Wie verfährt Gott bei Gesetzesbruch?

Liebe Gemeinde!
Ist Jesus nicht ein Meister bildlicher Sprache? Nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch werden Mann und Frau in der Ehe. Ein Fleisch, verwachsen ineinander, erst gemeinsam ganz: Nicht mehr zwei sondern ein Fleisch.
Da kann ich mir auch als Mensch ohne Scheidungserfahrung vorstellen, wie schmerzhaft das ist, wenn ein Ehepaar auseinanderreißt, geschieden wird. Plötzlich bin ich nur noch halb – mit einer großen Wunde, wo einst die andere Hälfte von mir war.

Liebe Gemeinde! Nicht weil es Gottes Gebot ist, sollen Ehen nicht geschieden werden. Sondern umgekehrt macht es Sinn: Weil eine Scheidung verletzt und Wunden schlägt, gibt Gott das Gebot, sich nicht zu scheiden. Denn Gott leidet mit.

Wenn eine Ehe zerbricht, ist das ja kein glatter, schneller Schnitt, sondern ein langsames Zerreißen des gemeinsamen Fleisches, Faser für Faser. Und je mehr Fasern bereits zerrissen sind, desto größer und schmerzhafter wird die Wunde, bis der Schmerz unerträglich wird – vielleicht wird die Wunde tatsächlich unheilbar, weil sie bereits durch so viele Heilungsversuche und erneute Risse so vernarbt ist, dass da gar nichts mehr richtig zusammenwachsen kann.
Dann, wenn es nach vielen, vielen kleinen und immer schmerzhafteren Rissen unerträglich wird, dann schneidet man selbst den Rest noch durch und reicht die Scheidung ein. Aber das eigentliche Zerbrechen des Ehepaars hat längst stattgefunden in den vielen kleinen Rissen vorher. Davor warnt Jesus: „Wer eine andere Frau nur ansieht, ihrer zu begehren, der bricht schon die Ehe mit ihr.“ Die kleinen Risse sind das eigentliche Zerbrechen der Ehe. Der finale Schnitt versucht nur, den Schmerz des langsam zerrissenen Fleisches etwas zu lindern.

Liebe Gemeinde! Ehebruch ist durch Gottes Gebot untersagt. Da lässt Jesus keinen Zweifel: Wer sich scheidet und jemand anderen heiratet, der bricht die Ehe.

„Wer die Ehe bricht, bricht Gottes Gebot.“ Wenn dieser Satz fällt, dann schaltet unser Hirn fast automatisch: Gesetzesbruch zieht Strafe nach sich. Und sofort ist Gott ein zorniger, strenger, rigoros konsequenter Richter. Und davon wollen wir nichts hören – mit Recht, wie ich denke. Leider folgt dann aber meist ein Schweigen, eine Sprachlosigkeit, wenn uns jemand fragt, was wir denn als Christen, biblisch dazu sagen, wenn Menschen den finalen Schnitt machen und sich scheiden lassen. Ich habe das zigmal erlebt. Man erzählt dann von Viel Menschlichem, das man verstehen kann. Dass Ehen nun mal scheitern können; dass es vielleicht besser ist, sich zu trennen, als sich ein Leben lang zu quälen; dass es trotzdem schade ist; und dass man es schon geahnt hätte oder nie gedacht hätte; dass es doch so gut ausgesehen hätte; und man tauscht sich über Details aus, die man über die gescheiterte Ehe zu wissen glaubt.
Über die Botschaft der Bibel schweigt man. Denn hier mit den Geboten Gottes zu kommen, erscheint uns unangebracht, weil uns das Richten jetzt unangebracht scheint – mit Recht und hoffentlich.

Aber wir müssten eigentlich nicht schweigen über das Zeugnis der Bibel. Denn recht betrachtet ist es viel menschlicher als das, was wir oft so austauschen, wenn Ehen in die Brüche gehen. Denn Jesus geht ganz anders mit den Geboten um.
Er führt die Gebote Gottes im Mund. Er spricht klar davon, wenn sie übertreten werden. Aber er spricht nicht von Strafe. Denn dazu sind die Gebote nicht da. Wie schon gehört: Nicht weil es Gottes Gebot ist, sollen Ehen nicht geschieden werden. Sondern umgekehrt macht es Sinn: Weil eine Scheidung immer und zwangsläufig verletzt und Wunden schlägt, ist es Gottes Gebot, die Ehe nicht zu brechen. Denn Gott will doch nicht, dass wir als verwundete, narbenübersähte Menschen herumlaufen, die unter ihrer Zerrissenheit leiden. Gott leidet doch mit. Da kann es doch nicht um Strafe gehen, wenn Jesus davon redet, dass Gottes Gebot gebrochen wurde. Es geht vielmehr um Heilung. Denn hier sind doch Wunden geschlagen. Hier ist Fleisch, hier sind Wesen, Menschen zerrissen. Gott will doch keine Krüppel, die er dann noch mal schlägt. Im Gegenteil: In Jesus zieht er durch´s Land und heilt die Krüppel. Er macht sie wieder unversehrt wie Kinder (siehe folgende Verse!).

Jesus stellt sich mit seiner ganzen Person gegen das Missverständnis, dass das Brechen der Gebote Gottes Strafe nach sich ziehen müsste: Als manche, die sich für besonders fromm hielten, meinten, eine Ehebrecherin steinigen zu müssen, da ging er in den Kreis hin zu ihr, hockte sich neben sie und sagte: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Wenn Dinge, wie eine Ehe, zu Bruch gegangen sind, dann braucht es nicht noch Leute, die mit Steinen werfen, sondern dann braucht es jemanden, der das Zerbrochene wieder heil macht – so heil wie möglich. Der Sinn der Gebote ist, vorab Verletzungen zu vermeiden. Wenn Verletzungen geschehen sind, dann geht es um Heilung und sonst nichts – Heilung so weit als möglich.

Als sie alle gegangen sind, die Steinewerfer, da sagt Jesus zur Ehebrecherin nicht: „Na ja, Ehen können scheitern.“ Als wär das ganz normal und eben der Lauf der Dinge. Nein: Der Lauf der Dinge ist von uns gemacht und nicht gottgegeben. Gott gegeben ist vielmehr sein Gebot, die Möglichkeit und die Aufforderung anders zu leben als der Lauf der Dinge uns eben leben lässt. Jesus sagt der Ehebrecherin nicht: „Ja, ja, so ist es halt“ und fesselt sie damit an die Erfahrung des Scheiterns. Sondern er öffnet ihr die Zukunft indem er ihr sagt: So könnte es in Zukunft sein. Er sagt ihr Gottes Gebot: „Geh hin und sündige hinfort nicht mehr!“

Hören wir noch einmal Teile des Predigttextes. Denn er hat noch mehr zu bieten: Mk 10,2 Und Pharisäer traten zu ihm und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau; (…) 10,4 Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden. Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben.

Ich finde interessant, dass Gott Kompromisse eingeht – wegen der Härte und Bosheit menschlicher Herzen. Das begegnet nicht nur hier, sondern an vielen Stellen der Bibel. Hält Gott in der Schöpfungserzählung zum Beispiel noch fest, dass die Menschen vegetarisch leben sollen, so gesteht er ihnen nach der Sintflut zu, dass sie auch Tiere essen dürfen. „Denn das menschliche Herz ist böse von Jugend an,“ so drückt er sich aus. So verhärtet ist das menschliche Herz, dass es Gefahr läuft, überhaupt kein Empfinden mehr für Grausamkeit zu entwickeln. Durch den Kompromiss, tödliche Gewalt wenn schon nicht gegenüber den Tieren zu verurteilen, so doch wenigstens gegenüber den Mitmenschen, bewahrt uns Gott wenigstens unter Menschen gewisse Skrupel. Besser ein Kompromiss als ein Ganz-oder-gar-nicht, aus dem am Ende immer ein Gar-nicht wird. Das kennen wir ja von guten Vorsätzen: Lieber kleine gute Vorsätze, die uns gelingen als all zu große, aus denen am Ende gar nichts wird.

Wo das Empfinden für das Gute und Rechte verloren geht, da ist der Kompromiss das Mittel, die Restbereiche der Menschlichkeit abzusichern. Damit von ihnen aus die Menschlichkeit wieder wachsen kann. Nicht ganz oder gar nicht, sondern Schritt für Schritt.

Biblischer Umgang mit gebrochenen Geboten könnte am Beispiel zerbrechender Ehen also folgendermaßen aussehen:
1. Eine Ehe zerbricht nicht in einem klaren Schnitt. Sie zerreißt langsam, Faser für Faser. So langsam muss sie auch wieder heilen: Faser für Faser. Die Ehe zu halten und anderen zu helfen, die Ehe zu halten heißt, also, aufmerksam zu sein auf die kleinen Verletzungen. Nachlässigkeit hier ist der eigentliche Ehebruch.
2. Es kann sein, dass wir trotzdem feststellen müssen, dass die Herzen und Fronten bereits zu verhärtet sind, um die aufgerissenen Wunden zu heilen. Dann steht es uns gut an, das nicht zu beschönigen, sondern die Dinge klar beim Namen zu nennen. Gott tut das auch.
3. Es gilt aber ebenso klar zu benennen: So wie die Lage ist, müsste sie nicht sein. Dass Ehen zerbrechen ist nicht gottgegeben. Im Gegenteil: gottgegeben ist, dass ein Ehepaar nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch ist. Deshalb tut´s auch so weh, wenn eine Ehe zerbricht.
4. Wo etwas zerbrochen ist, gibt es nichts unangebrachteres, als noch selbst dreinzuschlagen und von Strafe und dergleichen zu reden. Es gilt zu heilen – soweit als möglich. Aus Christi Umgang mit der Ehebrecherin können wir lernen, dass zum Heilen vor allem eines gehört: Nicht zu sagen: „Ja, ja es hat halt nicht sollen sein. So ist halt die Welt.“ So heilt man nicht. So verhärtet man Herzen weiter. Christus dagegen sagt zur Ehebrecherin: Geh hin und sündige hinfort nicht mehr. Er sagt ihr damit: Die Welt ist eben nicht einfach so. Die Welt ist anders geschaffen, anders gemeint und anders möglich. Auch dir ist anderes möglich. Dein Herz ist nicht hart erschaffen. Es ist hart geworden. Du bist nicht dazu erschaffen, als verletzter und vernarbter Mensch durch´s Leben zu humpeln. Ein offenes Herz und die zarte Haut der Kinder Gottes sind dir bestimmt. Geh in diese neue Welt. Das ist die Wirklichkeit. Die Welt ist eben nicht, wie sie ist. Und du musst nicht sein, wie du bist. Werde Kind Gottes. Geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Mein Taufspruch übrigens steht bei Hesekiel. Dort sagt Gott: ich will dir ein neues Herz und einen neuen Geist geben und das steinerne Herz aus deinem Fleisch nehmen und dir ein fleischernes Herz geben.
Das gebe Gott uns allen. Amen.

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