Flügel der Morgenröte

Es wird keinen Tod mehr geben und keine Traurigkeit, keine Klage und keine Quälerei mehr. Was einmal war, ist für immer vorbei. Dieser Gedanke aus der Lesung lässt mich nicht los. Er erinnert mich daran, dass der christliche Glaube nicht nur aus dem Tun des Guten besteht, sondern auch aus Warten. Der kommende Advent will uns dahin führen. Wie wir auf die Geburt Christi warten, so warten wir auch auf seine Wiederkunft, seinen endgültigen Advent.

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‚Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens’ Dieses Zitat kann mir Einer um die Ohren schlagen und ich bin tief erschrocken, bin deprimiert, weil mich das Ende des Lebens erschreckt, aber es kann auch Mut machen, wenn ich höre: da liegt noch so Vieles vor dir, da erwartet dich noch so viel.

Da sind 10 Brautjungfern. Sie haben dasselbe Ziel, dieselbe Ausrüstung, aber die Einen sind voreilig. Sie haben nicht den langen Atem, nicht die Fähigkeit des Wartens. Sie sind wie der Gemüsebauer, der die Möhrchen zupft, damit sie schneller wachsen, aber dann verwelken sie. Dummheit hat viele Gestalten. Klugheit wartet und tut das Seine zu seiner Zeit.

Töricht sind die 5 Jungfrauen darin, dass sie gewusst haben. Sie haben gewusst, dass der Bräutigam kommt, aber sie haben seine Ankunft überschätzt. So bald dann doch nicht. Die klugen warten auf den Herrn – und leben in der Welt. Sie sind vorbereitet, aber auf Dauer. Töricht bin auch ich, wenn ich immer nur danach schaue, dass jetzt alles klappt, dass ich mein Leben im Jetzt gestalte. Dieser Sonntag will mich daran erinnern, dass auch mein Leben hier auf Erden etwas ist, dass ich ausfüllen und auskosten darf in seiner ganzen Länge. Ich darf immer noch etwas von Gott erwarten im irdischen Leben … und darüber hinaus.

Das Bild unseres Eingangspalmes bleibt: Flügel der Morgenröte könnten mich nicht fortbringen aus dem Einflussbereich unseres Gottes.

Dieses Bild kann mir Angst machen, wie das Bild des gestrengen Bräutigams, der die Brautjungfern seiner Braut nicht kennen will, weil sie zum richtigen Zeitpunkt nicht da waren. Ich persönlich glaube aber nicht, dass Jesus diese Geschichte wegen dieser Strenge erzählt. Diese gehört dazu, aber gemeint ist: Wer christlichen Glauben lebt, der rechnet damit, dass das Leben mehr ist, als er erkennen kann und der lebt sein irdisches Leben als Geschenk, dass es auszukosten gilt – sein Leben und mit dem Leben Anderer.

Am Grabe eines Menschen fällt mir manchmal ein – wo ich draußen war, unvorbereitet, ganz woanders – weder Tag noch Stunde zu kennen, ist normal in meinem Leben und doch lebe ich oft so als wäre alles planbar, vorhersehbar. Nachhaltigkeit – das Zauberwort unserer Zeit ist eben auch Nachhaltigkeit im Umgang mit der uns geschenkten Zeit. Auch mit der uns geschenkten Zeit unserer Lieben.

Die Geschichte lässt mich heute stehen und fragen: wer bist du eigentlich – klug möchte ich sein, töricht bin ich leider oft genug. Ich verpasse Chancen zum miteinander, Chancen Freud und Leid zu teilen, meist mit Gründen. Aber ich habe dadurch verpasst, was wirklich zählt: menschliche Begegnung.

Der Appell könnte lauten: Gib deiner Leidenschaft Öl, dass sie brennen kann. Lass es nicht zu, dass dein Licht verlöschen kann. Denn den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

Mitten in der Nacht, kommt die Stunde, die alles verändert – die Todesstunde, unsere oder die eines uns lieben Menschen, die Schicksalsstunde Wir sind wie diese Mädchen: zur Freude, zum Fest berufen. Sind wir vorbereitet oder verpennen wir den Advent Christi? Sind wir gefangen, eingebunden in unser alltägliches Treiben ohne einen Glauben darüber hinaus oder sind wir voll Erwartung?

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