Auf den Weg geschickt werden

Liebe Gemeinde,

herzlich willkommen wieder zu Hause, bin ich versucht zu sagen!
Die Sommerferien sind vorbei – die Hauptreisezeit ist zu Ende – und so langsam schweben die meisten, die sich auf Reisen begeben haben, wieder ein.

Reisen – unterwegs sein – davon erzählt auch unser Predigttext. Jesus ist unterwegs Richtung Jerusalem. Er bewegt sich gerade im Grenzgebiet zwischen Samarien und Galiläa. Juden und Samariter, wir wissen das (haben es letzte Woche auch erst gehört), waren sich nicht gerade grün – sie waren wohl nicht direkt verfeindet, aber zumindest Gefrotzel und Lästereien gab es schon. Jesus als Jude war da gewissermaßen „auf der falschen Seite“, als Protestant in erzkatholischen Landen oder so ähnlich.

Irgendwo in diesem Gebiet kommt er zu einem Dorf, aber bevor er richtig reinkommt, wird er abgefangen von zehn Männern. Lukas erzählt die Geschichte folgendermaßen:

[TEXT]

„Auf der Falschen Seite“ sind auch diese zehn Männer. Sie leben zwar – aber sie haben Lepra. Und weil diese Krankheit ansteckend ist, sind sie aus der Dorfgemeinschaft verbannt. Es gab Lepra-Kolonien, in denen sich die Kranken zusammengefunden haben. Wer den Aussatz hatte, durfte sich keinem Gesunden nähern, und er musste alle anderen warnen: Achtung, ich bin krank – komm mir nicht zu nahe! Eigentlich hätten sie sich Jesus gar nicht nähern dürfen. Sie hätten ihn warnen müssen, sie hätten sich zurückziehen müssen. Das tun sie aber nicht: Sie schreien lautstark um Hilfe.

Und Jesus geht zu ihnen hin, geht auf sie ein. Allerdings anders als bei vielen anderen Heilungen. Oft berührt er die Menschen, spricht sie direkt an. Diese zehn hier nicht. Er gibt ihnen nur einen Auftrag: „Geht und zeigt euch den Priestern!“ – Dort musste jeder hin, der Lepra oder eine ähnliche Krankheit gehabt hatte und wieder gesund geworden war – die Priester begutachteten jeden, der behauptete, wieder gesund zu sein. Und wenn tatsächlich kein Anzeichen der Krankheit mehr zu erkennen war: Dann durften die Menschen wieder zu ihren Familien zurück. Aber nur dann.

Dorthin schickt Jesus also diese zehn Kranken, dass sie sich vorstellen sollen und sich sozusagen wieder gesundschreiben lassen sollen. Und eigentlich ist das völlig absurd. Sie sind ja krank, sie sehen mit Sicherheit an sich selbst noch die Anzeichen der Krankheit und dürften so gar nicht ins Dorf gehen. Aber auf Jesu Wort hin gehen sie trotzdem – und auf dem Weg werden sie gesund.

Gegen jeden gesunden Menschenverstand haben sie Jesu Auftrag befolgt. Sie gehen, sie handeln, obwohl es rein von der Vernunft her völlig widersinnig klingt überhaupt erst loszugehen. Aber beim gehen – und erst da – zeigt sich die Wirkung. Die zehn Männer bekommen, wenn man so will, ihr Leben wieder geschenkt – weil sie gehen, weil sie auf Jesu Wort vertrauen und ihm folgen, obwohl es zunächst mal nicht sehr sinnvoll erscheint.

Nun ist, Gott sei’s gedankt, keiner von uns hier an Lepra erkrankt. Wir könnten es uns leicht machen und sagen: Mit uns hat die Geschichte ja gar nichts zu tun. Wir müssen nicht auf ein absurdes Kommando hin zu den Priestern gehen um unsere Reinheit zu beweisen.

Nein, so nicht, das ist wohl wahr. Trotzdem hat jeder von uns auch so eine Geschichte! Jeder von uns ist zu Beginn seines Lebens auf einen Weg geschickt worden; und jedem von uns sind schon mit Beginn unseres Lebens Aufträge und Aufgaben mitgegeben worden, die uns vielleicht nicht sehr sinnvoll erscheinen. Und jeder von uns hier hat sein Leben neu geschenkt bekommen – in der Taufe. Verbunden mit dem Auftrag, dass wir unseren Weg weitergehen mit Jesus Christus, und mit dem Versprechen, dass er uns begleiten wird – selbst dann, wenn unser Weg unsicher oder gar komplett absurd aussieht. Jeder von uns ist auf einem Weg, auf den Jesus Christus ihn geschickt hat. Wie jeder einzelne damit umgeht – das ist nochmal eine andere Frage.

In der Erzählung des Lukas werden zehn Männer zu den Priestern geschickt. Alle werden sie gesund. Aber neun tauchen nicht mehr auf. Sie gehen auf dem schnellsten Weg zu ihrer Familie, sie tauchen wieder in den Alltag ein – und man kann es verstehen. Monate, vielleicht sogar Jahre waren sie von ihren Familien getrennt, sie wollen wieder mit ihnen zusammen sein, wollen wieder ihre alte Rolle einnehmen. Es war sicher jeder froh, wieder gesund zu sein. Aber der Alltag war vielleicht so fordernd, dass sie nicht mehr daran gedacht haben, sich zu bedanken, oder vielleicht wollten sie nicht zurückschauen in das alte Elend – wer weiß.

Einer aber dreht sich um und bedankt sich. Er lobt Gott lauthals, fällt Jesus zu Füßen und bedankt sich bei ihm persönlich. Jesus fordert ihn auf: Steh auf und geh jetzt in dein Leben und in die Welt zurück – aber denk daran: Dein Glaube hat dir geholfen! Zugleich ist er sauer auf die neun anderen, die es nicht für nötig gehalten haben zu kommen und sich zu bedanken. Warum? Ist Dankbarkeit Voraussetzung für eine Heilung?

Ich unterstelle den neun gar keine Undankbarkeit. Ich bin sicher, dass sie heilfroh waren, wieder gesund zu sein. Aber, das Problem ist: Sie sind weg. Jesus kann nicht nochmal mit ihnen sprechen. Er kann sie nicht auf einen neuen Lebensweg schicken oder mitnehmen. Und es ist fraglich, ob sie aus ihrer Erfahrung lernen. Ob sie erkennen: Mein Glaube daran, dass Gott helfen kann, hat mir geholfen! Oder ob sie glauben: Ein besonders mächtiger Magier hat mich gesund gezaubert.

Und so kann natürlich der Glaube nicht wachsen, so kann sich Jesu Botschaft nicht weitrer verbreiten, wenn das nicht klar ist.

Wir haben heute drei Neugetaufte hier. Diese drei – vom Baby bis zur jungen Frau – werden heute auf einen neuen Lebensweg geschickt. Und diese drei brauchen andere Menschen, die sie begleiten, sie mitnehmen, von ihren eigenen Erfahrungen erzählen. Diese drei brauchen Menschen, die ihnen Mut machen, gegen den ersten Schein den Weg des Glaubens zu gehen. Wir alle brauchen das.

Macht euch auf den Weg, sagt Jesus zu den Aussätzigen – und zu dem einen, der Zurückgekommen ist: Dein Glaube hat dir geholfen. Antonia, Benjamin, Marion: Macht euch auf den Weg, sagt Jesus zu euch – euer Glaube wird euch helfen.

Wir alle: machen wir uns auf den Weg. Lassen wir uns nicht beirren. Laßt uns davon berichten, was wir mit Gott erfahren haben. Laßt uns immer wieder Wege zum Reich Gottes suchen, auch wenn es mühsam ist oder wenn wir dafür belächelt werden. Denn wir sind getauft. Wir haben unser Leben neu aus Gottes Hand bekommen. Und wir können auf ihn vertrauen – gegen jeden Schein.

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