Handlungsfähig

Volkstrauertag 2009 PT: Mt 25
Die als Zitat gekennzeichneten Abschnitte sind angelehnt an Entwürfe von Kollegen, jeweils mit Angabe der Quelle.

Liebe Gemeinde,
Deutschland trauert.
Vielleicht nicht ganz Deutschland. Aber viele Menschen waren und sind erschüttert über den Tod von Robert Enke am vergangenen Dienstag – auch viele, die sich überhaupt nicht für Fußball interessieren, nehmen Anteil am Schicksal des Torwarts von Hannover 96 und der Nationalmannschaft. Sie fühlen mit der Familie, den Freunden, auch mit den Lokführern, die ja in dieses Unglück mit hineingezogen wurden und mit dem Geschehenen leben müssen. 35.000 Menschen sollen es gewesen sein auf dem Trauermarsch am vergangenen Mittwoch, das Internet ist voll von Beileidsbekundungen. Wir sind erschüttert, dass ein Sympathieträger des Sports für sich keinen anderen Ausweg mehr sah.

Das ist keine verordnete Trauer. Betroffenheit muss nicht mühsam erzeugt werden, das Volk kommt von alleine – auch viele junge Menschen. Und ich muss sagen: Ich finde es richtig gut, dass Menschen angemessene Formen suchen und finden, um ihrer Traurigkeit und Betroffenheit Ausdruck zu verleihen. Die Hannoveraner tun das durch die Teilnahme am Gedenkgottesdienst in der Marktkirche, am Trauermarsch, durch Entzünden von Kerzen… Wir hier denken vielleicht nur mit Mitgefühl an Robert Enke und seine Familie und schließen sie in unser Gebet ein.
Was wir da in der vergangenen Woche mitverfolgt haben, dass war spontane Volkstrauer, aus dem traurigen Anlass geboren.

Mit dem im Kalender festgeschriebenen Volkstrauertag, dem vorletzten Sonntag im Kirchenjahr ist das anders. Immer weniger Menschen kommen, weil es immer weniger direkt Betroffene gibt. Die Vereinsjugend kommt aus Pflichtgefühl.
„Auf dem Platz bei dem Ehrenmal ist es immer kalt Der Pastorin oder dem Redner vom Verein dringen weiße Rauchfahnen aus dem Mund“ (1) die Bläserinnen und Bläser haben klamme Finger. Trotzdem pflegen wir unverdrossen diesen Volkstrauertag, der als staatlicher Feiertag nach dem Ersten Weltkrieg eingeführt wurde – damals hat man ihn natürlich noch nicht den ersten Weltkrieg genannt. Wer hätte denn damals ahnen können, dass gerade mal 20 Jahre später wieder das große Schlachten beginnt???
Auch wenn wir immer noch der gefallenen Soldaten gedenken, ein Heldengedenktag ist der Volkstrauertag längst nicht mehr. Nicht nur der Bundespräsident, auch die allermeisten anderen Redner erinnern im öffentlichen Totengedenken an die Opfer von Gewalt und Krieg aller Völker, und an all die Menschen, die durch Terrorismus, politische Verfolgung oder Hass und Gewalt starben – und heute noch sterben.
Nein, dieser Gedenktag ist – leider!!! – kein Relikt aus fernen Zeiten, als es noch Kriege gab – auch wenn es der jungen Generation vielleicht manchmal so vorkommt, also ob sie mit dieser Veranstaltung nichts mehr zu tun hat.
42 Kriege gab es im letzten Jahr weltweit, manche davon erschreckend nah. Und wie ich es schon in der Begrüßung sagte: Es ist jetzt ganz offiziell, dass die Bundeswehr in Afghanistan an einem bewaffneten Konflikt beteiligt ist.
Wahrlich Grund zum Trauern: Um jeden deutschen Soldaten, der tot, verletzt oder traumatisiert aus dem Kriegsgebiet zurückkommt. Aber doch auch um jedes zivile Opfer aus dem afghanischen Volk, das seit Jahrzehnten leidet und zum Spielball wurde zwischen Staaten und Ideologien. Und als wir vor einigen Wochen von dem Bombardement zweier entführter Tanklaster hörten, das durch einen deutschen Oberst angeordnet wurde, spätestens da wurde klar: Wir stecken da mit drin. Neben den getöteten Talibankämpfern sind auch viele Zivilisten umgekommen. Wir dürfen uns an solche Todesnachrichten nicht gewöhnen oder sie verharmlosen mit den Worten „Krieg ist Krieg“ – allein dafür ist es wichtig, dass wir diesen heutigen Gedenktag haben. Ob wir ihn jetzt Volkstrauertag oder Friedenssonntag nennen, das ist dabei nebensächlich.

In den Kirchen lesen wir an diesem vorletzten Sonntag des Kirchenjahres den Text vom Jüngsten Gericht, der illustriert, was wir im Glaubensbekenntnis sprechen: „Er wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten“. „Da wird geklärt, wer mitkommt in die Herrlichkeit bei Gott. Wie auf einem Flughafen: Wer Glück hat, wer das richtige Ticket gekauft hat, der kriegt seine Bordkarte und darf mitkommen, die anderen gehen leer aus…
Jesus beschreibt es in einem vertrauten Bild seiner Zeit. Wie ein Hirte am Abend seine Herde sortiert, die schwarzen Ziegen und die weißen Schafe, so sortiert der Menschensohn die Menschen aller Völker, wenn er kommen wird. Tagsüber weiden Ziegen und Schafe gemeinsam, aber nachts werden sie getrennt, das ist auch sinnvoll. Die Schafe drängen sich aneinander, die Ziegen brauchen mehr Platz, auch nachts.
So sortiert dann auch der Menschensohn. Genau genommen ist bereits entschieden. Entschieden wird nicht in einer fernen Zukunft, sondern heute und morgen und übermorgen. Es geht darum, wie wir hier in Wittlohe, heute am 15. November 2009 leben. Und wenn wir denen, in denen Jesus selbst uns begegnet: den Armen und Kranken, denen am Rand der Gesellschaft mit Barmherzigkeit und Freundlichkeit begegnen, dann haben wir gute Chancen, dass wir eine Bordkarte ergattern.“ (2)
Den ersten Christen hat dieses Gleichnis keine Angst gemacht. Sie gehörten ja selbst zu den Verfolgten und Ausgestoßenen. Sie hatten ihr Leben ganz der Nachfolge Christi verschrieben und haben die Geschichte vom Weltgericht als großen Trost gehört, als Verheißung von kommenden Freuden nach großen Leiden.
Wir heute hören das anders.
Wir fragen uns gleich: Könnte ich da bestehen? Tue ich genug gute Werke? Wann bin ich denn schon mal barmherzig?
Oder auch: Was soll ich kleines Licht denn schon machen?
Oder: Sollen doch auch die anderen mal ran!
Ich denke, die wenigsten von uns würden voller Überzeugung von sich sagen, dass sie ihre Bordkarte in die Herrlichkeit Gottes sicher in der Tasche haben.
So denken wir, und merken dabei gar nicht, dass wir uns selbst auf den Richterstuhl setzen.
Wie vermessen!
Wir können weder bei einem anderen Menschen, noch von uns selbst sagen, wie Gott uns ansieht. Niemand von uns ist zum Richter eingesetzt – nicht über andere, aber auch nicht über sich selbst. Letztendlich kann ich nur darauf hoffen, dass der, der da sitzt, mich mit den Augen der Liebe ansieht – trotz meiner Verfehlungen und trotz meiner Trägheit wenn es um gute Werke geht. Ja, vielleicht bleibt er gar nicht sitzen, sondern stellt sich an meine Seite – hat er das nicht schon einmal getan?!

Das Gleichnis vom Jüngsten Gericht soll uns nicht Angst machen, es setzt uns auch nicht zum Richter über uns oder andere ein, aber es erinnert uns an etwas. Es erinnert uns daran, dass wir unser Handeln einmal vor Gott verantworten müssen, im Schlechten wie im Guten.
Es erinnert uns an unsere Handlungsfähigkeit.
Wir haben ja oft genug da Gefühl: Ich kann ja doch nichts ändern. Politik machen ja die da oben, oder die Wirtschaftsbosse, aber doch nicht ich. Aber das stimmt nicht.
Die Menschen, die vor 20 Jahren in der DDR auf die Straße gegangen sind, haben es uns gezeigt. Sie haben uns vorgemacht: Jeder einzelne ist wichtig. Jeder einzelne, der mit seiner Präsenz, seiner Kerze in der Hand gesagt hat: Mir reicht es, ich bin das Volk, wir sind das Volk. Jeder einzelne hat dazu beigetragen, dass aus kleinen Versammlungen von Andersdenkenden am Montagabend eine machtvolle Bewegung wurde, die die Diktatur der SED zusammenbrechen ließ wie ein Kartenhaus. In den letzten Wochen wurde ja sehr viel berichtet über die letzten Tage der DDR. Manch einem vielleicht schon zuviel, der sagt dann: „Ich kann es nicht mehr hören“.
Mir geht das ganz anders. Gerade mit dem Abstand der 20 Jahre finde ich es noch einmal beeindruckend, wie auf friedliche Art und Weise und Unrechtsstaat ins Straucheln kam und so Geschichte geschrieben wurde. Die Feierlichkeiten zur Maueröffnung, das war für mich auch ein Denken an die vielen mutigen Einzelnen, die etwas getan haben, die nicht mehr nur heimlich motzen oder zugucken, sondern endlich etwas bewegen wollten.
Darum waren die Feierlichkeiten zum Mauerfall auch eine Feier der Würde und der Macht des einzelnen.
Mir macht das Mut auch im Hinblick auf unsere Situation heute.
Es beginnt damit, dass wir uns an Unrecht und Krieg nicht gewöhnen.
Es geht weiter damit, dass wir uns berühren lassen vom Schicksal anderer Menschen – von einem Einzelschicksal wie dem des Robert Enke genauso wie von der Lebenssituation der Menschen in der Welt, die unter Krieg und Hunger leiden.
Und es mündet darein, dass wir tun, was in unserer Macht steht.
Keiner von uns kann die Welt retten. Erst in Gottes Zukunft wird es keine Tränen, keinen Hass und keinen Krieg mehr geben. Trotzdem:
Wir sind handlungsfähig. Wir können trösten, helfen, uns wehren, anderen zur Seite stehen. Wo wir das tun, begegnen wir Christus selbst. Amen.

(1) Pfarrerin Reister-Ulrichs, in: Pastoralblätter November 2009, S. 707
(2) Pfarrer Theodor Berggötz, in: ebd. S. 725ff

Pastorin Anke Döding
Stemmener Str. 20
27308 Kirchlinteln-Wittlohe
Tel. 04238/493
KG.Wittlohe@evlka.de

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