Ein missratener Dialog

Jede christliche Generation steht neu vor der Aufgabe, die überkommene Botschaft der Bibel in die eigene Zeit zu übersetzen. Weil Kulturen, gesellschaftliche Verhältnisse sich wandeln, muss sich auch das Reden von Gott wandeln, um in der jeweiligen Gegenwart glaubwürdig und lebenstiftend sein zu können. Wir haben das Wort Gottes in der Bibel nicht als überzeitliches Wort , sondern vielfältige Menschen berichten ihre Erfahrungen mit Gott in ihrer bestimmten Zeit, in ihrem bestimmten Lebensraum. Immer wieder müssen wir uns fragen, wie ein Wort von damals, aus einer völlig anderen historischen Situation uns in unseren Fragestellungen heute lebenseröffnend sein kann, ob es die befreiende Botschaft aktualisiert oder verstellt.

So geht es uns auch mit unserem heutigen Predigttext, den Sie schon in der Lesung gehört haben (Joh.3,1-11). Vielleicht ist es Ihnen ergangen wie mir – dieser Text aus dem Johannesevangelium steht uns sehr fremd, verschlüsselt gegenüber. Ich gestehe, ich habe mit dem Gedanken gespielt, ihm aus dem Weg zu gehen.

Ein völlig missratener Dialog, von Anfang an gestört – ein Mann, Nikodemus, kommt zu Jesus, bewundert ihn, Jesus antwortet nicht auf Augenhöhe, wartet nicht ab, bis Nikodemus vielleicht eine Frage stellt oder sein Anliegen äußert, warum er gekommen ist. Jesus geht mit keinem Wort auf Nikodemus ein, sondern überschüttet ihn sofort mit einer Belehrung: Amen, amen, ich sage dir, wer nicht von oben her neu geboren wird, kann das Reich Gottes nicht sehen. Wer nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann nicht in das Reich Gottes hineinkommen. Das aus dem Fleisch Geborene ist Fleisch, und das aus dem Geist Geborene ist Geist.

Nikodemus versteht nichts. Neu geboren werden, aus Geist geboren werden, wie soll das geschehen? Jesus geht unfreundlich mit ihm um: Du bist Lehrer in Israel und weißt das nicht? Amen, amen, ich sage dir. Damit ist Nikodemus gleichsam mundtot, er verschwindet spurlos aus der Geschichte, während Jesus weiterredet, in einseitigem Monolog, in ebenso schwierigen Sätzen. Ein Gespräch, was gar kein richtiges Gespräch ist, scharf, exklusiv, mit hartem Absolutheitsanspruch. Kein sympathischer Jesus für mich, eher ein fremder, ungewohnter. Kein Beispiel für eine gute Gesprächsführung. Warum ist das so, frage ich mich? Warum wird die Begegnung zwischen Nikodemus und Jesus so harsch erzählt, so anders wie Begegnungen mit Jesus, die wir sonst kennen?

Johannes schreibt in einer Zeit scharfer Auseinandersetzungen (Ende des 1.Jhds.). Die Mehrheit der jüdischen Menschen stand einer jüdischen Minderheit gegenüber, die in Jesus den erwarteten Messias sahen, was die Mehrheit entschieden ablehnte. Sie hatte gute Gründe dafür Ein Gekreuzigter kann nicht der Messias sein, wo doch im Alten Testament steht, dass verflucht ist, wer am Holz hängt. Und die Welt ist noch unverändert, Gottes Versprechungen sind noch nicht eingelöst. So die Mehrheit. Sie bedrängten die Juden, die glaubten, dass in Jesus Gottes neue Welt schon sichtbar begonnen hat, entgegen den gewohnten Messiaserwartungen, dass in Jesus trotz Kreuz der jüdische Gott begegnet. Sie bedrängten, das hieß, sie schlossen die als Abtrünnige geltenden Jesusgläubigen aus der Synagoge aus (Joh.9,22; 12,42), und vielleicht betraf, was im rabbinischen Judentum etwas später überliefert ist, auch schon die johanneische Gemeinde – dass der Synagogenausschluss auch Auswirkungen auf die ganzen Lebensverhältnisse hatte, auch auf die ökonomische Basis: Es darf nicht an sie verkauft und nicht von ihnen gekauft werden.

Also: ein innerjüdischer Streit zur Zeit des Johannes, in dem die jesusgläubige Gemeinde um ihre eigene Identität kämpfen und wo sie auch dem Abfall zum Mehrheitsjudentum entgegenwirken musste. Wenn ich diesen Streit zur Zeit des Johannes vor Augen habe, gewinne ich Zugang zu dem gescheiterten Gespräch und der unerbittlich scharfen Belehrung von seiten Jesu.

Zwei jüdische Gruppierungen stehen sich gegenüber. Die jesusgläubige Gemeinde des Johannes sieht in den Worten Jesu ihr Selbstverständnis begründet. Neu geboren sein in der Begegnung mit Jesus eröffnet den Weg zu Gott. „Was wir wissen, reden wir und bezeugen, was wir gesehen haben, und ihr nehmt unser Zeugnis nicht an „– so sagen sie der jüdischen Mehrheit. Nikodemus erscheint als Repräsentant der Gruppe, die kein Bekenntnis zu Jesus wagt. Er gehört der jüdischen Führungsschicht an, ein in jüdischer Frömmigkeit Gebildeter, ein Ratsherr der Juden, d.h. er gehörte dem Synhedrium an, dem höchsten Gremium jüdischer Selbstverwaltung innerhalb der römischen Besatzungsmacht. Offensichtlich ist er heimlicher Sympathisant, er kommt nachts, will sich keine Schwierigkeiten machen, will seinen Status nicht aufs Spiel setzen, aber er sympathisiert mit Jesus – wir wissen, dass du ein von Gott gekommener Lehrer bist. Niemand kann die Zeichen tun, die du tust, er bewundert ihn. Vielleicht wollte er in der Begegnung genauer herausfinden, was an Jesus dran ist.

Jesus hält dem Bewunderer, so wie es die Gemeinde des Johannes glaubt, in unbedingter Gewissheit entgegen – amen, amen (3mal in unserm Text), ich sage dir, es gibt keinen anderen Zugang zum Reich Gottes, als von oben her neu geboren werden, aus Wasser und Geist. Ein starker, machtvoller Absolutheitsanspruch.

Von oben, von neuem geboren werden, durch Gottes Einwirken, das ist eine bis heute im Judentum geläufige Vorstellung. Ein Mensch darf einen Neuanfang beginnen, einen nicht zu überbietenden Neuanfang, wie es das Bild einer Geburt vermittelt. Schon in der hebräischen Bibel war die Rede von Wasser und Geist mit Gottes erneuertem Handeln in Verbindung gebracht worden. Israel wird eine Zeit verheißen, in der Gott reines Wasser über sie sprengen wird, um sie zu reinigen. Er wird ihnen ein neues Herz und einen neuen Geist geben, seinen Geist (Ez. 36,24-28). Die Gemeinde des Johannes hat diese Verheißung in Jesus sichtbar erlebt. Gottes Geist, in Jesu Reden und Wirken zum Zuge gekommen, ist denen verheißen, die sich zu ihm bekennen, öffentlich in der Gemeinde, deren äußeres Zeichen die Taufe mit Wasser ist.

Das ist das Bekenntnis der jesusgläubigen Gemeinde den Juden gegenüber, die, verkörpert in Nikodemus, noch nicht neu geboren sind, nicht zum Reich Gottes gehören. So sieht es Johannes: Es gibt keinen anderen Zugang zu Gott als über Gottes Geist in Jesus. Ein ungeheuerlicher Absolutheitsanspruch, der verständlich wird aus der Situation der bedrängten Minderheitsgemeinde, die um ihr eigenes Profil ringt. Dieser ungeheuerliche Absolutheitsanspruch bringt mich aber heute in Distanz zu einem solchen unerbittlich exklusiven Bekenntnis. Denn die innerjüdischen Auseinandersetzungen damals sind nicht einfach zu übertragen auf unsere heutige Situation. Christen und Christinnen sehen sich einer Vielfalt von Religionen gegenüber und müssen lernen, ihre Überheblichkeit abzulegen. Christen müssen lernen, den Anspruch abzulegen, die Wahrheit kennten nur wir, nicht die anderen. Wer so denkt, macht den Ort seiner Geburt zum Wahrheitskriterium. Alle Religionen beruhen auf Erfahrungen, die Menschen mit dem einen Gott gemacht haben.

Für Christen sind diese Erfahrungen an Jesus gebunden, der Jude Jesus ist das geöffnete Fenster zu Gott, und das bedeutet im Blick auf unseren Text: Neu geboren werden in der Begegnung mit Jesus, mit seinem Geist, heißt die Last der bisherigen Lebensgeschichte, die man sich aufgebürdet hat oder die einem aufgebürdet worden ist, zurück lassen zu können – unglaublich sagt der Nikodemus in uns. Unerhört, es kann doch nicht für alle gelten, denke ich an unheilbare Alkoholker, Drogensüchtige. Dennoch gilt: Neu geboren sein, willkommen sein wie ein neugeborenes Kind, auch angesichts der völligen Ohnmacht gegenüber dem Defizit unsres Lebens, dem Defizit, was das Leben sein könnte und dem, was es wirklich ist – unglaublich sagt der Nikodemus in uns. Neugeboren zu werden, willkommen zu sein angesichts der zerbrochenen Hoffnungen, der verronnenen Lebenswünsche, der vertanen und verspielten Chancen, des Versagens – unglaublich sagt der Nikodemus in uns. Sich von Jesus, seinem Geist, ansprechen, berühren zu lassen, hieße als Fragment zu leben und leben zu können, als etwas, was nicht ganz ist und dennoch nicht mehr gebunden zu sein an eine belastende Lebensgeschichte, die wie ein Staatsanwalt anklagt – das hieße aus dem Geist Jesu neu geboren sein.

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