An den Früchten sollt ihr sie erkennen

„An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ – aber dazu muss es erst einmal Früchte geben.
Seit einigen Jahren steht mitten im Garten ein Pflaumenbaum.
Mein Sohn isst so gerne Pflaumenklöße.
Er wächst schnell. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich ihn zu beschneiden habe.Im ersten Jahr war keine Blüte zu entdecken. Die Enttäuschung war groß. In den nächsten beiden Jahren stand er prächtig in Blüte, wuchs weiter, trug aber keine Früchte. Die Enttäuschung und Ratlosigkeit wurde noch größer.
Sicher keiner kam auf die Idee, den Baum zu fällen. Aber so war das nicht geplant. – Ich kann sie beruhigen: in diesem Jahr trug er die ersten Pflaumen. Diese Geschichte zumindest hatte ein Happyend!
„An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“
Das kann auch so etwas wie der rote Faden der diesjährigen ökumenischen Friedensdekade sein, die mit diesem Gottesdienst zu Ende geht, auch wenn ihr sichtbares Zeichen auf dem Kirchplatz, die diesjährige Installation der jungen Gemeinde, noch ein paar Tage steht.
„Mauern überwinden“ mit solche einem Leitwort zwanzig Jahre nach der Wende kann man durchaus die notwendigen Erinnerungswege beschreiten: Es gilt Mauern zu überwinden, die Schuld und Versagen hat wachsen lassen. Mauern zwischen Christen und Juden, die in Jesus, diesem Geschichtenerzähler und Gottesbezeuger, einen gemeinsamen Bruder haben, den wir darüber hinaus lediglich noch als Herrn glauben.
Mauern zwischen Menschen, die in Feindschaft und Hass aufgewachsen sind und sich zum Krieg verleiten ließen und so mitschuldig wurden, dass Europa in Schutt und Asche lag und Millionen ihr Leben ließen. Politisch ist die Versöhnung nach Westen und Osten weit voran geschritten, auch wenn sie noch nicht abgeschlossen ist.
Frankreich taugt nicht mehr als Feindbild, Polen hoffentlich auch nicht mehr. Christen sollten sich ganz frei von Feindbildern machen, weil in jedem Menschen ein Kind Gottes zu entdecken ist.
Die Früchte der Versöhnung,nämlich Freiheit und Einheit in Europa, lassen mich immer noch staunen.
Dabei ist es erst zwanzig Jahre her, dass die Mauer fiel. Sie fiel, weil sie dem Ansturm und der Menge der Gebete und Lichter nicht länger standhalten konnte. Ein einziger unvorsichtig dahin gesagter Satz reichte am Ende: „nach meiner Kenntnis unverzüglich, ab sofort“
„Wir hatten alles geplant, wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete.“ (Horst Sindermann)
Die Früchte der Abgrenzung, der Verfolgung und des Hassen waren Tod, Krieg und Zerstörung. Mauern wuchsen hoch hinaus erst in den Köpfen und Herzen, und am Ende in den Landschaften.
Die Früchte der Gebete und der Lichter waren Löcher in diesen Mauern und am Ende ihr Einsturz, der nicht Menschen unter sich begrub, sondern Wege in die Freiheit ermöglichte.
Allerdings greift dieser Erinnerungsweg noch zu kurz, begreift den Ernst in den Worten Jesu noch nicht richtig, berauscht sich noch zu sehr an den fallenden Dominosteinen entlang der ehemaligen Berliner Mauer.
Geschichte bleibt ja nicht stehen, sondern seit dem hieß es Jahr um Jahr: „Herr, lass ihn noch dieses Jahr!“
Von mir heißt es: Herr, lass ihn noch dieses Jahr.
Von uns heißt es: Herr, lass ihn noch dieses Jahr.
Hat sich seitdem etwas getan?
Die Welt wurde in dieser Zeit nicht nur umgegraben, sie wurde aufgewühlt und umgewälzt.
Kriege rückten in die Nähe Europas, Gewalt beherrscht immer noch Afghanistan, Pakistan, den Irak und so viele namenlose Weltregionen.
Der 11.September wird sich in das kollektive Gedächtnis ebenso einprägen, wie die Finanz- und Wirtschaftskrise, deren Ausmaß wir wahrscheinlich gar nicht begriffen haben, weil sich alles in einer gleichsam virtuellen, so unwirklichen Welt abzuspielen scheint.
Aber wir spüren zumindest: eigentlich ist nichts sicher.
Wie müsste das Urteil des Feigenbaum besitzenden Weingärtners aussehen ? Weg damit ! So ein endgültig geltendes Urteil Gottes schwebt die ganze Zeit im Raum,wir spüren dies.
Die Menschheit ist des Menschen größter Feind und wie lang mag Gottes Langmut noch anhalten !
Die Welt erlebte umwälzendes.
Und unser Leben geht weiter, Jahr um Jahr.
Das Leben fließt für viele ganz wie geplant dahin, für manche allerdings auch mit unerwarteten Erschütterungen, eingefangen in Freude und Leid, die das Leben ausmachen, mal leicht, mal schwer.
„Wie geht es“ „Ach, danke, es geht seinen Lauf, nichts aufregendes.“
Aber, liebe Gemeinde, reicht das ?
Reicht das, um wirklich gut über die Runden zu kommen?
Reicht das, um am Ende seines Lebens eine positive Bilanz ziehen zu können?
Schmecken die Früchte, die an meinem Lebensbaum wachsen?
Ich will diese Frage für keinen vorweg beantworten. Einfache Antworten gibt es auch nicht. Dazu habe ich zu viel Glück und Erfolg und zu viel Elend schon gesehen, zu viele Hoffnungen und zu viele Enttäuschungen und so manchen Zusammenbruch unter der Last der eigenen Erwartungen und Anstrengungen.
Der Buß- und Bettag hat eine ungeheure innere Berechtigung, weil er uns nicht nur daran erinnert, sondern auch nötigt und dazu befreit, sich dem Lebensthema Bilanz zu stellen.
In solchen Augenblicken spüre ich, was wir in unserer Frömmigkeit und Glaubenspraxis verloren haben, als wir die Beichtübung eingestellt haben. Es braucht die Herzensschau, den ehrlichen Blick in den Spiegel.
Jeden Freitag wird in der Versöhnungskapelle in Coventry an den vernichtenden Bombenangriff der deutschen Luftwaffe im zweiten Weltkrieg erinnert und um Versöhnung gebetet mit dem Eingeständnis menschlichen Versagens – ergreifende Worte und Bekenntnisse:
Hass, der Rasse von Rasse, Volk von Volk und Klasse von Klasse trennt;
habsüchtiges Streben der Menschen und Völker zu besitzen, was nicht ihr eigen ist;
Besitzgier, die die Arbeit der Menschen ausnutzt und die Erde verwüstet;
unser Neid auf das Wohlergehen und Glück der anderen;
unsere mangelnde Teilnahme an der Not der Heimatlosen und Flüchtlinge;
Sucht nach dem Rausch, der Leib und Leben zu Grunde richtet;
der Hochmut, der uns verleitet, auf uns selbst zu vertrauen nicht auf Gott. Vater vergib!
Diese Eingeständnisse sind beinahe siebzig Jahre alt, aber sie lassen sich wie ein Kommentar lesen zu den bewegenden gesellschaftlichen und politischen Fragen mitten in der Wirtschaftskrise, angesichts des Klimawandels und der Flüchtlingstragödien im Süden Europas. Sie kommentieren die innere Verfassung unserer Gesellschaft, in der nicht alle die gleichen Lebens- und Bildungschancen bekommen.
Für mein eigenes Leben brauche ich diese kritische Selbstschau, damit es kein einfach weiter so gibt.
Und für die Gesellschaft braucht es diese Gewissensschärfung und dieses kritische Gegenüber des Buß- und Bettages und der Kirchen, die ihn wertschätzen und nicht aufhören, diese Dimension christlichen Glaubens evangelischer Prägung zu leben.
Jesu erster Ruf hieß: tut Buße, kehrt um.
Martin Luthers erste These erinnerte an diesen Bußruf.
Der Grundgedanke der Geschichte, die Jesus erzählt, ist eben nicht: hau ihn ab, den Baum, der keine vernünftigen Früchte trägt, sondern: Herr, lass ihn noch dies Jahr bis ich um ihn grabe und ihn dünge. Vielleicht bringt er doch noch Frucht.
Es gibt Lebensgeschichten mit gutem Ausgang. Wir haben an solche erinnert.
Der Buß- und Bettag zeigt mir, dass auch unsere Lebensgeschichten, wo sie offen und vor Gottes Angesicht angeschaut und ausgesprochen werden, einen guten Ausgang nehmen werden um Jesu willen. Amen

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