über grellbunt leuchtende Häuser und blinkende Sterne. Ich kann das auch noch weiter ausmalen.

Aber ich kann auch hinschauen, wie diese Rituale nur Ausdruck sind eines verzweifelten Sehnens nach dem verheißenen Frieden, nach der Liebe zwischen den Menschen. Wenn ich genauer hinschaue, dann entdecke ich hinter den vielerlei Ritualen die Sehnsucht, dass die Menschen endlich lernen miteinander Frieden zu halten und füreinander da zu sein. Dann kann ich vielleicht auch den Menschen ins Gesicht schauen und Schwestern und Brüder in ihnen erkennen. Ich kann mich in meiner Selbstüberschätzung zurücknehmen und den Respekt vor meinen Mitmenschen höher leben lassen. Ich kann lernen, Gott das Urteil über die Menschen zu überlassen, auch über mich und zu leben mit den Menschen, die so sind wie sie sind und nicht wie ich sie gerne hätte. In ähnlichem Sinne schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth:

[TEXT]

Die meisten Menschen legen Wert auf Ehrlichkeit und Gerechtigkeit – und jeder ist davon überzeugt, dass er es richtig macht – und Paulus sagt: wartet auf den Herrn und lasst ihn richten. Das kann mich erst einmal belasten. Ich kenne Menschen, die machen sich selbst fertig, weil sie von sich selbst und von anderen Menschen erwarten, dass sie alles perfekt machen. Das kann Lebensfreude zerstören, das kann Menschen überlasten.

Das kann mich aber auch entlasten, wenn ich die frohe Botschaft höre: ich darf mein Leben leben, in Verantwortung, aber ohne Überforderung.

Rhetorik und Weisheit schaffen eine neue Herrschaftsstruktur in der urchristlichen Gemeinde in der zweiten Generation. Dagegen wehrt sich Paulus. Er hat Angst vor einer Gemeinde, in der sich Menschen aufplustern und gegen andere aufspielen. Ihm graut vor einer Gemeinde, in der Begabungen und Möglichkeiten genutzt werden, um selber groß rauszukommen. Schreckliche Gedanken an eine Kirche, in der Menschen Ämter innehaben um darzustellen und nicht, um Verantwortung zu übernehmen.

Eine Kirche, die in der Erwartung ihres Herrn lebt, wird immer auch eine Kirche sein, in der viele füreinander da sind, einander trösten und stärken. Eine Kirche, die das lebt, was Paulus kurz und knapp ausdrückt: Richtet nicht: Das heißt: Handelt nicht nach Augenschein oder ‚gesundem Menschenverstand‘. Glaubt nicht daran, dass alles, was ihr seht so ist, wie es scheint, sondern wartet auf den Herrn, der sein Urteil sprechen wird – auch über euch.

Bis der Herr kommt ist für ChristInnen in aller Regel eher eine Floskel als eine Glaubensaussage. Für Paulus sieht das anders aus. Er kann warten, und sein eigenes Urteil, seinen eigenen Standpunkt hinten anschieben. Der Herr wird’s richten. Und bis dahin wird seine Gemeinde gemeinsam leben als Haushalterinnen und Haushalter des Wortes Gottes und miteinander um Erkenntnis ringen, was das Kommen Jesu für ihr Leben bedeutet. Dabei verlieren Herrschaftsstrukturen ihren wert. Man redet miteinander und nimmt einander ernst. Das Urteil aber überlassen sie dem Herrn.

Der aber über mich richtet ist der Herr, der Mensch geworden ist – dir Mensch zu Gute. Der Advent des Herrn kann mich davon befreien zum Richter in eigener Sache werden zu lassen.

Zu Zeiten von Paulus gab es kein Weihnachtsfest. Geburtstage gab es nur für Könige und Kaiser, aber nicht für den Wanderprediger. Aber wenn Paulus die Botschaft von der Krippe und den Engeln gekannt haben sollte, was unwahrscheinlich ist, dann wäre für ihn wesentlich geblieben: Das Schauen auf die Krippe befreit mich von dem Zwang, irgendwem irgendwas beweisen zu müssen. Ich bin gut, nicht wegen meiner Leistungen, sondern weil Gott ja zu mir sagt, weil er mir begegnen will in diesem Kind.

Der Text kann mich davon befreien, den Advent Christi zu überfrachten als meine eigene Leistung. Ich werde Jesus nicht näher kommen, indem ich Plätzchen backe und Kerzen anzünde. Er ist mir längst nahe gekommen. Ich kann aber auf diese Nähe antworten mit meinem Leben, in dem ich mich wie er denen zuwende, die Zuwendung brauchen, den Armen, den Leidenden, den Kranken, den Gefangenen, all denen, die im Schatten unserer Gesellschaft leben.

Gegen alle Lehre von Weisheit setzt Paulus seine Lehre der Torheit und Schwachheit Gottes, dessen Kraft in den Schwachen mächtig ist. Die Auferstehung des Gekreuzigten bedeutet: die Macht der Mächte ist gebrochen. Verhältnisse haben sich umgedreht. Das predigt auch das Kind in der Krippe, der Sohn Gottes, der im Dreck eines Viehstalles zur Welt kommt, und dessen erste Besucher Hirten sind.

Die Freiheit der Gemeinde ist wie die Freiheit des Apostels – unmittelbar durch Jesus bewirkt. Dass macht die Verkündigung des Apostel unabhängig von aller persönlichen Kritik an seiner Lehre. Es gibt keinen anderen Richter als den Herrn selber.

Es geht für Paulus um Parteiungen, nicht um Programme. Paulus muss die Distanz seiner Person gegenüber zulassen, weil es um Wichtigeres geht. Er erlebt Schmerzliches. Menschen in der Gemeinde, die er gegründet hat, zweifeln an der Richtigkeit seiner Aussagen, kennen wichtigere Prediger als ihn. Das verletzt ihn, aber er spürt auch: Es geht nicht um Irrlehren, es geht um Wachstum der Gemeinde, dass durch andere Prediger kommt. Und darum nimmt er sich zurück. Was er erlebt, kränkt, auch weil seine Verdienste plötzlich keine Rolle mehr spielen. Aber die Gemeinde wächst und dieses Wachstum, das allein der Herr schenkt ist wichtiger als die Person. Ziel ist Miteinander der unterschiedlichen Auffassungen und gemeinsames Ringen um die Wahrheit und gemeinsames Tragen der Verantwortung für das Evangelium und für die Schwestern und Brüder.

Das Ende des Textes ist ein Ausrufezeichen: Richtet nicht vor dem Advent Christi. Er wird wiederkommen, anders als damals, aber doch derselbe. Wir dürfen auf ihn warten und ihm vertrauen.

Der Welt aber muss erzählt werden, von dem verzeihenden Richter, auf den wir warten. Mit Geduld dürfen die Menschen warten auf das liebevolle Urteil des Weltenrichters.

Im Warten dürfen sie an seiner Gemeinde bauen, am Miteinander und am Aushalten von unterschieden.

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