Der Nächste und das ewige Leben

Liebe Mitchristen,

ganz bekannte Bibeltexte haben wir in diesen Wochen in den Predigten zu bedenken. Da beschleicht einen manchmal der Gedanke: Das ist nicht nötig. Ich kenne diese Texte gut, was will man da noch Neues entdecken? Das ging mir auch so mit unserem heutigen Predigttext, aber dann bin ich auf etwas gestoßen, was ich bisher beiseite gelegt hatte und nicht beachtet. Denn der Text vom barmherzigen Samariter wird immer wieder dazu gebraucht das soziale Handeln der Christen zu belegen. Es geht aber noch um mehr. Hören wir auf den Predigttext:

[TEXT]

Liebe Mitchristen, zwei wichtige Fragen stellen sich mir. Bei der Beantwortung der ersten Frage kann uns Martin Niemöller helfen, der bekanntlich in der Zeit des sog. Dritten Reiches der bekennenden Kirche angehörte und aufgrund seiner Glaubensüberzeugungen als „persönlicher Gefangener“ Adolf Hitlers auch im KZ landete. Er sagte zur Frage „Wer ist mein Nächster“, der einen Frage in der es in unserem Predigttext geht, folgendes:

Martin Niemöller
„Niemand ist unser Nächster, weil er die gleichen Interessen vertritt, das gleiche Schicksal trägt, der gleichen Anschauung huldigt, den gleichen Glauben teilt wie wir; und alles das begründet noch kein menschliches Zusammenleben. Unser Nächster ist der, der uns als Mit-Menschen nötig hat, und dem es gelingt, unser Mitmensch-Sein wachzurufen, uns zu seinem Nächsten zu machen, so dass es zum menschlichen, mitmenschlichen Zusammenleben kommt, indem von uns der Dienst geschieht, den er von uns braucht. Worauf es ankommt ist, dass wir über ihm und über dem Dienst, den wir ihm tun, zu Mitmenschen werden.“

Wenn ich diese Gedanken zusammenfasse heißt dies für mich, dass ich da, wo ich einem Menschen beistehe, der meine Hilfe braucht selbst zum Mitmensch werde. Das bedeutet: Ich selbst werde menschlicher, weniger bürokratisch oder oberflächlich, wenn ich mir die Not anderer zu Herzen gehen lasse und da wo ich kann helfe. Das Gesagte zeigt sich im Bibeltext. Der Priester und der Levit handeln nicht Mitmenschlich. Es passt für sie gerade nicht dem unter die Räuber gefallenen zu helfen. Es gibt da durchaus Gründe warum sie so handeln. Ihr Tempeldienst verbietet es sich zu verunreinigen, vielleicht haben sie Termine? Es gibt immer gute Gründe etwas sein zu lassen, wir finden welche, wir sind erfinderisch. Beiden geht das, was sie sehen nicht zu Herzen. Und so gehen sie vorüber. Anders ist es beim Samariter. “Es jammerte ihn“ als er den halb toten Menschen sah. Das heißt, es ging ihm unter die Haut, er hat sich angesprochen gefühlt. Man kann doch nicht einfach vorbeigehen, auch wenn dies der bequemere Weg wäre. Später greift er sogar in die Tasche um das Pflegegeld für den Verletzten zu zahlen.

„Unser Nächster ist der, der uns als Mit-Menschen nötig hat, und dem es gelingt, unser Mitmensch-Sein wachzurufen, uns zu seinem Nächsten zu machen, so dass es zum menschlichen, mitmenschlichen Zusammenleben kommt, indem von uns der Dienst geschieht, den er von uns braucht. Worauf es ankommt ist, dass wir über ihm und über dem Dienst, den wir ihm tun, zu Mitmenschen werden“, so sagt Niemöller.

Er hat für mich recht. Wo mich die Not eines Menschen anrührt kommt es zu einer Veränderung. Ich werde Mitmensch und nicht nur Mitläufer. Ich handle selbstständig für andere und denke nicht nur an mich selbst. Ich will das hier klar sagen: Man muss auch an sich selbst denken. Es geht gar nichts anders. Aber man muss auch von sich selbst wegschauen und an andere denken. Ein Christsein, das sich vergräbt, das wie Niemöller es kritisiert sich gleichschalten lässt und nicht mehr bereit ist in das Geschehen des alltäglichen Lebens seine Akzente zu setzen wird gleichgültig, wird überflüssig. Wozu braucht man das alles noch?
Zu Mitmenschen werden heißt eintreten für den Schwachen, Recht gelten zu lassen und zu helfen.

Das ist das eine, auch nicht so wahnsinnig Neue, für mich. Aber es muss klar gesagt werden, da dies den Inhalt des Gleichnisses darstellt.

Die andere Frage, die mir neu aufgegangen ist beim Lesen des Bibeltextes, ist im ersten Satz enthalten.

„Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ das fragt der Schriftgelehrte.

Das ist die Schlüsselfrage. Was muss ich tun, damit ich Anteil habe am ewigen Leben? Das ist keine belanglose Frage, sondern eine Zielfrage des Lebens! Was ist da los mit meinem Leben jetzt und nach dem Tod? Wie kriegen wir das hin, dass wir dabei sind bei der Auferstehung der Toten und bei einem ewigen Leben und hat dies alles nicht schon seine Wurzeln hier und jetzt in unserem Leben?

Und Jesus fragt ihn, was die Schrift sagt. Das trauen wir uns doch heute schon kaum mehr. Im Gespräch jemanden zu fragen, was sagt denn die Bibel dazu. Ich habe vorhin auch nicht die Bibel zitiert, sondern Martin Niemöller.

Aber, was sagt die Bibel dazu? Der Schriftgelehrte weiß es genau. Er zitiert das Doppelgebot der Liebe. Und Jesus erklärt ihm durch ein Gleichnis wer dabei mit „Nächster“ gemeint ist. Das haben wir auch schon geklärt.

Offensichtlich hat der Schriftgelehrte es mit der Gottesliebe leichter als mit der Nächstenliebe, denn darüber wird nicht gesprochen.

Also: Ewiges Leben bekomme ich dann, wenn ich liebe, Gott und meinen Nächsten.

Eigentlich ist das leicht, denn Liebe machen wir nicht.

Wir gehen nicht her und sagen: Ab morgen liebe ich den und den! Liebe überkommt uns. Und wenn wir es ein wenig niedriger formulieren, auch Sympathie überkommt uns, auch bei der Not anderer Menschen werden wir nur dann helfen, wenn sie uns anrührt und was wir tun ist dann eigentlich aus Liebe geschehen.

So gesehen ist also das, was wir brauchen um selig zu werden, ganz leicht. Wir brauchen die Liebe. Wer liebt macht es also richtig. Wer sich nicht abschottet und nicht stur ist und wer das Leid an sich heranlässt, der macht es richtig. Wer Respekt Gott und den Mitmenschen gegenüber anbringt macht es richtig, wer da ist und zuhört macht es richtig und wer sich etwas schenken lässt an solchen Gaben und Begabungen macht es richtig.

Ja, diese Liebe wird geschenkt und hat große Wirkungen.

Es wird mir immer klarer: Unser Glaube ist ein Geschenk, so wie unser Leben und unser Lieben. Was wir benötigen ist die Offenheit, das Gespür für Gott, für Menschen. Offenes und Offenheit kann sich füllen lassen. Wer Geschlossen lebt, wer sich zumacht, in den kann nichts hinein.

Wenn wir das doch schaffen würden, geöffnet zu leben, so dass uns etwas anrühren kann, so dass Gott uns erreichen kann, selbst, aber auch durch Menschen.

Es könnte sich viel in unserer Welt positiv verändern mit dieser Aussicht auf ein ewiges Leben, das heute damit beginnt, dass ich mich öffne für Gott und die Menschen und etwas weitergeben von der Liebe, die ich empfange und in mir habe, denn so sagt es der 1. Johannesbrief: Lasst uns lieben, denn er (Gott) hat uns zuerst geliebt.

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