Die Sünde, die Träger und das Dach

Liebe Gemeinde!

Der Zusammenhang zwischen Krankheit und Sünde, so es ihn denn gibt, ist schon immer ein heißes Eisen gewesen. Eine falsch verstandene Werkgerechtigkeit verführt viele Menschen dazu, einen Zusammenhang zwischen Krankheit und Sünde zu erkennen. Dabei gilt: Je schlimmer die Krankheit, desto größer die Schuld.

Ich freue mich sehr, diesem Aberglauben heute etwas überaus wirksames entgegenzusetzen, denn im heutigen Predigttext geschieht etwas ganz anderes. Vier Männer oder Frauen tragen einen gelähmten Mann zu Jesus. Die Träger haben gehört, dass der Sohn Gottes wieder in der Stadt ist und haben sich auf den Weg gemacht. Sie scheuen keine Mühen, wirklich bis zu Jesus durchzukommen und als sie es geschafft haben, passiert etwas völlig unerwartetes.

Jesus heilt den Gelähmten nicht zuerst, sondern sagt zu ihm: Kind, deine Sünden sind dir Sünden vergeben! Keiner der Umstehenden hätte damit gerechnet. Heilen? Ja! Das kannte man auch von anderen Menschen zu der Zeit Jesu. Aber gleich die Sünden vergeben? Nein! Das war und ist allein die Sache Gottes.

Warum vergibt Jesus aber zuerst die Sünden? Ausschlaggebend für sein Tun sind die Träger der Bahre. Als nun Jesus ihren Glauben sah vergab er dem Gelähmten seine Sünden. Der Glaube der Träger ist also einer der Schlüssel, um verstehen zu können, warum Jesus überhaupt an dem Gelähmten handelt. Ihr Glaube ist es, der die Handlung Jesu gegenüber dem Gelähmten überhaupt erst in Gang setzt. Ihre Bemühungen um den Kranken ermöglichen diesem eine tief greifende Behandlung. Eine Behandlung, die mehr verspricht, als auf den ersten Blick zu erkennen zu sein scheint.

Worin liegt aber das Besondere der Sündenvergebung durch Jesus? Worauf verweist das Wort Sünde überhaupt? Nicht gemeint sein kann hier das, was wir schlechthin als Sünde bezeichnen: Hier ist nicht der außerplanmäßige Gang zum Kühlschrank gemeint. Auch kann das Wort Sünde an dieser Stelle nicht das meinen, wenn in der Werbung eine Eiskollektion mit dem Prädikat sündig beschrieben wird.

Sünde, das ist in der heutigen Textstelle ein Begriff, der viel tiefer reicht, als die oberflächlichen Beispiele es vermuten lassen. Jesus vergibt dem Gelähmten zuallererst seine Sünden, weil es eine Verbindung zu Gott gibt, die durch die Sünde beschädigt werden kann. Denn Sünde bedeutet fern sein von Gott, von unserem Ursprung.

Warum heilt Jesus aber nun zuerst die Sünde des Kranken? Er hat doch gesehen, was die Träger alles angestellt haben, um den Gelähmten zu ihm zu bringen?

Die Antwort ist ganz einfach: Weil Jesus nicht zwischen einem Inneren und Äußeren Menschen unterscheidet, heilt er zunächst mal den ganzen Menschen, lautet die Antwort. Dieser ganze Mensch ist es, der von Jesus hier auf seiner Bahre wahrgenommen wird. Es ist auch der Mensch der gesündigt hat, weil sich nie alle Sünden vermeiden lassen. Da reicht es auch nicht zu sagen: Ich habe gar nicht gesündigt!

Überlegen Sie einmal bei sich selbst, wo sie gegen Gott gehandelt haben. Laut sagen braucht das keiner, aber sich eingestehen sollte es sich jede und jeder von uns. Zu Beginn des Gottesdienstes haben wir das Herr erbarme dich gesungen, weil wir der Vergebung bedürfen, weil wir Sünder sind.

Und Sünde geschieht öfter als man denkt und man kann nun mal nicht immer seinen Nächsten lieben, wie sich selbst – obwohl wir um diese Worte Jesu spätestens seit letzter Woche wissen.

Sieh nicht nur deinen eigenen Vorteil, sondern halte immer ein Auge auf deine Nächsten!

Das ist es, was Luther mit der Formel simul iustus et peccator beschrieben hat: Wir sind Sünder und zugleich gerechtfertigt vor Gott. Sünde geschieht öfter als man denkt und es bedarf der Erkenntnis der Sünde, um sie vor Gott bringen zu können. Aber nun geschieht in unserem Text das Unglaubliche: Ohne groß Aufhebens darum zu machen, vergibt Jesus dem Gelähmten seine Sünden.

Danach hatte dieser aber gar nicht gefragt. Um wie viel größer erscheint dann das Geschenk der Gnade und Barmherzigkeit Gottes an dieser Stelle.

Eigentlich, liebe Schwestern und Brüder, könnte die Geschichte hier zu Ende sein: Schließlich sind die Sünden des Gelähmten durch Jesus, der in der Vollmacht Gottes handelt, vergeben. Aber Jesus handelt ein zweites Mal an ihm und spricht: ?Steh auf, nimm dein Bett und geh heim!? Die Geschichte über die Sündenvergebung ist hier darum noch nicht zu Ende, weil Jesus den Menschen in seiner Ganzheit erkennt. Was nützt es dem Gelähmten, wenn er zwar seine Sünden vergeben bekommt, aber immer noch nicht wieder gehen kann? Besser wäre es doch, wenn er aufstehen könnte, sich selber aufmachen könnte um anderen gleich so zu begegnen, wie Gott ihm in Jesus begegnet ist. Er wird aufgefordert nach Hause zu gehen. Er ist wieder intakt. Er ist der ganz erneuerte Mensch. Ohne Sünden und ohne Lähmung! Bereit zu neuen Taten im Lichte des Evangeliums, wie Luther es sagt.

Ist aber die Sündenvergebung der Initiator der Krankenheilung? Bedarf es erst der Sündenvergebung um den Gelähmten zu heilen? Jesus selbst gibt darauf im Johannesevangelium eine Antwort. Als ihn die Jünger angesichts eines blind geborenen Jungen fragen, wessen Schuld das sei, die der Eltern oder die des Jungen selbst, antwortet Jesus darauf so schlicht wie ermutigend: Weder der Junge, noch die Eltern haben gesündigt. Vielmehr werde ich an ihm meine Vollmacht erweisen! Genauso wie in unserer Geschichte: Weder stellt Jesus einen Zusammenhang zwischen den Sünden des Kranken und seiner Heilung her – er stellt ja nicht mal die Bedingung, dass der Gelähmte nun aber erst glauben müsse! – noch lässt es die Geschichte selbst vermuten. Jesus handelt an dem Gelähmten aus Vollmacht. Er handelt im Sinne Gottes, indem er den Gelähmten ohne jede Bedingung von seiner Sünde und seiner Krankheit frei spricht. Plötzlich ist der ganze Mensch frei.

Schauen wir auf uns: Wo wären wir gerne so frei, wie der Gelähmte es nun ist? Wo empfinden wir Lähmung? Wo benötigen wir den Freispruch Jesu, um mit neuer Kraft, alte Bindungen zu zerschlagen? Viel zu oft, so kommt es mir vor, bräuchten wir auch Träger. Die sich mit uns aufmachen würden, zu den Altlasten unseres Lebens. Die Träger könnten sich mit uns aufmachen zu Jesus, dass uns unsere Sünden vergeben würden und wir so frei wären, mit der Sündenvergebung etwas Neues anzufangen. Wie der Gelähmte wieder aufzustehen.

Im Vater Unser beten wir: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern! Der erste Teil der Bitte ist lange erfüllt. Jetzt sind wir frei, den zweiten Teil der Bitte wahr werden zu lassen. Um wie viel leichter mag uns diese Bitte über die Lippen gehen, wenn wir darum wissen, dass uns die Sünden vergeben sind?! Wie es aber das Beispiel der Träger und des geheilten Gelähmten zeigt: Glaube und Taten gehören zusammen, denn der Glaube lässt aus sich selbst heraus, aus freien Stücken, Taten folgen. So hält Jesus den Geheilten schließlich dazu an, sich wieder auf den Weg zu machen. Er bekommt eine Anweisung: Steh auf, nimm dein Bett und geh heim! Eigentlich steht da: Steck‘ den Kopf jetzt nicht in den Sand. Du bist frei! Nutze diese Freiheit und geh zurück zu deinen Leuten und mach sie gleichsam frei, indem du ihnen hilfst ihre Bindungen zu zerschlagen.

Mit den Worten Luthers könnte man hier sagen: Das ist die Freiheit eines Christenmenschen! Wir sind frei. Aber wir sind nicht nur frei: Denn weil wir befreit wurden, sollen wir den Anderen auch dienen. Natürlich aus dieser Freiheit heraus. Ziemlich deutlich tritt hier zu Tage, was der Weg Gottes mit uns für uns bedeutet: Freiheit geschenkt zu bekommen, die uns befreit, andere befreien zu können. Und ein zweites: Gott lässt das Werk seiner Hände nicht los. Er ist bei uns. Hier bei uns durch Jesus Christus. Er vergibt uns unsere Sünden und befreit uns, damit wir Kraft haben, uns wieder auf den Weg zu machen.

Es geht also gar nicht um einen Zusammenhang zwischen der Sünde und der Heilung des Gelähmten. Man kann nicht sagen: Die Sünde bedingt die Krankheit! Ebenso ist nicht zu sagen: Erst muss Gott die Sünde heilen, denn dann kann der Mensch wieder ganz gesund werden. Das ist eine Einbahnstrasse. Denn wäre es so, und würden wir einander munter die Sünden vergeben, gerade den Kranken, in der Hoffnung, dass dies alles wäre, was sie zur Gesundung brauchen, dann irrten wir uns. Aber: Wir sind dazu angehalten Fürbitte zu halten für die Kranken.

Damit sie eben nicht zurückgeworfen werden auf sich selbst, sondern mit neuer Kraft, ihre eigenen Sachen angehen können. Was bringt es, wenn Gott den Gelähmten zunächst auf seine Sünden verweisen würde? Zuerst unterhielten sie sich, über die Verfehlungen und dann würde Jesus, wenn dann alle Sünden vorgetragen wären, dem Kranken die Heilung gewähren. Das ist nicht der Sinn unserer Geschichte: Weil Gott den ganzen Menschen ansieht, weiß er um die Schuldverfallenheit der Menschen. Und weil er uns als ganze Menschen erkennt, gibt er auch die Heilung. Ganz ohne Bedingung, abgesehen von der Forderung sich aufzumachen und jetzt nicht stehen zu bleiben!

Werfen wir an dieser Stelle noch einmal einen Blick auf die Träger. An ihnen entscheidet sich einiges in dieser Geschichte. Sie erfüllen eine wichtige Funktion: Ohne sie wäre der Gelähmte nicht zu Jesus gekommen. Ihr Glaube setzt die Kettenreaktion von Vergebung, Heilung und Freiheit zum Handeln erst in Gang. Wären solche Träger nicht auch das gewesen, was der Herzpatient im Krankenhaus gebraucht hätte? Geben wir ihnen einmal Namen und stellen die Unbekannten in den Vordergrund: So könnte einer Zuspruch heißen, ein anderer Tat, die dritte könnte Liebe heißen und ein vierter Freundschaft. Das sind die Dinge die uns tragen. Nicht die Hinweise auf unsere Sündhaftigkeit.

Die vier Träger können stellvertretend für uns stehen. Wir sind angehalten zu bitten und zu tragen. Gleich Jesus sollten wir die Menschen um uns herum nicht auf sich selbst zurückwerfen, sondern sie befreien, indem wir ihnen helfen ihre Lähmungen abzuschlagen. Dass sie wieder Kraft bekommen, sich frei auf den Weg zu machen! Und erst recht, da wir wissen: ?Kind, deine Sünden sind dir vergeben. Steh auf, nimm dein Bett und geh heim!?

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

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