Licht inmitten der Nacht

Mit einem Mal gehen alle Lichter aus.
Wir stehen im Dunkeln, wissen nicht mehr woher und wohin.
Kein Licht am Ende des Tunnels, kein Horizont zu entdecken, der mir Mut macht, durchzuhalten, weiter zu gehen.
Ich sehe nicht, wohin mein Fuß noch treten kann.
Aus und vorbei.
Das ist die schmerzhafte Wahrheit und die Erfahrung dieses Tages.
An vielen Orten machen sich Menschen auf, die Gräber ihrer Angehörigen, Freunde oder Bekannten zu besuchen.
Die Trauer ist noch frisch oder sie liegt schon Jahre zurück, aber die Erinnerung an diesen Menschen mit seinem Namen und seinem Gesicht ist gegenwärtig.
Der Tod trifft uns immer wieder schockartig, egal wie gut wir uns im Angesicht des Sterbens auch vorbereitet haben.
Wir spüren, wie wir selbst in Frage gestellt werden, weil das auch unser Weg ist – nur, dass wir nicht wissen wann und wie.
Das Gleichnis, das Jesus erzählt, lädt geradezu ein, einzelne Motive auszumalen in unser Leben hinein.
So viele Lebenslichter sind erloschen im zu Ende gegangenen Kirchenjahr. Hinter jedem Namen, an den heute in den Andachten und Gottesdiensten in den Dörfern und Städten erinnert wird, steht eine ganze Lebensgeschichte und Menschen, die mit ihrer Trauer umgehen müssen. Viele tun sich schwer, Trauer auszuhalten, wagen nicht mehr zu fragen, wie es dem anderen geht, weil sie keine Worte, keine Antworten haben.
Wer ist schon klug oder töricht im Angesicht des Lebens?
Was ist Klugheit oder Torheit im Angesicht des Todes?
Sicher, es ist töricht so zu leben, als hätte ich alle Zeit der Welt, als wäre der Zeitpunkt, an dem er kommt – im Gleichnis der Bräutigam; in meinem Leben, der Tod oder die Ewigkeit – verschoben auf den Sanktnimmerleinstag.
Es ist töricht, sich einfach nur treiben zu lassen im Strom der Zeit, im Gleichmaß der Jahre, im stetigen Wechsel von Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Denn Jahr für Jahr vergeht und lässt sich nicht wieder einfangen, ist unwiderruflich vergangen.
Es ist töricht, die Zeit mit den Menschen, die wir lieben, die unsere Wege begleiten, die uns anvertraut sind, nicht auszukosten. Denn jeder Augenblick kann sich einprägen und dauerhafte Spuren in unserem Leben hinterlassen.
Es ist klug, sich an jedem Morgen neu zu freuen an diesem Geschenk Leben, am Licht des Tages, an der Schönheit der Welt, an der Klarheit der Luft und der wärmenden Kraft der Sonne.
Es ist klug, zu genießen, was die Schöpfung so sehr an uns verschwendet. Es ist klug, die Menschen an meiner Seite wahrzunehmen und mein Leben mit ihnen zu teilen.
Es ist klug, damit heute schon anzufangen, damit mir nicht erst im Rückblick bewusst wird, was alles mein eigen war, was mein Leben so reich und erfüllt gemacht hat.
Wenn ich das Gleichnis recht verstehe, dann liegt es an uns, so wie es an den Jungfrauen lag, ob sie vorbereitet auf die lange Wartezeit waren.
Es liegt an uns, ob wir das Leben leben an jedem Tag neu und an jedem Tag einmalig oder ob wir das Leben an uns vorbeiziehen lassen.
Es liegt an unserer Lebenseinstellung und an unserem Lebensverständnis.
Wir wissen nicht um die Länge und Zahl der Tage, um die Länge der Nacht.
Wir wissen nicht, was uns erwartet auf dieser Lebensreise, aber wir wissen, was uns entgegenkommt, was unser Leben begrenzt.
Einer der weisesten Sätze der Bibel, aber auch einer der am schwersten auszusprechenden ist die Psalmbitte: Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.
Wenn wir heute hier stehen und Gottesdienst/Andacht zum Totensonntag halten, dann fangen wir genau damit an, diese Klugheit nicht nur zu erbitten, sondern zu leben!

Mitten in die Dunkelheit scheint dann aber auch ein Licht.
Es scheint nur so, als ob alles im Finstern versinkt.
Es scheint nur so, als könnte die Sonne nie wieder für uns scheinen, weil der Tod sie verschlungen hat.
Jesus erzählt nicht zuerst von Trostlosigkeit und Unbarmherzigkeit, sondern vom Reich Gottes.
Er erzählt von einer Wirklichkeit und von einer Hoffnung, die größer ist als alles, was wir uns vorstellen können.
Er erzählt vom Reich Gottes.
Er erzählt davon, dass es am Ende und in Wahrheit nicht der Tod und die Endgültigkeit sind, die uns in der Nacht entgegenkommen, sondern Gott.
Es wartet nicht die Trostlosigkeit und kaum auszuhaltende Trauer dauerhaft auf uns, sondern ein Hochzeitsfest.
Jesus erzählt eine Lebensgeschichte, die all unsere Geschichten in sich birgt und aufnimmt.
Er macht uns Mut, unsere Lampen heute schon mit diesem Hoffnungsöl zu füllen, dass Unbegreifliches auf uns wartet, dass unser Leben gar nicht alles leisten und erfüllen muss, weil das Große und Ewige erst noch kommt.
Er lässt unser Leben heute schon in einem anderen Licht, in seinem Licht erstrahlen.
Uns sind eine Zahl von Jahren und dann die Ewigkeit geschenkt.
Anders als mit dieser Hoffnung kann ich nicht leben. Mit ihr kann ich aber auch getrost die Wege gehen, die mich das Leben führt.
Ohne diese Hoffnung bleiben wir am Ende im Dunkel zurück.
Die törichten Jungfrauen gleichen Menschen, die unterwegs auf der Strecke bleiben. Sie leben und verpassen das Leben. Sie schließen sich selbst vom Fest des Lebens aus, weil ihr Hoffnungsatem zu kurz ist.
Wer alles nur hier vom Leben erhofft und erwartet, muss am Ende enttäuscht werden.
Wer sich im Leben alles erfüllen möchte, erliegt einer Illusion von Leben, die mit jedem Tod erschüttert und ein Stück weit zerstört wird.
Wer im Leben immer nur an den Tod verliert, wird sich selbst verlieren.
Hoffnung aber findet in Gott Verlorenes wieder.
Unser Glaube lässt uns auf ein großes Lebensfest hinhoffen und entdeckt im Hier und Heute unzählige Spuren, die dieses Fest schon vorweg nehmen.
Unser Glaube gibt die Verstorbenen nicht an die Nacht verloren, sondern weiß sie im Reich Gottes geborgen.
„Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind“ ruft der gleiche Jesus von Nazareth, der uns mahnt, die Klugheit und die Hoffnung zu wählen.
Gott ist größer als unsere Furcht, als unsere Begrenztheit und als alle Todesmacht, die uns im Leben begegnet.
Sie bleibt uns nicht erspart, diese Nacht, in der alles zu versinken droht.
Kluge und Törichte müssen erst in das Dunkel dieser Nacht, ehe der Bräutigam kommt.
Aber er kommt.
Das Reich Gottes kommt.
Gott kommt uns entgegen.
Wir finden unseren Platz in seinem Reich, in seiner Gegenwart.
Dieses Hoffnungsöl will ich in meinem Leben brennen und so für mich leuchten lassen.
Und für unsere Verstorbenen will ich hoffen und glauben, dass ihnen das Lebenslicht in der Gegenwart Gott leuchtet, Ewigkeit sie längst umfängt über alles Verstehen und Begreifen hinaus – um Jesu willen, der uns mit seinem Weg einen Blick in Gottes Ewigkeit geschenkt und den Himmel eröffnet hat.
Darum dürfen wir ganz wach sein und ohne Furcht,aber voller Hoffnung. Amen

drucken