Fünf Häute und zehn Prozent

Hautkrankheiten zählen zu den langwierigen. Ihre Behandlung braucht viel Geduld. Wer sich jemals mit Akne oder Schuppen, Ekzem oder einer Flechte herumgeschlagen hat, weiß: es lässt sich nicht schnell wegzaubern. Als in den 80-er Jahren in Halle mehrfach Kinder an Neurodermitis erkrankten, haben sich Eltern gefragt, ob dabei nicht auch die verpestete Umwelt in der DDR eine Rolle spielt, die dreckige Luft, die Schaukronen auf der Saale, die aus Richtung Leuna geschwommen kamen. Inzwischen ist erwiesen, dass die Zunahme von Allergien mit den Giften zu tun hat, die uns umgeben. Unsere Haut reagiert sensibel. Mindestens bei den Ärzten gilt der erste Blick auch der Haut. Sieht sie rosig aus, verfallen, stumpf? Das können wichtige Hinweise auf unseren Zustand sein.
Fünf Häute haben die Menschen. So meinte jedenfalls Hundertwasser, der Künstler, der mitten in schnurgerade Straßenfluchten märchenbunte Häuser setze. Fünf Häute. Die erste ist die Menschenhaut, die unseren Körper bedeckt und umschließt, was in uns wohnt: Fleisch und Knochen, Gedanken und Gefühle. Die zweite Haut ist unsere Kleidung, also das, was wir uns ansehen und wie wir uns geben. Wenn ein Hemd oder eine Hose besonders bequem ist, sagen wir das sogar: Sie schmiegt sich an wie eine zweite Haut. Durch unsere Kleidung drücken wir viel von uns aus. Lederjacke, Spitzenbluse, Anzug, Jeans – wir geben zugleich mit dem, was wir anziehen, unserer Umwelt Codes, wo sie uns einordnen soll. Während unsere erste Haut sozusagen nach innen blickt, schaut die Kleidung nach außen und spiegelt uns. Die dritte Haut ist unser Haus, unsere Wohnung, das, womit wir uns umgeben. Die vierte Haut sind die Menschen um uns herum: Familie und Freunde, das Land, in dem wir leben. Die fünfte Haut, das ist die gesamte Umwelt, alle Menschen.
Die Haut, wir Menschen, die Umwelt – das ist ein komplexes System. Unsere Haut umgibt uns. Einerseits schützt sie uns vor den Einflüssen von außen, vor Wasser, Wind und fremden Blicken. Andererseits verbindet sie uns mit unserer Umgebung. Sie lässt uns Zärtlichkeiten und Schläge, Liebe und Ablehnung spüren. Wenn etwas in dem System, in dem wir leben, aus dem Gleichgewicht gerät, kann auch unsere Haut krank werden.
Von Aussätzigen, wir würden heute Lepra dazu sagen, erzählt auch die Geschichte aus der Bibel. Sie galten als ansteckend und mussten deshalb außerhalb der Gesellschaft leben. Ein normales Leben wurde ihnen verwehrt. Sie durften nicht einmal mit anderen zusammen ihren Lebensunterhalt verdienen. Kein Wunder, dass sie zu Out-Laws wurden, zu A-Sozialen, zu Menschen, die sich außerhalb der Gemeinschaft und ihrer Normen bewegten. Die Ausgestoßenen, wollten sie sich nicht ständig auf die (Un-)Barmherzigkeit der Leute verlassen, waren auf ihresgleichen angewiesen. Sie taten sich in kleinen Gruppen zusammen. Sie lebten in Gemeinschaften außerhalb der Gemeinschaft. Notgemeinschaften. Vorläufer von Selbsthilfegruppen. Oder waren das Keimzellen neuer Gemeinschaft? Ihre Herkunft, ihre Vergangenheit spielte dort keine Rolle mehr, nur die Notwendigkeit, den Alltag gemeinsam zu meistern. Das schuf Solidarität, so zerbrechlich sie auch gewesen sein mag. Allerdings werden es auch damals eher die Armen gewesen sein, die dort landeten. Denn Lepra – wenn es denn Lepra war – ist zwar ansteckend. Aber Unterernährung, mangelnde Hygiene und schlechtes Immunsystem spielen eine ebensogroße Rolle.
Eine solche Gruppe kann es gewesen sein, der Jesus begegnet. Von ferne, heißt es. Denn sie dürfen sich ihm nicht nähern. „Unrein, unrein“ müssen sie rufen. Was geht in Menschen vor, die andere vor sich selbst warnen müssen? Das Gefühl, nicht dazuzugehören, ist schon schlimm. Was bedeutet es jedoch, wenn jemand immer wieder sagen muß: Ich bin gefährlich. Ich bin eine Bedrohung für eure Gemeinschaft. Wie kaputt ist so ein Mensch? Wer so etwas denkt, sagt oder fühlt, ist wirklich aussätzig … nein: Eine Gemeinschaft, die Menschen dazu bringt, so zu fühlen, ist krank! Wenn eine Familie, ein Ort, eine Gruppe, eine Gesellschaft oder auch eine Kirche Menschen soweit ausgrenzt, dass sie sich selbst für minderwertig halten, dann stimmt etwas nicht mit der Familie, dem Ort, der Gesellschaft.
Was für Erfahrungen haben wir selbst mit Ausgrenzung? Als Kind in der Klasse allein ausgelacht werden, wegen der Christenlehre verspottet, im Betrieb ausgebremst? Und wo werden Menschen oder Menschengruppen heute dazu gebracht, sich aussätzig zu fühlen, als fehl am Platz, als in der falschen Haut geboren? Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!
Jesus nimmt die Gruppe wahr. Er reagiert auf sie. Und er behandelt sie wie ganz normale Leute. Er fordert sie auf: „Geht hin und zeigt euch den Priestern.“ Das ist die übliche Vorgehensweise. Die Priester mussten damals diagnostizieren, ob Aussatz vorlag oder nicht. Auf dem Weg zurück in die Normalität passiert das Wunder: sie werden gesund.
Jesus schickt sie in die Gemeinschaft zurück. Dort ist ihr Platz, nicht außerhalb. Das ist zugleich eine Herausforderung, dass die Umgebung ihnen Platz macht und ihren Platz (zurück) gibt. Wenn es stimmt mit den fünf Häuten und mit dem komplizierten Zusammenspiel von Haut, Mensch und Umgebung, dann muß auch – oder zuerst – die Umgebung sich verändern und heil werden. Jesus nimmt die Gemeinschaft in die Verantwortung, indem er die Leute zu den Priestern schickt.

Zehn Leute. Die Gruppe, die Jesus um Hilfe angerufen hatte, macht sich gemeinsam auf den Weg. Der sehnlichste Wunsch geht in Erfüllung. Sie werden heil. Dann bricht die Gruppe auseinander. Neun gehen zur Tagesordnung über, arrangieren sich, haben ihre Haut gerettet, nehmen in Anspruch, was das neue Leben so bietet. Einer kehrt zu Jesus zurück, erinnert sich, gibt der Dankbarkeit Raum. 90 Prozent und 10 Prozent.
Ist das so? Ich denke an die Wende. Die Bilder von den Massen werden jetzt überall gezeigt, auch in der Kirche, Menschenmassen auf Demonstrationen, jubelnde Mengen. Viele Wünsche brechen sich Bahn. Und danach? Die meisten gehen zur Tagesordnung über, haben ihre Haut gerettet, nehmen in Anspruch, was die neue Gesellschaft so bietet, schimpfen, dass es nicht mehr ist. Wieviel Prozent kehren zurück, erinnern sich, geben der Dankbarkeit Raum?
Vielleicht steckt hinter dem Verhältnis von 9 zu 1, 90 und 10 Prozent doch mehr. Ende der 80-er Jahre, als wir bitter über die Starrheit des DDR-Systems klagten, meinte mein Mentor: Wenn in einer Diktatur 10 Prozent Veränderungen wollen, dann bewegen sie etwas. Wenn 10 Prozent unzufrieden sind, kann das System sie nicht mehr ignorieren.
Zum 1. September referierte ein Historiker über die deutschen Erschießungskommandos im 2. Weltkrieg, über die speziellen Bataillone, die vor allem in Dörfern im Osten systematisch tausende Menschen erschossen oder in Gebäuden angezündet haben, die polnische und russische Bevölkerung, Juden, Sinti und Roma. In diesen Bataillonen gab es dennoch meistens einige, die dabei nicht mitgemacht haben. Interessant war die Zahl, die der Historiker schätzte: im Durchschnitt 10 Prozent.
Zehn Prozent verweigern sich dem Unrecht. Zehn Prozent können für einen Wandel in der Welt ausschlaggebend sein. Wieviel haben sich in der DDR tatsächlich engagiert? Wieviel sind heute dankbar? Es tut uns gut, wenn wir Demokratie, Reisefreiheit, Heizung, Warmwasser und Auto nicht für selbstverständlich nehmen. Vor 20 Jahren ist es gelungen, uns zu häuten und das kaputte, verknöcherte System abzustreifen, das uns den Atem abgeschnürt hat. Danach ging es uns besser, auch körperlich. Den Aufrechten Gang haben wir gespürt. Wir haben aufgeatmet.
Einer von zehn nimmt sich Zeit, zu Jesus zurückzukehren, zu reflektieren und zu danken. Zu ihm sagt Jesus: „Steh auf, geh hin, dein Glaube hat dir geholfen.“ Ich glaube, er ist wirklich heil geworden. Bei ihm ist nicht nur die Menschenhaut wieder gesund geworden, sondern auch die anderen Häute.
Zurückblicken und dankbar sein kann uns helfen, dass die Verbindung zwischen den Häuten wieder heilt, die Verbindung zwischen uns, der Umwelt, der großen Welt. Und in einem stillen Moment spüren wir sie vielleicht, die zärtliche Berührung Gottes, bei dem niemand aussätzig ist.

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