Jetzt ist der Tag! Jetzt ist die Stunde! – vom Weltgericht

Liebe Gemeinde,

am heutigen vorletzten Sonntag des Kirchenjahres wird im weltlichen Gedenktagkalender der Volkstrauertag begangen. Ein Tag des Erinnerns an die Menschen, die durch Krieg und Verfolgung als Soldaten gefallen oder als anders denkende oder ethnische oder religiöse Minderheit inhaftiert, gefoltert, ermordet wurden. Dieser Volkstrauertag ist lange Zeit unter dem einseitigen Aspekt der „Heldenverehrung“ begangen worden. Das hat ihn in den Augen vieler Menschen sehr fragwürdig erscheinen lassen. Als Gedenktag an alle Opfer von Krieg und Gewalt hat er heute einen anderen Akzent bekommen, erinnert er doch nicht nur an die, die Opfer wurden, sondern er erinnert gleichzeitig alle Lebenden an ihre Verantwortung vor der Geschichte und daran, dass Menschen sich für ihr Tun und Lassen zu gegebener Zeit verantworten müssen.

In unserem heutigen Predigttext werden wir aus der Perspektive des Evangeliums an unsere Verantwortung als Christinnen und Christen erinnert und daran, dass wir uns zu gegebener Zeit verantworten müssen, nicht vor der Geschichte, das vielleicht auch, aber vor Christus, dem Menschensohn, wenn er kommen wird „zu richten die Lebenden und die Toten“, wie es im Glaubensbekenntnis heißt.

Unser Text gilt im Kontext des Matthäus-Evangeliums als die letzte Predigt, die Jesus an seine Jünger richtet, bevor er leiden und sterben muss. Eine Predigt, nicht im Sinne eines Vermächtnisses, keineswegs eine Bündelung seiner Lehre, aber ein Anruf, eine Mahnung, eine Erinnerung daran, dass die Menschen selbst verantwortlich sind für die Folgen ihres Tuns und Unterlassens. Noch einmal, bevor er nicht mehr predigen kann, erinnert er uns nachdrücklich daran, weil er unbedingt will, dass wir dann, wenn es soweit ist, auf der richtigen Seite stehen.

Hören wir aus dem Evangelium nach Matthäus, Kap 25, die Verse 31 – 46

Lesung Predigttext

Ein Text, dessen Gegenstand, das Weltgericht, viele Künstler zu bildlicher Darstellung inspiriert hat. Michelangelos Fresco in der Sixtinischen Kapelle in Rom ist vielleicht die monumentalste von allen.

Ein Text, der selbst voller Bilder steckt. Ich lade Sie ein, mit mir die Sprachbilder zu betrachten und an ihnen entlang uns dem Text zu nähern.

Ein König, der Menschensohn, Christus selbst, als Richter am Tag des Endgerichts. Ja, er wird kommen, der Tag des jüngsten Gerichts. Der Tag an dem sich jeder Mensch verantworten muss für sein Tun und Lassen wird unausweichlich kommen. Menschliches Leben muss verantwortet werden. Dazu mahnt der Volkstrauertag aus der weltlichen Perspektive. Aber wir tragen Verantwortung nicht nur vor menschlichen Instanzen. Aus unserem Glauben erwächst uns die vor allem und über allem stehende Verantwortung vor Gott. Ihm verdanken wir, was wir sind und wozu wir bestimmt sind, ihm gegenüber haben wir uns zu rechtfertigen, wie wir mit dem uns Anvertrauten umgegangen sind. Wir können versuchen, das unser Leben lang zu ignorieren, uns „durchzumogeln“ und zu hoffen, es werde schon niemand genau nachfragen.
Dass ein jeglicher solcher Versuch aussichtslos ist, predigt Jesus eindringlich.

Wir müssen alle erscheinen, vor dem Richterstuhl Christi. Auf diese Situation, die unweigerlich auf uns zukommt, will Jesus uns vorausschauend gefasst machen, damit wir, ich wiederhole das, wenn es so weit ist, auf der richtigen Seite stehen.

Die Aussicht auf diese Situation hat Menschen zu allen Zeiten Angst gemacht. Vielleicht, weil sie sich ihrer Unzulänglichkeiten nur allzu bewusst waren, vielleicht aber auch, weil man sich eine solche Situation real nicht vorstellen kann. Das Jüngste Gericht entzieht sich konkreter menschlicher Vorstellungskraft und deshalb ist es für uns nicht fassbar. Der Theologe Gottfried Voigt sagt: „Man kann von dem, was jenseits der Todeslinie sein wird, überhaupt nicht in adäquater Rede sprechen.“

Deshalb die vielen einzelnen Bilder, sowohl in Michelangelos Monumentalkunstwerk, als auch in der Predigt Jesu.

Ja, es wird sie geben, die Schafe und Böcke, die vom Hirten getrennt werden, Sinnbild für die beiden Gruppen von Menschen, über die geurteilt wird. Es wird festgestellt werden, wer zur Rechten sitzen wird oder zur Linken, also bevorzugt auf der ehrenvolleren Seite oder abgewiesen, links liegen gelassen. Wer erben wird, wer leer ausgehen wird.

Aber welches sind die Kriterien, nach denen festgestellt wird, wer die Verdammten sind und wer die Gerechten? Woran wird sich der Richter orientieren bei seiner Urteilsbegründung?

Es sind die Verpflichtungen, die uns unser menschliches Miteinander auferlegt, nach deren Erfüllung wir gefragt sein werden. Jesus nennt die bildhaften Beispiele: hungrig und durstig sein – zu essen und zu Trinken bekommen, fremd sein – aufgenommen werden, nackt sein – gekleidet werden, krank sein – besucht werden, gefangen sein – angenommen werden –
Bilder für die Lebensverantwortung, die Menschen einander gegenüber tragen. Und zwar allen Menschen gegenüber, und seien sie noch so gering.

Wenn Menschen fragen: „Wo ist Gott?“, dann lautet die Antwort heute: Gott ist ein Soldat, der in Afghanistan sein Leben lässt oder psychisch krank wird. Gott ist eine Romafamilie, die nach Jahren der Duldung in Deutschland ins Kosovo abgeschoben wird, obwohl jeder hier wissen sollte, dass sie dort keine Lebensperspektive hat. Gott ist eine Quellemitarbeiterin, der freitags gesagt wird, dass sie montags nicht mehr zur Arbeit zu kommen braucht, weil ihr gekündigt ist. So geht man mit Menschen nicht um! Gott ist… (ggfs. weitere aktuelle Beispiele)

Und diese Liste könnte nun endlos fortgeführt werden.

In jedem Menschen dieser Welt begegnet uns Christus, es ist an uns, ihm im anderen so zu begegnen, dass unser Tun und Lassen einer Bewertung im Gericht Stand hält. Wenn nötig, haben wir jetzt noch Raum zur Umkehr, hören wir heute im Predigttext. Ohne Umkehr wartet das ewige Feuer. Schreckensbild für die Strafe für die Verdammten. Über alle Maßen ist dieses Bild bemüht worden, gerade von der mittelalterlichen Kirche. Feuer vernichtet Existenzen, Feuer fügt Schmerzen zu, Feuer tötet. Feuer, so verstanden, macht Angst. Zu lange ist mit „Bildern von infantiler Phantasie“ (Voigt) Druck auf die Gläubigen ausgeübt worden. Auch hier gilt, was eben schon gesagt wurde: Wir können von dem, was jenseits der Todeslinie ist, nicht mit adäquaten Worten sprechen.

Um besser zu verstehen, was Jesus sagt, sollten wir uns deshalb von diesem angsterfüllten Bild lösen und den parallelen Begriff aus dem letzten Vers unseres Predigttextes in den Blick nehmen. Nicht „ewiges Feuer“ heißt es dort, sondern „ewige Strafe“.

Das kann ich verstehen, wenn ich auf die alltäglichen Lebenssituationen schaue. Dort, wo menschliche Gemeinschaft nicht so gelingt, wie eben beschrieben, dort wo es zwischen Gruppen und Einzelnen nicht harmoniert, kommt es zu Verwerfungen. Ganz konkret: Wenn ich einem Mitmenschen gegenüber versage, lähmt mich das, macht mir ein schlechtes Gewissen. Dass ich einen anderen enttäuscht, vernachlässigt, verletzt, hintergangen habe, zerstört Gemeinschaft (vgl. Voigt). Feigheit bringt mich um die Achtung anderer und zerstört meine Achtung vor mir selbst. Geiz ist keineswegs geil, sondern macht sehr einsam.

Mein Fehlverhalten wirkt sich also unmittelbar auf meine Befindlichkeit aus, hat direkte negative Auswirkungen auf meine allgemeine Lebenszufriedenheit, darauf, wie ich mit mir im Reinen bin. Diese unmittelbaren negativen Auswirkungen sind Strafe für mich, die ich nie los werde, wenn ich meinen Raum zur Umkehr, der mir noch bleibt, nicht nutze.

Wenn ich ihn aber nutze, erwartet mich das Erbe? Das Reich, das bereitet ist seit Anbeginn der Welt, das Ewige Leben, Bild für die Belohnung der Gerechten? Wenn ich zu essen und zu trinken gebe, wenn ich aufnehme, kleide, besuche und zu den Gefangenen gehe, dann gehöre ich zu den Schafen, darf zur Rechten sitzen, bin Erbe? Sie merken, ich formuliere mehr eine Frage, als dass ich eine Feststellung treffe. Denn ich stehe in einem Zwiespalt. Es ist Luthers Verdienst, im Neuen Testamen erkannt zu haben, dass Christenmenschen vor Gott gerechtfertigt sind ohne eigen „Verdienst und Würdigkeit“. Luther hat erkannt: Gottes Gnade muss man sich nicht durch gute Werke erkaufen. Und nun soll Gericht gehalten werden und bei der Urteilsfindung geht es dann doch um die Werke?

Das ist nur scheinbar ein Widerspruch. Im Predigtext vom Weltgericht geht es darum, dass, wer Jesus dient, Jesu Brüdern und Schwestern dient. Jesus erwartet keine besonderen Unternehmungen, keine sensationellen Leistungen, erst recht keine Kasteiungen, wie sie Luther noch an sich vollzog, auf seiner Suche nach einem gnädigen Gott. Jesus will nichts für sich selbst, er will unseren Einsatz für die Schwestern und Brüder, die mit sich hadern oder unter ihren Lebensumständen oder unter anderen Menschen leiden. Jesus will also nicht einzelne herausgehobene gute Werke, er will von uns andere Lebenseinstellung, Grundhaltung.

Das Heil kommt nicht automatisch. Gottfried Voigt sagt, zu glauben, das Heil käme automatisch, wäre Irrlehre. Der Mensch hätte nicht die Möglichkeit zur bewussten Entscheidung mehr, ja zu sagen oder nein.

Dennoch werden am Schluss nicht die guten Einzeltaten gezählt oder die Spendensummen, die man erbracht hat, am Schluss zählt, was man Christus getan hat durch das Tun am Mitmenschen allgemein. „Das habt ihr mir getan“. Am Schluss zählt, ob man „Ja!“ gesagt hat zu Jesus Christus.

In einem Lied von Ludger Edelkötter und Alois Albrecht heißt es:

„Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde.
Heute wird getan oder auch vertan,
worauf es ankommt, wenn er kommt

Der Herr wird nicht fragen: Was hast du gespart,
was hast du alles besessen? Seine Frage wird lauten:
Was hast du geschenkt, wen hast du geschätzt,
um meinetwillen?

Der Herr wird nicht fragen: Was hast du gewusst,
was hast du Gescheites gelernt?
Seine Frage wird lauten:
Was hast du bedacht, wem hast du genützt,
um meinetwillen?

Der Herr wird nicht fragen: Was hast du beherrscht,
was hast du dir unterworfen? Seine Frage wird lauten:
Wem hast du gedient, wen hast du umarmt,
um meinetwillen?

Der Herr wird nicht fragen: Was hast du bereist,
was hast du dir leisten können?
Seine Frage wird lauten:
Was hast du gewagt, wen hast du befreit,
um meinetwillen?

Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde.
Heute wird getan oder auch vertan,
worauf es ankommt, wenn er kommt.“

Es ist nicht zu spät, sagt uns Jesus in seiner letzten Predigt, die richtigen Schritte zu tun, um am Schluss zur Rechten zu sitzen, als Erbe. Das hören wir heute erneut, damit es uns nicht erst dann klar wird, wenn es zu spät ist.

Er, der sich für uns umbringen lassen wird, setzt sich mit seiner letzten Predigt unmittelbar für uns ein, will uns auf die Spur bringen, gibt uns nicht auf.

Jetzt ist die Zeit! Jetzt ist die Stunde!

Ob wir dereinst Schaf oder Bock genannt werden werden, liegt in unserer Hand.

Damit können wir noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Wo einer in der Begegnung mit Jesus Christus seine Sünden entdeckt hat, umgekehrt ist und so im Glauben an Jesus Christus die Vergebung empfangen hat, da liegt das Gericht bereits hinter ihm.

Jetzt ist die Zeit! Jetzt ist die Stunde!

Amen

Zur Predigtvorbereitung diente: Gottfried Voigt: Homiletische Auslegung der Predigttexte, Reihe I, Der schmale Weg

drucken