Wider die Ungeduld

Predigt von
Pastor Hartmut Talke
Sandbergweg 23
28790 Schwanewede

Jesus sagte ihnen aber dies Gleichnis: Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg, und er kam und suchte Frucht darauf und fand keine. Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang gekommen und habe Frucht gesucht an diesem Feigenbaum und finde keine. So hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft? Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn grabe und ihn dünge; vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab. Lk 13,6-9
Liebe Gemeinde am heutigen Bet- und Bußtag!
Zu unserer Hochzeit im vergangenen August haben meine Frau und ich einen Geschenkgutschein für drei Nächte in einem Hotel am Steinhuder Meer geschenkt bekommen.
Da wir schon vorher die Idee hatten, im Herbst für ein paar Tage wegzufahren, haben wir uns entschlossen den Gutschein gleich einzulösen. Und weil wir gerne Radfahren, haben wir die Tour ans Steinhuder Meer mit dem Rad zurückgelegt. Von dem Wohnort meiner Frau sind das gut 60 Km gewesen.
Ich bin nun nicht nur ein begeisterter Radfahrer, ich bin auch ein begeisterter Apfelesser. Sie können sich vorstellen, dass bei der guten Apfelernte, die wir in diesem Jahr hatten, auch Anfang Oktober noch jede Menge Äpfel an den Bäumen hingen.
Für einen wie mich, eine willkommene Gelegenheit, überall da, wo ich an die Äpfel herankommen konnte, auch welche zu pflücken.
Ich weiß nicht, wie viele verschiedene Sorten ich auf den 60 Kilometern mitgenommen habe, es waren jedenfalls einige. Und es waren echte Köstlichkeiten darunter.
Äpfel, die man in solcher Sortenfülle in den Läden nicht findet. Da gibt es, sie wissen das, wenn es hoch kommt so zwischen 6 bis 8 Sorten. Alle sehen gleich aus und schmecken auch ziemlich gleich farb- und fantasielos. Klon-Äpfel, genormt und makellos, schön anzuschauen. Als wären sie in eine Form gegossen worden, so liegen sie da. Von Apfel kann man da eigentlich gar nicht sprechen, eher von einem naturidentischen Industrieprodukt.
Ganz anders die naturbelassenen Äpfel, die ich unterwegs gepflückt habe: Manche waren fleckig und nicht besonders wohlgeformt und manche ziemlich unansehnlich, vergleichen mit den Modelläpfeln in den Läden. Es gab auch den einen oder anderen Wurm, um den ich herum gegessen habe. Kein Problem. Aus Kindertagen weiß ich, dass einen so ein Wurm, selbst wenn man ihn aus Versehen mitisst, nicht umbringt.
Wie gesagt, solche Köstlichkeiten sind im Laden nicht zu bekommen, auf dem Markt manchmal. Aber da komme ich leider nicht oft hin. Wenn nicht eine gute Bekannte mich im Herbst ab und an mit Gartenäpfeln versorgen würde, würde ich leider immer auf die wunderbar geformten und genormten langweiligen Apfelklone aus dem Supermarkt zurück greifen müssen.
Welchen Verlust an Vielfalt in Biss und Geschmack und unterschiedlicher Form unsere industrialisierte Landwirtschaft mit sich bringt. Wildwuchs ist da nicht geduldet. Nicht nur bei den Äpfeln.
Überhaupt, liebe Gemeinde: Mir scheint als würden wir gegenüber der Natur mit ihrem eigenwilligen Rhythmus und ihrer Tendenz zu chaotischem Wachstum eine Ungeduld und Unduldsamkeit an den Tag legen. Nach der Devise: Was nicht passt, wird passend gemacht.
Und was sich absolut nicht einpassen will, was sich allem Anpassungsdruck widersetzt, das wird abgeholzt.
Ich höre diese Ungeduld in der Stimme des Plantagenbesitzers aus dem Gleichnis Jesu, wenn sie spricht: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang gekommen und habe Frucht gesucht an diesem Feigenbaum und finde keine. So hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft?
Diese Ungeduld, diese Unduldsamkeit mit allem, was anders ist, sich unserer Kontrolle entzieht! 2000 Jahre alt ist das Gleichnis Jesu. Aber die Stimme, die da spricht, hört sich an, als würde sie hier und heute zu uns sprechen.
Early-english: Schon unsere Jüngsten werden eingepasst in die globalisierte Welt. Ungeduldige Eltern sorgen dafür, dass ihre Kleinen Englisch lernen, in einem Alter, in dem sie lieber im Sandkasten spielen würden. Das geht dann so weiter mit dem Einpassungsdruck, spricht Leistungsdruck: Abi nach 12 Jahren, statt nach 13, Bachelor und Master-Studiengänge. Der Protest der Studenten macht gerade darauf aufmerksam, dass das Vorhaben der Beschleunigung von Schul- und Hochschulbildung an eine Grenze kommt.
Gerade ist unser Finanz- und Wirtschaftssystem in eine gewaltige Krise geraten, und doch gewähren wir uns keine Atempause, keine Denkpause. Es muss weiter bergauf gehen, mit den Renditen, mit den Wachstumszahlen, mit dem Konsum, mit der Leistung.
Aber anstatt uns eine Auszeit zu gönnen und zu fragen, wie es sinnvoll weiter gehen kann, und wie wir umsteuern können, angesichts der ungeheuren sozialen und klimatischen Probleme, angesichts der Ungerechtigkeit, die auf unserem Planeten herrscht – mehr als eine Milliarde Menschen hungert – regiert wie zuvor der Gedanke der Optimierung, der Leistungs- und Gewinnsteigerung. Und die Banker fahren schon wieder Milliardengewinne ein.
Das, was uns die Krise getrieben hat, soll uns auch wieder herausführen. Das gleicht dem Versuch, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu wollen.
Allmachtphantasien, Größen- und Machbarkeitswahn – sie scheinen zu unserer menschlichen Grundaustattung dazu zugehören. Die Ungeduld, die sich in dem Drang äußert, alles in ein gewinnbringendes, gewinnsteigerndes Konzept zu pressen und alles zu eliminieren, was dieser Vorstellung nicht entspricht, es auszumerzen, das ist ein wirkmächtiger Mechanismus in unserem psychischen Haushalt.
Seit es Menschen gibt, gibt es auch die Stimme der Schlange in uns, die uns verführerisch zuflüstert: Ihr werdet sein wie Gott! Ich will jetzt gar nicht über die Gründe dafür spekulieren. Die gibt es bestimmt.
Ich möchte hier und heute am Buß- und Bettag lieber fragen, wie es mit einer anderen Seite in unserem psycho- und Seelenhaushalt bestellt ist, die es ja auch gibt.
Sie erinnern sich an die andere Stimme in unserem Gleichnis, die Stimme des Weingärtners: Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn grabe und ihn dünge; vielleicht bringt er doch noch Frucht!
Der weiß natürlich auch, dass ein Feigenbaum eigentlich nicht wirklich in einen Weinberg gehört, erst recht nicht einer, der seit Jahren ohne Früchte ist. Der ist offensichtlich unnütz und deswegen überflüssig. An seine Stelle könnte man besser einen Weinstock pflanzen.
Wie also kommt der Mann dazu, seinen Chef um Geduld zu bitten. Welches Lebenskonzept, welche Idee von Leben verbirgt sich hinter dieser Bitte?
Auf jeden Fall liegt diesem Weingärtner die Idee fern, die Fülle an Äpfelsorten, die es gibt, auf ein paar wenige marktgerechte zu reduzieren, weil man damit mehr verdienen kann.
Und vermutlich käme er auch nicht auf die Idee, Bildung so zu gestalten, dass das Leistungsprinzip alles dominiert. Wahrscheinlich hätte er auch eine Vision von einem Leben auf unserem Planeten, das nicht allein menschlichen Interessen gerecht würde, sondern auch denen unserer Mitgeschöpfe.
Dieser Mann hat eine Idee von einer Kultur der Achtsamkeit und des Respekts vor anderen Menschen und anderen Geschöpfen. Daraus erwächst ihm die Gabe, die Dinge mit großer Gelassenheit zu betrachten. Er kann sich daran freuen, wie sie ihren je eigenen Weg suchen und finden und gehen, je nach ihrem ihnen eigenen Rhythmus, je nach ihren Fähigkeiten und Vorlieben.
Und er hat die Weite der Fantasie, die nötig ist, anderen Geschöpfen Spielräume zu lassen, wo sie experimentieren und sich entwickeln können. Spielräume für kreatives Chaos, wo es möglich ist, auch mal Fehler zu machen und wo Irr- und Umwege dazu dienen, etwas zu lernen, anstatt gleich zu schlechten Zensuren im Zeugnis zu führen.
Und vor allem hat dieser Weingärtner Geduld und Liebe: Manches braucht Zeit und Unterstützung und Zuwendung, damit es sich entwickeln kann. Von Nichts kommt Nichts, liebe Gemeinde. Diese lebensfreundliche und lebensförderliche Haltung muss irgendwoher kommen. Und ich bin der festen Überzeugung, dass dieser Weingärtner einen lebensfreundlichen, menschenfreundlichen Gott über und in sich kennt, einen Gott, dessen guter Geist ihn inspiriert und begeistert für eine Idee von einem Leben, die nicht nur einen Gewinner kennt, sondern viele.
Ich denke, ich liege richtig, wenn ich behaupte, dass es sich bei diesem Gott um den Gott handelt, von dem Jesus spricht, der Gott des Evangeliums, der Gott von dem es heißt, dass er Liebe ist.

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