Lazarus darf gehen

(TEXT inklusive der Verse 39-40)

Liebe Gemeinde!
Was wird aus Lazarus, nachdem ihn Jesus aus dem Grab gerufen hat? Kein persönliches Wort hören wir über ihn – in der ganzen Bibel nicht. Von allen ist mehr die Rede als von ihm. Von Maria und Marta erfahren wir viel auch noch an anderen Stellen der Bibel. Und in der Evangeliumslesung ist das Gespräch zwischen Marta und Jesus länger dargestellt als überhaupt von Lazarus die Rede ist. Und die ganze Geschichte läuft darauf hinaus, dass die, die zu Maria gekommen waren, um ihr nach dem Tod ihres Bruders beizustehen, nun an Jesus glauben. Lazarus wird zwar im folgenden Kapitel noch ein paar Mal erwähnt. Aber nur sozusagen als Aushängeschild Jesu, als Beweis seiner Macht. Der Mensch Lazarus kommt eigentlich gar nicht vor.

Ich behaupte nun, dass wir Menschen der Neuzeit eine gewisse Allergie auf Wunder entwickelt haben. Sie können nach unserem Weltbild nicht sein. Sie dürfen nicht sein. Und wo eine Geschichte wie diese scheinbar nach Wunder riecht, sogar nach einem recht deftigen, da fängt es uns geistig schon an zu jucken und zu kratzen, sodass wir von der eigentlichen Geschichte gar nichts mehr mitbekommen.
Ich möchte Sie deshalb bitten, das Wunder einfach einmal rauszuschalten aus der Geschichte, damit wir sie ohne geistiges Kratzen hören können. Denn nicht das Wieder-Lebendig-Machen des Lazarus, auf das sich unser neuzeitlich allergischer Geist stürzt, führt zum Kern der Geschichte. Dass Lazarus scheinbar weiter lebt, spielt offensichtlich keine Rolle. Sonst wäre doch davon die Rede. Dass jemand neu ins Leben gerufen werden soll, müsste doch einen Sinn haben, von dem die Rede sein müsste: Dass er noch mal von vorne beginnen soll, dass er noch etwas zu erledigen hat im Leben, dass er für seine Schwestern sorgen soll oder was auch immer. Aber davon ist in unserer Geschichte keine Spur! Kein Auftrag an Lazarus.
Von Lazarus erfahren wir nur eines: Er ist an einer Krankheit gestorben. Er liegt im Grab und stinkt schon. Er ist sozusagen zu einer Unperson geworden – zu einem Unberührbaren. Und nun kommt er auf Befehl Jesu wieder aus seinem Grab: Gefesselt mit Grabbinden an Füßen und Händen, mit verhülltem Gesicht. Und Jesus sagt: Löst die Binden und lasst ihn gehen! — Löst die Binden und lasst ihn gehen!

In Kassel gibt es nicht nur die documenta, sondern ein fast sehenswerteres Museum. Das Museum für Spulkralkultur: Bestattungskultur. Im Keller des Museums befindet sich u.a. der Inhalt einer Adelsgruft. Viele Särge übereinandergestapelt, mit Bibelversen beschriftet.
Daneben ein Sarg, der geöffnet ist, um zu zeigen, wie die Toten im Sarg bestattet wurden. Man sieht, wie sie regelrecht festgebunden, an Füßen und Händen gefesselt wurden – ähnlich wie Lazarus. Die Leichentücher wurden zwar sichtbar liebevoll gewickelt, allerdings immer so, dass sie sicherstellten, dass dem Toten keine Bewegung mehr möglich war. Über die Toten wurden weitere Bänder im Zickzack, manchmal sogar im doppelten Zickzack über Kreuz gespannt.
Der Grund: Der Mensch, den man lebendig geliebt hat, gewinnt im Tod oft etwas Unheimliches. Er scheint geradezu ein anderes Wesen zu sein, wenn nur der Körper bleibt. Das Unfassbare des Todes -und ich denke, wenn man der Begegnung mit ihm nicht ausweicht, ist der Tod immer etwas Unfassbares – dieses Unfassbare kann leicht in etwas Unheimliches umschlagen. Es kann aus einer Person eine Unperson machen, auf die man keinen Einfluss mehr hat, die nicht mehr antwortet, keine Regung mehr zeigt, kein Mitgefühl für unseren Schmerz. Jemand, den wörtlich und bildlich alles kalt lässt; und der doch so aussieht, als könnte er sich jederzeit bewegen. Das Unfassbare des Todes kann in Grauen umschlagen, wenn man sich vorstellt, dass sich da plötzlich jemand bewegt – ein Jemand, der außer seinem Aussehen nichts mehr gemein hat mit der geliebten Person. Er kennt kein Mitgefühl mehr, reagiert nicht auf uns, kennt uns nicht mehr. Selbst sein Geruch, der einst so vertraut war, hat sich in Gestank verwandelt: ein seelenloses, stinkendes Wesen ohne Mitgefühl – die Attribute des Bösen – mit dem Aussehen unseres Geliebten. Was kann es Grauenhafteres geben?
Deshalb fesselte man die Verstorbenen, auch Lazarus. Deshalb wird der Sarg vernagelt, ein Stein vor die Gruft gerollt: um dem Grauen Einhalt die gebieten.

Und Jesus? Er schert sich nicht. Unfassbar ist der Tod wohl auch für ihn. Aber er weint, statt dass ihm graut. Für ihn ist Lazarus mit seinem Tod zu keiner Unperson geworden. Er ist Lazarus geblieben. Er ist geliebter Mensch geblieben. Geblieben – nicht wieder geworden. Deshalb ist diese Geschichte auch keine Toten-Wieder-Erweckungs-Geschichte. Sie ist vielmehr eine Geschichte vom Mensch-bleiben. Tod hin oder her.
Jesus tut in dieser Geschichte nur eines: etwas, das wir alle können, aber so selten tun. Er lässt Lazarus Mensch sein, geliebter Mensch. Tod hin oder her. So unfassbar das ist.

„Es ist bemerkenswert“, schreibt der Schriftsteller Max Frisch, „dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in all seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solang wir sie lieben. Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren. Warum? So wie das All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfassbar ist der Mensch, den man liebt- Nur die Liebe erträgt ihn so.
… Unsere Meinung, dass wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe, jedesmal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind – nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: Weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns. Er muss es sein. Wir können nicht mehr! Wir kündigen ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfassbar bleibt.“ Wir verweigern ihm letztlich das Leben oder zumindest große Teile davon. „Und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei. …“

„Irgendeine fixe Meinung unserer Freunde, unserer Eltern, unserer Erzieher, (auch) sie lastet auf manchem wie ein altes Orakel. Ein halbes Leben steht unter der Frage: Erfüllt es sich oder erfüllt es sich nicht. Mindestens die Frage ist uns auf die Stirne gebrannt, und man wird ein Orakel nicht los, bis man es zur Erfüllung bringt“ – durchaus auch im Gegenteil. „Eine Lehrerin sagte einmal zu meiner Mutter, niemals in ihrem Leben werde sie stricken lernen. Meine Mutter erzählte uns jenen Ausspruch oft; sie hat ihn nie vergessen, nie verziehen; sie ist eine leidenschaftliche und ungewöhnliche Strickerin geworden, und alle die Strümpfe und Mützen, die Handschuhe, die Pullover,, die ich jemals bekommen habe, am Ende verdanke ich sie allein jenem ärgerlichen Orakel! …
In gewissen Grade sind wir wirklich das Wesen, das die anderen in uns hineinsehen, Freunde wie Feinde. Und umgekehrt! auch wir sind die Verfasser der anderen; wir sind auf ein heimliche und unentrinnbare Weise verantwortlich für das Gesicht, das sie uns zeigen. … Wir sind es, die dem Freunde, dessen Erstarrtsein uns bemüht, im Wege stehen, und zwar dadurch, dass unsere Meinung, er sei erstarrt, ein weiteres Glied in jener Kette ist, die ihn fesselt und langsam erwürgt.“ Lazarus in der Totenstarre.

„Und Jesus: Löst ihn aus den Binden!“, sagt er. „Und lasst ihn gehen!“ Löst ihn aus den Banden und lasst ihn gehen! Was für ein Wunder, wenn dan geschieht, was der letzte Vers unseres Predigttexte sagt: Und die dabei standen, glaubten, folgten Jesus!

Wir wünschen anderen ja oft, dass sie sich wandeln, o ja, wir wünschen es ganzen Völkern! „Aber darum sind wir noch lange nicht bereit, unsere Vorstellung von ihnen aufzugeben. Wir selber sind die letzten, die sie verwandeln. Wir halten uns für den Spiegel und ahnen nur selten, wie sehr der andere seinerseits eben der Spiegel unseres erstarrten Menschenbildes ist, unser Erzeugnis, unser Opfer – .“
(Max Frisch: Tagebuch 1946-1949; Kapitel: Du sollst dir kein Bildnis machen)

Was für ein Wunder, wenn jemand sagt: Löst ihn aus den Banden und lasst ihn gehen. Und wenn die Umstehenden dem folgen.

Und so darf Lazarus gehen: aus all den Orakeln und Festschreibungen seines Lebens, als aller Erstarrung. Er darf gehen aus Marias und Martas Leben, aus dem Leben der Umstehenden aus dieser Geschichte und aus der Bibel.
Und Lazarus darf wieder sein, was er immer war – Tod hin oder her: Geliebtes Kind Gottes, unfassbar, statt unheimlich. Wein Wunder eben wie jeder Mensch. Lazarus darf gehen. Und auch der Tod darf wieder sein, was er ist: Unfassbar, aber deshalb noch lange nicht unheimlich, geschweige denn grauenhaft.

Lazarus darf gehen. Ich wünschte, wir dürften es auch – täglich – Tod hin oder her.

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