Ist das ein Wunder?

„Ist das denn ein Wunder?“ frage wir manchmal rhetorisch – verwundert. Und meinen: natürlich nicht.
Wunder gibt es immer wieder klingt es bestenfalls aus dem Radio –
oder: Wunder geschehen, ich hab’s gesehen!
Ist das denn ein Wunder, wenn ein Gelähmter seine Matte, sein Bett in die Hand nimmt und einfach davon geht? Manchmal kann ich solche Wunder erklären mit der Kunst der Ärzte oder dem Fortschritt der Medizin, manchmal geschehen sie einfach.
Ist das ein Wunder,wenn eine Schuld nicht mehr zentnerschwer auf den Schultern liegt, sondern vergeben ad acta gelegt werden kann? Kinder haben manchmal das Gefühl, man müsste ihnen doch eigentlich ansehen, es müsste ihnen ins Gesicht geschrieben stehen, was sie gerade ausgefressen haben und das nagt dann an ihnen. Versagen aus der Vergangenheit kann ich eine Zeit lang verdrängen, aber irgendwann bricht es durch, bricht es auf.
Ist das ein Wunder: ein Menschenkind in den Händen zu halten, so ganz klein und schutzbedürftig und doch so vollkommen und liebenswert?
Es gibt, glaube ich, kein größeres Glück als nach der langen oder manchmal auch kurzen des Wartens ein Kind zum ersten Mal im Arm zu halten.
Der Gelähmte mit der Matte in der Hand, der Schuldbefreite, das Kind im Arm: Natürlich ist das alles ein Wunder und manchmal wundern wir uns ja auch noch und staunen und strahlen.
Markus erzählt von einem Wunder und von einem Streit und verwundert stelle ich fest, wie leicht er missverstanden werden kann,von denen die seine Geschichte meinen deuten zu müssen.
Es gibt so ein vorgegebenes Deutungsmuster, in dem wir gar nichts mehr hinterfragen. Wir sollten uns statt dessen häufiger einmal wundern !
Jesus hat seine Jünger berufen, also um sich gesammelt und ist nach Kapernaum gekommen. Dort predigt er und dort heilt er. Dort er ist verständlicherweise schnell ein bekannter und gefragter Mann, ein Publikumsmagnet. Bald wird es eng in den Häusern, in denen er anzutreffen und zu hören ist. Das kennen wir nur zur Konfirmation und zu Weihnachten.
Von Freunden oder guten Bekannten wird auch ein Gelähmter zu diesem Haus gebracht und weil der Eingang von den Massen versperrt ist, durch das Dach in den Innenraum hinabgelassen.
Was er von Jesus will?
Markus erzählt es nicht, aber wir meinen sofort zu wissen, dass er natürlich Heilung erwartet. Keiner kann sich doch mit solch einem Handicap zufrieden geben, wenn es Aussicht auf Heilung gibt.
Aber Jesus heilt ihn zunächst überhaupt nicht, sondern spricht ihm Sündenvergebung zu.
Und hier beginnt das erste große Missverständnis, das so alt ist wie die Menschheit selbst. Als ob Sünde und Krankheit etwas miteinander zu tun haben.
Als ob die Krankheit die Folge meiner Schuld wäre.
Ich kann verstehen, wenn Menschen, die mit den Folgen ihrer Erkrankung leben müssen oder mit der Diagnose einer Krankheit konfrontiert werden, nach dem Grund und dem Sinn fragen.
Natürlich liegt es nahe, zu fragen, was ich getan habe, dass Gott solch eine Erkrankung zumindest zulässt.
Aber eine Erkrankung und schon gar nicht eine Behinderung sind Strafen Gottes.
Ein Handicap, eine Beeinträchtigung, eine Behinderung sind auch keine Krankheit, sondern eine, ich gebe zu: schwierige Lebenssituation, die es zu bewältigen gibt und in der hoffentlich dennoch erfülltes Leben möglich sein wird.
Lange Zeit wurden Menschen mit Einschränkungen aus solch einem Missverständnis heraus aus der Mitte der Gemeinschaft ausgeschlossen.
Heute beginnen wir Gott sei Dank unsere Städte und Orte barrierefrei umzubauen, damit alle sich in ihnen gleichermaßen frei bewegen können. Es könnte doch sein, dass der Gelähmte aus dem Evangelium einfach nur am Leben teilnehmen und wie alle anderen auch Jesus hören wollte.
Wenn Jesus den Menschen eine ganz neue Erfahrung und Nähe Gottes brachte, wenn bei ihm Gott plötzlich ein Gesicht bekam und eine Bedeutung im Leben, dann wollte dieses Kind Israels wie alle anderen auch einfach dabei sein.
Der Glaube seiner Begleiter wäre dann nicht der Glaube an den Wundertäter, sondern der Glaube an den Gottesboten, den Glaubensmittler, der Gott unter Menschen fassbar werden ließ.
Das Gottesverhältnis des Gelähmten jedenfalls ist in Ordnung, denn Jesus bescheinigt ihm: deine Sünden sind dir vergeben. Du bist mit Gott im Reinen.
Er widerspricht also deutlich menschlichen Vorurteilen, als könnte man aus dem Schicksal dieses Mannes Gottes Strafgericht ablesen.
Natürlich wünschen wir uns heil durch das Leben zu kommen.
Diese Sehnsucht kann man besonders deutlich an der Wahl der Taufsprüche ablesen, bei denen es in den letzten Jahren einen eindeutigen Favorit gibt: denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.
Natürlich wünschen wir das für uns und erst recht für unsere Kinder. Und es ist unser Recht und unsere Freiheit, darum zu bitten und dafür zu beten.
Das evangelische Verlagshaus „Andere Zeiten“ hat gerade den eine Millionsten Bronzeengel versandt. Das spricht für sich.
Aber es gehört zu einem ehrlichen und offenem Blick auf das Leben, dass auch ein Christenmensch nicht verschont bleibt von Gefahren, Krankheiten, Unfällen und Schicksalsschlägen. Und die Verheißung Jesu und des Psalmisten ist nicht: dir kann nichts passieren, sondern nichts kann dich trennen von deinem Gott.
Ich habe großen Respekt vor Menschen, die dieses Vertrauen leben, auch wenn das Leben es ihnen nicht immer leicht gemacht hat. Von ihrem Gott wollten sie nicht lassen, weil gerade er das Leben in solchen Phasen leicht, erträglich, erfüllt, ja schön gemacht hat.
In unserer Geschichte reiben sich die Umstehenden verwundert die Augen, vielleicht weil ihr Weltbild durcheinander kommt: was tut dieser Jesus da, was sagt er denn da?
Vielleicht aber auch weil er deutlich macht, welche Vollmacht, welche Autorität, welche Legitimation er hat: Sünden zu vergeben, die Gottesbeziehung zu heilen: „wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind“ haben wir eingangs gebetet.
Wir müssten es nur wieder ernster nehmen. Denn diese Praxis und diese Erfahrung ist weitgehend ausgewandert aus unseren Kirchen.
Schuld ist eine menschliche Realität. Wir sind uns und anderen etwas schuldig, wir bleiben uns und anderen etwas schuldig, wir versagen, wir verletzen und werden verletzt. Damit müssen wir leben, leben lernen.
Aber die Bearbeitung von Schuld und Schuldgefühlen haben wir auswandern lassen aus den Beichtstühlen im Angesicht Gottes hin zu den Sesseln und Liegen der Therapeuten, sicher auch mit gutem Grund, denn es braucht dafür hohe fachliche Kompetenz.
Aber es gibt Punkte, da hilft nicht mehr die Bearbeitung der Schuld, da braucht es Vergebung; da reicht es nicht mit der Schuld oder der eigenen Begrenztheit leben zu lernen, sondern da braucht es Befreiung, da muss ein Paket auch einmal von den Schultern genommen werden.
Sündenvergebung ist ein radikaler Neuanfang – und der ist im Leben immer möglich und Gott reduziert Menschen nie auf das,was sie einmal getan haben oder was sie einmal waren.
Genau das ist die bleibende Verheißung in der Taufe, in die ich mit Luther gesprochen immer wieder kriechen kann.
Jesus jedenfalls weiß um die Bedeutung dieser Vollmacht. Er weiß, dass sie noch größer ist als die Fähigkeit, körperliche Gebrechen zu heilen und so lässt er , um das zu unterstreichen wie nebenbei den Gelähmten wieder auf die eigenen Beine kommen.
Ist das ein Wunder?
Natürlich ist es ein Wunder ,wieder auf die eigenen Beine zu kommen:
wenn Gebrechen geheilt werden, egal ob ich es erklären kann oder nicht.
Wenn Menschen nicht nur auf ihr Versagen reduziert werden.
Wenn ich Schuld abladen und Vergebung empfangen darf.
Wenn Leben gelingt und Glaube durch das ganze Leben mit seinen Höhen und Tiefen trägt.
Dann ist das ein Wunder – Gott sei Dank ! Amen

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