Seitensprung

Dass die Bibel zwar Gottes Wort ist, aber nicht Wort für Wort von Gott inspiriert ist, ist bekannt. Es ist immer wieder durch Menschen geflossen. Und diese Menschen hatten durchaus auch Eigeninteressen. Das macht die Bibel an manchen Stellen so spannend, wenn da etwas zu spüren ist von Auseinandersetzung, von Rücksichtnahme, von Ablehnung. Ist das wirklich Gottes Wille oder menschliches Kalkül, auf das die Menschen hören. Das macht auch die Bibelübersetzung und Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes so spannend. Ist das, was ich lese Gottes Wort oder Menschenwort. Sind meine Gedanken dazu vom Heiligen Geist geleitet oder von meinen eigenen Interessen. Das darf nie vergessen werden, egal ob es um Krieg und Frieden, um Sexualität, egal ob Hetero oder Homo geht. Mein Glaube fordert mich immer wieder zu neuen Entscheidungen heraus. Und ehrlich gesagt, das Duett von Bibel und Leben ist manchmal eher ein Duell. Und trotzdem lohnt es sich immer wieder hinzuhören, wo Jesus mit seinen GegnerInnen diskutiert:

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Für die Menschen, die Jesus hier gefragt haben, war die Antwort völlig klar. Selbstverständlich hatte ein Mann seit alters her das Recht, seine Frau zu entlassen, ihr die Scheidungsurkunde zu überreichen. Strittig war höchsten, aus welchen Gründen. Die strengere Schule erlaubte nur wirkliche Verfehlungen, Seitensprünge. Den Liberalen langte ein angebrannter Pudding, um die Frau zu verstoßen.

Das Ganze war also eine Fangfrage. Was sollte Jesus antworten: Wer Scheidung ablehnte, hatte etwas gegen das Gesetz des Mose. Wer sie befürwortete, befürwortete auch das Schicksal verstoßener Frauen. Jesus weicht nicht aus, er macht klar, dass das Gesetz des Mose an dieser Stelle eine Notverordnung ist, die Rücksicht nimmt auf die Unbarmherzigkeit der Menschen, speziell der Männer und die die Willkür wesentlich dadurch einschränkt, dass die verstoßene Frau eine Bescheinigung erhält, dass sie frei ist. Diese Bescheinigung ermöglichte ihr zumindest theoretisch einen Neuanfang. Jesus aber geht es nicht um irgendwelche Notverordnungen, sondern um den Willen Gottes. Mose Regelung, so Jesus, wäre nur eine Konzession gewesen wegen der Verhärtung des Herzens. Der Wille Gottes aber sah anders aus, sieht heute noch anders aus.

Der Wille Gottes ist das Ziel. Ihn zu erkennen, dahin will uns Jesus leiten. Unseren Blick will er wegleiten von allen echten und eingebildeten Sachzwängen und Notwendigkeiten.

Das Wort, das Jesus für Scheidung benutzt, bezeichnet das Auseinanderbringen einer Ehe, d.h.: Hier sind auch weitere Menschen außer den beiden Direktbeteiligten gemeint. Jesus ist da weitsichtiger als manche Menschen, die sich so gerne das Maul zerreißen. Wo zwischen Zweien etwas schief geht, sind oft weitere Menschen mit im Spiel. Und das sind nicht nur mögliche Seitensprung-PartnerInnen. Der so genannte Seitensprung ist oft nur das Ende einer langen Geschichte eines Ehebruchs. Da können Schwiegereltern oder Geschwister oder FreundInnen beteiligt sein. So viele Menschen regieren hinein in eine Ehe. Und machen oft mehr kaputt als sie gut tun.

Der Wille Gottes aber ist ein Anderer. Er will Liebe, umfassende Liebe von Menschen. Darum verändert Jesus die Fragestellung. Für die Juden seiner Zeit waren das zwei getrennte Bereiche: Scheidung und Ehebruch. Im Hintergrund steht ein völlig anderes Bild von der Ehe als unseres. Das Eherecht gehört ins Sachrecht. Die Frau zum Besitz des Mannes. Wer seine Frau fort schickte, überließ sie der Hilflosigkeit. Für den Mann dagegen galt: Seine Beziehung war kein Ehebruch, höchstens das Brechen einer fremden Ehe, weil er den ‚Besitz’ eines anderen Mannes antastete. Scheidung im Jahre 30 hat ein andere Form als heute.

Jesus hebt diese Trennung von Scheidung und Ehebruch auf und führt beide Dinge zusammen. Das ist eine Provokation.

Es verändert nämlich die Sichtweise, in dem er jede Scheidung Ehebruch nennt und Ehebruch den Anfang von Scheidung. Und ich bin davon überzeugt, dass dieser Perspektivwechsel bis heute noch nicht angekommen ist bei den Menschen. Immer noch geht es bei dem Wort Ehebruch um Sex und Seitensprung und nicht um Handeln, das zur Zerstörung von Beziehung führt.

Jesus entlarvt alle Trennung von Ehebruch und Scheidung als Versuch, das eigene Fehlverhalten rein zu reden. Darum ist Jesu Urteil so scharf: Jede Scheidung ist in Wirklichkeit Ehebruch. Jede Ehe ist von Gott begründet und darf darum nicht zerstört werden.

Jesu Worte sind klar und deutlich – und doch so weit weg, weil wir ganz andere Vorstellungen von Gerechtigkeit haben als Jesus. Die Güte und Gerechtigkeit jeder Regelung zeigt sich daran, wie sie mit den Schwächsten umgeht und wie ernst sie Gottes Willen nimmt.

Die Schwächsten in jener Zeit waren die Frauen, die nicht in der Lage waren rechtlich eigenständig zu handeln, die hin und her geschoben wurden, die verheiratet und geschieden wurden. Dagegen wehrt sich Jesu mit seinem Verweis auf den Willen Gottes, der weitreichender ist als Alles, was Menschen zum Thema gesagt haben, auch wenn es Mose selbst war.

Gott stiftet Liebe und aus Liebe wird Ehe. Alles Stören einer Ehe, einer Partnerbeziehung ist gegen Gottes Gebot.

Jesus Gedanken zur Ehe sind ganz konkret. Als Mann und Frau sind Menschen geschaffen für das Füreinander und das Miteinander. Wo das nicht gelingt ist die Ehe gebrochen. Mann und Frau sind in ein Joch gespannt, sie sind ein Gespann. Freude an dieser Gemeinschaft kann das Ziel sein. Wer diese Freude zerstört von innen oder außen, der bricht die Ehe.

Im Wesentlichen geht es um Freude an der Liebe, die sich in jeder bestehenden Ehe auslebt. Freude an Gottes Willen, der in der Ehe Raum findet. Dazu gehört Sexualität genauso wie das Gemeinsame etwas Bewegen, das einander Stützen und Stärken. Liebe ist ein umfassendes Ereignis, das in der Ehe einen guten Rahmen hat, aber nicht nur dort.

Die Ehe ist der Weg den Menschen wählen aus eigenem Antrieb mit eigenem Willen und es ist der Segen Gottes, der auf ihr ruht – und den Menschen verspielen können, wo sie bestehende Ehen nicht ernst nehmen, eigene und fremde.

Jesus stellt kein neues Ehegesetz auf, er erklärt den Willen Gottes. Und er gibt Anleitung zur Prüfung des eigenen Gewissens.

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