Lasst euer Herz sprechen

Immer und überall, liebe Gemeinde, kann das geschehn, ist es geschehn und geschieht es. Ein Mensch geht seines Weges, wird Opfer eines Überfalls und gerät in Gefahr mit Leib und Leben. Unbeteiligte kommen nacheinander vorbei und sehen den Überfallenen fast leblos daliegen. Jesus erzählt seine Fortsetzung: zwei, die vorbeikommen, machen einen Bogen um den Hilfsbedürftigen, obwohl sie als Repräsentanten ihrer Religion die Überzeugnung und die Pflicht zur Hilfe in sich tragen; der dritte jedoch, nach Meinung der ersten ein Irrgläubiger, bemerkt den Überfallenen nicht nur, sondern sieht ihn auch mit dem Herzen „gut“ wie es ein bekanntes Wort formuliert – und hilft ihm völlig uneigennützig.

Diese Ursituation der Hilfsbedürftigkeit hat sich seit der Zeit, in der Jesus lebte, nicht verändert. Menschen werden auch heute zu Opfern und auch heute schaut die Mehrheit weg. Eine Minderheit aber hilft durchaus oder holt Hilfe. 1973 testeten die Psychologen Darley und Banson zwei Studentengruppen der Theologie auf ihre Hilfsbereitschaft. Beide Gruppen wurden mehrmals – unter ständig steigendem Zeitdruck – von ihren Seminarräumen aus in einen anderen Raum geschickt, der sich auf dem Gelände befand, wo sie bestimmte Aufgaben erledigen sollten. Auf dem Weg zu jenem Raum aber mußten sie an einer offensichtlich notleidenden Person vorbei, die auf dem Boden lag. Das Ergebnis war und ist erschreckend. Vereinfacht gesagt: Von der ersten Gruppe der Theologiestudenten, die in ihrem Seminar gerade über den barmherzigen Samariter gesprochen hatte, half im Durchschnitt nur jeder zweite, bei der anderen Gruppe, die sich in ihrem Seminar gerade mit einem anderen Thema befaßt hatte, war es durchschnittlich nur jeder 4.te, der half. Andere Untersuchungen haben ergeben, dass zwar fast alle Menschen für den Fall der Notlage Hilfe von anderen erwarten, selbst jedoch oft nicht bereit sind, anderen Hilfe zu leisten. Über unterlassene Hilfeleistung kann man in jeder Zeitung nachlesen – und auch das Strafgesetzbuch sagt dazu ein deutliches Wort.

Und dabei, liebe Gemeinde, gibt es doch einen guten, ja den besten aller Gründe für das Helfen, nämlich, dass ein Mensch Not leidet! Von dem Überfallenen in der Geschichte wissen wir nichts, außer, dass es ein Mensch war, der von Jerusalem nach Jericho ging. Sein Alter, sein Geschlecht, seine Hautfarbe, seine Religion und vieles andere bleiben im Dunkeln, nicht aber, dass es ein Mensch war! Ein Mensch, dem Menschenwürde zusteht, von der unser Grundgesetz sagt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Der Samariter sah den Menschen, nicht nur mit seinen Augen, sondern mit seinem Herzen und er wußte etwas von Würde des Menschen. Der Samariter konnte kein abgeschlossenes Theologiestudium vorweisen wie der Schriftgelehrte, der Jesus deutlich machen wollte, dass man doch wohl nicht jeden Menschen lieben könne, dass Unterschiede notwendig sind, dass Grenzen gezogen werden müssen und dass der Helfer durch Regeln gegen Überforderungen abgesichert werden muß. Der Samariter wußte von alledem wenig, doch viel von Menschen – und viel von Erbarmen. Mir ist aufgefallen, dass in der Mitte des Wortes „Barmherzigkeit“ sinnigerweise der Ort angegeben wird, an dem die Barmherzigkeit lebt: Barmherzigkeit – im Herzen. Der Samariter handelte nicht anders, als Gott selbst, der sich herzlich über sein Volk Israel erbarmte, es aus der Sklaverei in Ägypten befreite und dann noch seinen Sohn sandte, um sich allen Menschen zuzuwenden. Wenn göttliches Erbarmen im Herzen eines Menschen aufsteigt, wird die Sicht frei für andere; wo es fehlt, werden wir blind füreinander. Die Beispielgeschichte vom barmherzigen Samariter lädt uns ein, auf unsere Herzen zu hören, weil Gottes erbarmende Liebe darin wohnt.

Lasst euer Herz sprechen!

Es ist nicht so, dass Jesus damit Gesetze, Regeln und vernünftige Überlegungen außer Kraft setzt, denn diese müssen schließlich sein, weil ohne sie nicht einmal der Straßenverkehr auskommt. Doch wehe – wenn sie zu einem Lebensinhalt werden, der Gottes Erbarmen in unseren Herzen verdrängt und ersetzt anstatt dem Erbarmen zu dienen, dann können wir blind werden für Menschen – und blind auch für Gott.

Es ist weiter nicht so, dass unser Helfen an der Frage scheitern müßte, wie wir denn dem Nächsten in unserer Nachbarschaft und dem Nächsten auf einem anderen Kontinent helfen, ob durch Finanzen, Strukturveränderungen, Hilfe zur Selbsthilfe oder wie auch immer, sondern wichtig ist doch wohl, ob wir Gottes Erbarmen immer wieder in unseren Herzen zulassen und handeln wie es uns möglich ist – heutzutage ganz sicher nicht mit einem Esel! Aber eben: liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Ist uns denn nicht gerade durch dieses „wie dich selbst“ ein klarer Hinweis gegeben wie unser Handeln sein kann, nämlich: wie wir uns in einem solchen Fall selber helfen würden.

Die Frage – ob wir Gottes Erbarmen in unseren Herzen zulassen – trifft uns als Einzelpersonen genauso wie als Mitglieder der Kirche, als Mitglieder in Vereinen, als politisch Tätige, als Menschen in allen Lebenskreisen. Schauen wir zu den Notleidenden auf unseren Wegen, sehen wir gut mit unseren Herzen, um ihnen beizustehn? Das sozialpolitische Handeln des Staates ist m.E. ein gutes Beispiel für dieses Hinsehen, die kirchliche Diakonie ein anderes. Beide sind jedoch auf die Mitarbeit einzelner Menschen angewiesen, denn es sind Menschen, die Menschen helfen und Menschen, denen geholfen wird, über alle Volks-, Glaubens- und sonstigen Grenzen hinweg. In Brandenburg hat sich aus diesem Hinsehen vor einiger Zeit eine Aktion gegen Gewalt und Gleichgültigkeit entwickelt, die unter dem Motto steht: „Ich sehe nicht weg“. Eine Kirchengemeinde irgendwo in Deutschland, so habe ich gelesen, sammelt für Menschen in Afrika unter dem zeitnahen Motto: „der Liebe Beine machen“; in Pforzheim (wo ich herkomme) wird in den Wintermonaten eine ökumenische Vesperkirche eingerichtet, die Hungrige speist, ihnen Gemeinschaft vermittelt und der Seele ein Wort sagt; Sozialstationen, wie hier in Grenzach, helfen Alten und Kranken; in Hospitzen dürfen Menschen in Würde sterben; Eltern helfen in Kindergärten mit; in Krankenhäusern werden Kranke zu Nächsten. Es ist klar, dass niemand von uns alles machen muss und sollte, doch wenn jeder mit seinem erbarmenden Herzen hinsieht, geschieht viel, weil viele Samariter unterwegs sind.

Der Gedanke „Laßt euer Herz sprechen“ hat mich auf die Aktion eines Arbeitskreises aufmerksam gemacht, die mit folgendem Aufruf wirbt: „Nimm dein Herz nicht mit in den Himmel, es wird auf Erden noch gebraucht.“ Sie ahnen, um welches wichtige Thema es dabei geht, nämlich um Organspenden. Die Bereitschaft dazu ist in Deutschland ja immer noch viel zu gering und tausende schwerkranker Menschen warten deshalb vergeblich. Viele können anderen helfen. Ein kleiner Ausweis ist alles, was man dazu braucht.

Weil wir uns in Grenzach auch auf Boden Johann Peter Hebels befinden, lese ich zum Abschluß eine seiner Erzählungen, die überschrieben ist: „Der fechtende Handwerksbursche in Anklam“.

Im August des Jahrs 1804 stand in der Stadt Anklam in Pommern ein reisender Handwerksbursche an einer Stubentüre und bat um einen Zehrpfennig ganz fleissig. Als sich niemand sehen liess noch rührte, öffnete er leise die Türe und ging hinein. Als er eine arme und kranke Witwe erblickte, die da sagte, sie habe selber nichts, so ging er wieder hinaus.

Lieber Leser, denke nicht, der hat’s lassen drauf ankommen, ob jemand in der Stube ist, hat seinen Zehrpfennig selber wollen nehmen. Sonst musst du dich schämen und in deinem Herzen einem edeln Menschen Abbitte tun. Denn der Handwerksbursche kam nach ungefähr fünf Stunden wieder. Die Frau, rief ihm zwar entgegen: "Mein Gott! ich kann Euch ja nichts geben. Ich selbst lebe von anderer Menschen Milde und bin jetzt krank." Allein der edle Jüngling dachte bei sich selber: Eben deswegen. Anständig und freundlich trat er bis vor den Tisch, legte aus beiden Taschen viel Brot darauf, das er unterdessen gesammelt hatte, und viele auf gleiche Art gesammelte kleine Geldstücke. "Das ist für Euch, arme, kranke Frau", sagte er mit sanftem Lächeln, ging wieder fort und zog leise die Stubentüre zu.

Die Frau war die Witwe eines ehemaligen braven Unteroffiziers namens Laroque bei dem preussischen Regiment von Schönfeld. Den Namen des frommen Jünglings aber hat ein Engel im Himmel für ein ander Mal aufgeschrieben. Ich kann nicht sagen, wie er heisst.

Auch der Helfer aus der biblischen Beispielgeschichte hat keinen Namen und bleibt doch nicht ohne ihn: barmherziger Samariter – jeder von uns und die Kirche Gottes dürfen so leben.

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