Befiehl du deine Wege

Es gibt Texte, die treffen mich, weil sie mich betreffen. Gerade bei Jesus spüre ich manchmal mehr als deutlich: Das, was er vor 2000 Jahren sagt, hat was mit mir zu tun, und will mir den Boden unter den Füßen wegreißen. Das ist bei unserem heutigen Predigttext so, einem Abschnitt aus der Bergpredigt. Er redet darin von den Sorgen, die sich Menschen machen, vom Vorsorgen und von der Angst vor der Zukunft.

Sorgen hat wohl jeder von uns. Gerade angesichts von Wahlen und uneindeutigen Wahlergebnissen, gerade wo man die Abhängigkeit von Entscheidungen spürt, die ganz woanders getroffen werden. Manchmal überkommt Menschen auch ein Gefühl von hilfloser Wut, gerade angesichts der Hartz IV – Gesetze und angesichts von Firmen, die in die Insolvenz gehen: Besitzer und Manager sind saniert, die Zeche bezahlen die Arbeitnehmer. Und denen, die eh immer ganz unten stehen, sagen wir deutlich: sorgt vor, dass ihr nicht in die Rentenfalle tappt.

Jesus sagt das Gegenteil und erschreckt mich damit mindestens genauso sehr.

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Ich könnte so nicht sprechen, aber es wäre vielleicht auch zu einfach zu sagen: Der da spricht hatte weder Frau noch Kind und war bereit für die Liebe in den Tod zu gehen. Er hatte nicht einmal, wo er sein Haupt hinlegen könnte.

Natürlich spricht hier einer aus einer anderen Zeit und einer anderen Situation zu mir. Aber trotzdem will ich ihn und seine Botschaft ernst nehmen.

Er warnt vor Sorge. Vor Vorsorge schon mal gar. Und tatsächlich gibt es ja nicht nur die Vorsorge-Muffel, die mir manchmal Sorgen machen, sondern es gibt auch die Menschen, die vor lauter Vorsorge ihr Leben zu verpassen drohen, die dauernd Untersuchungen, über sich ergehen lassen, Sparpläne ausarbeiten und dabei gar nicht merken, dass jetzt das Leben spielt, das ihnen Gott geschenkt hat.

Sich sorgen kann einem schon ganz schön das Leben vermiesen. Wer zuviel sorgt wird krank oder macht krank. Es gibt Eltern, die sorgen sich so sehr um ihre Kinder, dass denen keine Luft mehr zum Leben bleibt. Es gibt Kinder, die pflegen ihre Eltern in einer Form der Fürsorge, die sie erdrückt. Aber woher nehme ich Maß und Ziel, woher die Kraft, den Schulweg meines Kindes, den Krebs meiner Eltern in Gottes Hand zulegen? Und wo erkenne ich, was meine Aufgabe ist?

Sorge kann Menschen kaputt machen. Die Sorge um das Morgen vernichtete viele Heutes. Andrerseits müssen Menschen wohl sorgen. Aber wofür und warum, das ist die Frage. Es gehört wohl zur menschlichen Natur – und das weiß Jesus.

Aber er weiß auch: Auch dort, wo man scheinbar alles versichern kann, bleibt unser Leben gefährdetes Leben. Darum gewichtet er die Dinge neu:

33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

Das ist der Satz auf den seine Rede hinausläuft. Es geht weniger um die Ablehnung, als vielmehr um das, was wesentlich ist in meinem Leben. Nicht das Sorgen steht im Mittelpunkt, sondern das Vertrauen.

Das hat ja schon etwas Politisches in Wahlzeiten, in denen alle um unser Vertrauen werben, in der zwischen Parteien, Versicherungen und Waschmitteln kaum zu entscheiden ist. Allen sollen wir unser Vertrauen schenken. Aber Jesus kennt nur ein Ziel, für das sich wirklich zu leben lohnt: Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit. Von der Gerechtigkeit hat er auch vorher schon geredet. Gerechtigkeit ist für ihn eine Wesensart, an der Menschen arbeiten können. Ein Geschenk Gottes ist sie auch, aber sie will vor Allem im Leben umgesetzt werden. Wo Menschen versuchen in ihrem Leben Gerechtigkeit zu verwirklichen, da entsteht ein Stück vom Reich Gottes, da wird sich Vieles andere von selbst ereignen. Da will sein Heiliger Geist wehen. Darauf dürfen wir vertrauen.

Vögel kümmern sich nicht – und bekommen doch Essen und Trinken. Die Blumen machen sich keine Sorgen und sind doch prächtig gekleidet. Die Jünger, die Gott so viel bedeuten, dürfen auch so viel erwarten. Ich darf etwas erwarten.

Dieser Text zwingt mich in die Entscheidung: Was ist wesentlich für mein Leben, meine Zukunft?

Natürlich kann ich auch diesen Text missbrauchen. Mir um nichts Sorge machen, um meine Zukunft nicht, um kranke Eltern nicht, um Behinderte nicht. ‚Gibt Gott ein Häschen, gibt er auch ein Gräschen’ Dieser schöne alte Satz scheint nur auf den ersten Blick Jesu Worten zu entsprechen. In Wirklichkeit ist er weit weg vom Gedanken der Gerechtigkeit, weil er vergisst, welche Möglichkeiten ich habe zu sorgen für mich und Andere.

Aber ich darf leben in dem Bewusstsein, einen himmlischen Vater zu haben, der meine Bedürfnisse kennt. Und ihm darf ich mehr vertrauen, als allen Menschen, als allen Parteien, als allen Versicherungen.

Die Zusage Jesu hat etwas vom Sabbat, ist eine Zusage der Befreiung. Im Vertrauen auf Gott darf ich aufatmen, mich meines Lebens freuen, dankbar annehmen, was ist. Im Vertrauen auf ihn, darf ich meinen Tag wahrnehmen und versuchen, in ihm gerecht zu leben.

Die Sorge lenkt weg von der Hinwendung zu Gott. Gerechtigkeit und Reich sind die primären Ziele des Glaubens – Vertrauen ist der Weg zum Leben.

Vielleicht lerne ich dann, dass ich persönlich zu einem positiven Bekenntnis kommen kann, wie der leidgeprüfte Paul Gerhardt in 361,1-3, Befiehl du deine Wege …

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