Heimsuchung

Liebe Gemeinde in Ellingen,

Ja, die Geschichte kennen wir ja nun schon lange, Jesus weint über Jerusalem und treibt die Händler aus dem Tempel. Große Emotionen von Trauer und Wut in Szene gesetzt, dass wir es schier als Film in unseren Gedanken haben. Früher war das leichter zu verstehen, da wies der Finger sofort nach Israel.
Und heute noch gewinnt der Seufzer Jesu über Jerusalem: „Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient.“ ungeheure tagespolitische Aktualität im nahen Osten. Beklommen hören wir Jesu Vision, dass kein Stein auf dem anderen bleiben solle, angesichts unseres Wissens, dass Jerusalem im Jahre 70 von den Römern plattgemacht wurde, sowie der heutigen Perspektive dieser Stadt im Umfeld iranischer Bedrohung.
Dazu die Begründung: Jerusalem und seine Menschen hätten die Zeit nicht erkannt, in der sie heimgesucht wurden.

Heimgesucht, liebe Gemeinde, das ist mir heute das Predigtstichwort. Dieses Wort, fast schon vergessen im allgemeinen Sprachgebrauch, und wenn schon benutzt, dann verknüpft mit dem Gedanken an persönliche und geschichtliche Katastrophen, damit, dass eben kein Stein auf dem anderen bleibt.
Mit diesem Wort verbindet sich aber im Evangelium das höchste, wichtigste und schönste, was passieren kann, ja was passiert ist:
Gott sucht sein Volk, Gott sucht seine Menschen, er sucht sie heim, das heißt: er findet sie, besucht sie, er besucht sie daheim, da wo sie sind.
„Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, hat uns besucht der Aufgang aus der Höhe….“

Die biblische Geschichte ist voller Besuchsgeschichten: Abraham wird besucht; „heute muss ich in Deinem Haus einkehren“ hört Zachäus, Maria erhält Besuch, Mariä Heimsuchung, Martha Maria und Lazarus bekommen Besuch, die Arbeiter im Weinberg bekommen Besuch. Nur einige seien genannt. Und der Besuch entscheidet etwas im Leben, so oder so.

Dass Gott Menschen heimsucht, sie daheim besucht, hat seither nicht aufgehört. Die Geschichte des Glaubens der Kirche ist eine Geschichte vom Besuch Gottes, seit Jesus als Kind dieser Erde gelebt und verdeutlicht hat, wie Gott der HERR, der Vater im Himmel, stets und ständig auf dem Weg ist, die Seinen zu besuchen, heimzusuchen.
ER sucht uns, „Adam, wo bist DU?“ ER erreicht uns, spricht uns an, berührt unser Leben sichtlich, spürbar. „Von allen Seiten umgibst DU mich“ wird schließlich zur Gewissheit des Glaubens. ER gibt Wegweisung durch SEIN Wort, nimmt bei der Hand und leistet Schrittmacherdienste. Und schließlich gibt ER Perspektive, Sinn und Ziel und zeigt was zum Frieden dient – in Zeit und Ewigkeit. Darin findet die Heimsuchung Gottes ihr Ziel, uns daheim zu suchen, damit wir den Weg heim finden in Gottes ewiges Vaterhaus.

Oft spricht man davon, dass man die Menschen da abholen muss, wo sie sind, Gott tut es. Deswegen ist Jesus Christus auf die Welt gekommen, um genau dafür zu stehen und genau das zu tun, zu suchen und zu finden, was verloren ist, damit es nicht verloren bleibt, verlorener Sohn, verlorener Groschen, verlorenes Schaf – und alles gefunden.
Und auf den Weg heim gebracht.

Das ist also die Botschaft dieses Gottesdienstes heute. Gott besucht mich daheim, in meinem Umfeld, in meiner Kirche, in meiner Familie, an meinem Arbeitsplatz, in meinem Glück, in meinem Leid. ER sucht mich heim, dass ich ihn nicht verliere. Das ist der Hauptpunkt. Lernen wir Leben so sehen und so verstehen. Da bleibt kein Moment des Lebens unbesucht.
„Ich sitze oder gehe, ich liege oder stehe, so ist stets DEINE Hand über mir,“ so heißt es in einem Lied. Ein anderes Bild für den gleichen Gedanken.
Nehmen wir ein paar Beispiele als Ausrufezeichen des Lebens, um das neu in die Erinnerung unseres Glaubens einzubrennen, damit wir erkennen, was zum Frieden dient.

Lernen wir Leben so sehen, dass Gott uns heimsucht im besten Sinne des Wortes. Oft hilft es, auf das Kleine und Unscheinbare des Alltags zu achten: eine unerwartete Begegnung, eine erfahrene Freundlichkeit, ein Wort des Nachdenkens, irgendwo aufgeschnappt, überhaupt alles, was wir gern einmal dem Bereich Zufall zuordnen. In dem Sinne also, alles, was uns zufällt (NB!) Ja, woher wohl?

Vielleicht helfen uns aber besondere Momente des Lebens noch eher, die Heimsuchung Gottes, oder soll ich sagen, Zeichen der Zeit im Leben zu erkennen.

• Ich war letzte Woche bei der Taufe meines Enkelkindes. Neues Leben wird geschenkt. Gott sucht ein neues Menschenkind, eine ganze Familie heim mit seiner Gnade und Liebe, sichtbar in einem Kindchen. Wir hören, „ICH habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist MEIN“. „ICH bin der Weg und die Wahrheit und das Leben…“ Da wird exemplarisch die Geschichte des Heils deutlich. So sucht uns Gott heim, indem ER alles Gute in uns hineinlegt, seine Liebe, SEINEN guten Geist. ER gibt uns, wie an die Hand der Eltern, an die Hand Jesu, dass ER uns stiller Begleiter und Wegweiser sei.

• Jede glückliche Erfahrung hat die gleiche Botschaft. Wie leicht wir das vergessen im Alltag. Wo doch jedes noch so kleine Glück einen Strahl des Himmels in unser Leben fallen lässt. Gott sucht uns heim, „vergiss nicht, was ER Dir Gutes getan hat“ Ein Moment des Nachdenkens darüber lohnt immer.

• Dazu zählen natürlich auch die vielen gottesdienstlichen Momente, in denen Gott uns mit SEINEM Wort heimsucht, dass es ins Herz dringt, Bewegung, Änderung, Trost und Bestätigung auslöst. Jeden Sonntag und bei vielen anderen Gelegenheiten für uns eine neue Chance, zu hören, was uns zum Frieden dient, dass Jesus eben nicht auch über uns weinen muss.

• Leben und Leid erfahren, bzw. wahrnehmen gehört zusammen. Das kann man nicht einfach wegdiskutieren, ein Blick in die Fernsehnachrichten ist Beleg genug. Für das Menschenbild der Bibel ist ein Leben ohne Leid, glücklich zu sein, nicht einfach automatisches Lebensziel. Nicht irdisches Glück wird dauernd beschworen, im Unterschied zu unserem natürlichen Wunsch heutzutage, wohl aber Heil, sozusagen als das ewige Glück im Himmel. Noch Martin Luther war das himmlische Heil mit seiner Frage. „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ wichtiger, dem ordnete er jede Glückssehnsucht unter, ja die Antwort seiner Frage „aus Gnade“ löst erst befreiende irdische Glücksgefühle aus. Schwere Lebensabschnitte gehören zu jedem Leben. Aber wie sie sehen, wie sie verstehen, wie sie ertragen? Hierfür das Wort Heimsuchung zu verwenden, heißt dies alles mit Gott in Verbindung bringen. Nicht einfach blindes Schicksal, nein, die bitteren Wege des Lebens sind auch Gottes Weg mit uns. Während wir noch klagen, „hast DU, Gott, mich vergessen“, ist Gott längst am Werk. So deutet sich der Leidensweg Jesu in unserem eigenen Leben. Am Ende des Weges steht neues Leben, Auferstehung, ewiges Leben. Ja, manchmal ist die Sprache der Heimsuchung sehr herb, aber dennoch ist es die Sprache des Lebens, die unsere Antwort erwartet, die lautet: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen.“

• Unser Problem ist, dass wir das in der Last des Leides, aber auch, weil unser Gottvertrauen manchmal unter der Hand zerbröselt, nicht so recht sehen können. Ich sollte einmal während einer Reha-Maßnahme als Teil der Therapie eine Gedankenreise machen, als Symbol für das Leben. In Gedanken bestieg ich einen Ballon. Als wir noch auf dem Boden waren, ging ein Weg vom Startplatz weg, man konnte ihn verfolgen bis zum Waldrand, ein Stück nur, nicht weiter. Der Ballon stieg auf und fuhr über die Landschaft. Aber jetzt in der Höhe wurde plötzlich sichtbar, wie der Weg weiterging, wieder aus dem Wald heraus, aus dem Schatten ins Licht, über Hügel und Auen, weit, weit, bis zum nächsten Ort. Aus anderer Perspektive wird Sinn und Ziel erkennbar. Gottes Suche nach uns führt heim.

Jesus weint und wird wütend, ganz menschlich wütend – übrigens die einzige Szene der Heiligen Schrift, dass Jesus einmal ausrastet –
Jesus weint und wird wütend, weil die Menschen immun sind gegen das göttliche Wort oder andere ein Geschäft daraus machen, ein Geschäft mit der Angst der Menschen, mit ihrem schlechten Gewissen.
Nicht nur, dass sie nicht erkennen, nicht erkannt haben, was zum Heil führt, ihr Glaube ist auch noch falsch besetzt.

Da geht es heute weniger um Jerusalem und um Israel.
Es geht um uns. Es geht darum, dass diese Geschichte der Bibel etwas neu in uns einrasten lässt, neu erkennen lässt, wie sehr Gott dauernd mit uns zu tun hat und uns anspricht, eben heimsucht. Es geht darum, dass wir es merken im Alltag und sensibel dafür werden. Die Dinge des Lebens, Schönes und Schweres, sollen wir so sehen, dass wir uns erinnern lassen. Egal, ob im Alltag jeden Erlebens, oder im Gottesdienst, wenn uns die Worte Gottes begegnen, so wie jetzt, oder bei einer Beerdigung. Das ist nun wirklich ein zu mächtiges Ereignis, als dass man beim Leichenzug über alltägliches Geplänkel oder das Wetter reden sollte. Da wird doch die Grenze sichtbar. Sie fragt nach unserem Leben. Gottes Heimsuchung wird sichtbar, die nicht nur den Verstorbenen, sondern eben auch uns heimsucht, ihn heimsucht in die Ewigkeit, uns heimsucht, um uns einen neuen Weg des Glaubens, neue Vergewisserung für jeden Tag des Lebens, neu Gnade zu schenken.

Es geht darum, dass wir den Tempel unseres Lebens erfüllen lassen mit dem guten Geist Jesu, dem Geist der Liebe, dem Geist der Barmherzigkeit, dem Geist der Heiligung, dem Geist derer, die sich als Gottes Kinder wissen und wissen, was sie an ihrem HERRN haben.

Amen!

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