Halt doch mal ein

Liebe Gemeinde!

Halt doch mal ein! Mit diesem Ruf erinnert uns heute der Posaunenchor daran, den Sonntag zu begehen, miteinander den Gottesdienst zu feiern und anschließend miteinander zu essen und zu trinken, Freunde und Bekannte zu treffen, zu erzählen und zu klönen. Halt doch mal ein! Mit diesem Ruf spricht Gott uns heute Morgen an. Denn nach dem kirchlichen Kalender, hat dieser Sonntag einen Namen: Heute ist Israelsonntag. Es geht um die gemeinsame Verantwortung von Christen und Juden. Halt doch mal ein! So mag auch ein Schriftgelehrter auf dem offenen Marktplatz Jesus angesprochen haben, wo heftig gestritten, ja heiß debattiert wurde. Diese Begegnung Jesus mit einem Schriftgelehrten wird im Markusevangelium festgehalten (Mk 12,28-34):

[TEXT]

Wir erfahren von einem beglückenden Einvernehmen zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten; denn Jesus zitiert das „Höre Israel“ als höchstes Gebot und weist somit daraufhin: In der Hauptsache sind Juden und Christen sich einig: im Bekenntnis zu dem einen Gott, des Himmels und der Erde, des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs. Und durch Jesus gehören wir dazu und durch ihn bleiben wir mit den Juden, mit ihrem einen Gott untrennbar verbunden. Jesus nimmt uns also in diesen Raum des Hörens hinein. Denn der Glaube kommt aus dem Hören, sagt Paulus. Und Luther schreibt: „Das Wunder des Hörens sind viel größer als die des Sehens.“ Wer nur den Augen traut, hat es sicher schwer, an einen unsichtbaren Gott zu glauben. Selbst im Fernsehen brauchen wir Worte; denn die Bilder wollen gedeutet werden. Darum: Halt doch mal ein!

Dass Gott einer ist. Das klingt nach dem ersten Gebot und ist wohl auch so gemeint: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ (Ex.20,2-3) Dieses „nur ein Gott“ war den Juden so wichtig, dass sie unter dem König Josia die Opferstätten überall im Lande abschafften und nur noch den Tempel in Jerusalem als zentrale Kultstätte zuließen. Dieses „nur ein Gott“ war Luther so wichtig, dass er im Großen Katechismus bei der Auslegung des ersten Gebotes darüber nachdachte, was es denn überhaupt heißt, einen Gott zu haben. Und er fand die verblüffend einfache Erklärung: Ein Gott ist das, an das man sein Herz hängt, was einem unbedingt wichtig ist. Wir brauchen Gott, um uns nicht zu verlieren, indem wir uns Stimmungen, Zeitströmungen einfach hingeben. Wir brauchen Gott, um unsere Bestimmung zu finden, als Juden genauso wie als Christen. Darum gilt uns beiden: Halt doch mal ein Israel! Halt doch mal ein Christenheit! Und was es da zu hören gibt, ist im Grunde eine Selbstverständlichkeit:

Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Das ist das Sch`ma Jisrael, das jüdische Glaubensbekenntnis, das ein frommer Jude jeden Tag spricht. Diese Worte sind einem Juden so geläufig, wie einem Christen das Vaterunser. Und Jesus fügt dem noch hinzu: „Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«“. Auch das Gebot der Nächstenliebe ist eine Selbstverständlichkeit für einen Juden wie für einen Christen.

Allerdings: Die intellektuelle Einsicht, dass das Doppelgebot der Liebe richtig ist, besagt noch nichts darüber, dass es auch getan wird. Denn zu dieser Liebe gehört mehr als das so häufig romantisch verklärte Verliebtsein. Zu dieser Liebe gehören klare Worte, die aus dem genauen Hören auf Gottes Wort entspringen.

Bei einem Hausbesuch in der vergangenen Woche wurde ich auf Paul Schneider angesprochen. Er war Pfarrer in Dickenschied, nachdem er wegen mehrfachem Predigtverbot dorthin versetzt wurde. Bei einer Beerdigung eines jungen Menschen sagte der NS- Kreisleiter, der junge Mann sei nun in den Sturmhimmel des Horst Wessel gekommen, Da trat Pfarrer Paul Schneider nochmals an das Grab und antwortete sinngemäß: er wisse nicht, ob es einen Horst Wessel Himmel gäbe, aber er sei gewiss, das es einen Himmel Gottes gebe, in dem Jesus zu Rechten Gottes sitze. Das war erneut Anlass genug, um ihn in Haft zu nehmen, ihn zu verhören. Später kam er auf Befehl Hitlers in das KZ Buchenwald. Dort verweigerte er wie schon in all den Jahren zuvor den Hitlergruß. Deshalb kam er in den Bunker. Ein Augenzeuge berichtete: "Mehrfach wurde Schneiders Stimme, wenn Tausende zum Appell angetreten waren, laut und deutlich aus dem Arrestgebäude gehört: ‚Kameraden hört mich. Hier spricht Pfarrer Paul Schneider. Hier wird gefoltert und gemordet. So spricht der Herr: Ich bin die Auferstehung und das Leben.’" Schneider wurde zum "Prediger von Buchenwald". Am Vortag seines 41. Geburtstages hielt Schneider aus dem Zellenfenster eine Predigt zu den auf dem Gefängnishof Versammelten, in der er Gott als alleinigen Herrscher der Welt darstellte und zu furchtlosem Bekenntnis aufrief. Schneider wurde für diese Predigt auf den Prügel gelegt, bis er bewusstlos war. Von den Folgen erholte er sich nicht mehr, eine medizinische "Behandlung" – vermutlich mit Mitteln zur Schwächung seines Herzens – führte zum Tod. Pfarrer Paul Schneider hat sich von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all seiner Kraft für den Gott des Lebens und der Wahrheit eingesetzt. Er hat aus dem Hören auf Gottes Wort reden müssen, um Menschen in Orientierungslosigkeit Hilfe und in Not Trost zu geben.

Halt doch mal ein! Es wäre gut für unser Leben und gut für das Leben unserer Welt. Es wäre schön, bevor wir beginnen zu reden, zu tun oder zu lassen, Gott zu bitten: Schaff deinem Wort bei uns ein neues Hören, präg uns das Bild des Christus tiefer ein. Es kann ja doch, was wir begehren, nichts anderes Weg, Wahrheit, Leben sein!

drucken