Auf Enteckungsreise in Bekanntem

Nicht schon wieder der „barmherzige Samariter“!
Der muss auch immer herhalten, wenn einem nichts anderes mehr einfällt.
Wenn es um das Versagen der vermeintlichen kirchlichen Eliten geht: schaut her, der Priester und der Levit. So ist es noch heute mit denen, die auf der sicheren, abgesicherten Seite stehen.
Wenn es um Ausgrenzung geht: der arme benachteiligte Samariter,mit dem keiner etwas zu tun haben wollte, der macht sich die Hände schmutzig..
Wenn es um die immer größer werdende Kluft zwischen arm und reich geht, wenn es um die Kaltherzigkeit einer Gesellschaft geht,wenn ich kollektive Blindheit und krampfhaftes Wegschauen vor den Problemen ansprechen will.
Für alles ist der barmherzige Samariter gut.
Und wer sich auf ihn bezieht, kann doch gar nichts falsch machen.
Natürlich ist er das Urbild für alles diakonische Handeln: Erbarmen und konkrete Hilfe zum Überleben und zum Leben in der Not.
Aber ich kenne doch diese Geschichte schon so gut….
Tausendmal erzählt, eingeordnet, abgehakt …
Dabei tue ich ihr damit eigentlich Unrecht.
Auch auf einem Bild, das ich schon ganz oft betrachtet habe, oder in einem Buch, das ich schon einige Male gelesen habe, gibt es immer noch Einzelheiten zu entdecken, die mir bisher entgangen sind.
Ob das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ähnliches zu bieten hat?
Ich will es doch noch einmal probieren.
Oberflächlich betrachtet geht es um Gottes- und Nächstenliebe in einem kleinen Frage- und Antwortspiel, das aber nicht spaßig gemeint war. Nicht nur weil das Thema ernst ist: Fragen des „ewigen Lebens“ eignen sich nicht für Späßchen …
Auch weil die Absicht nicht ganz harmlos war: ein Schriftgelehrter versuchte Jesus, will ihn in eine Falle locken.
Und dann diese unscheinbare, eigentlich unverfängliche Frage: wer ist mein Nächster ?
Im Allgemeinen muss ich das gar nicht fragen, das weiß ich allein: Meine Familie, meine Angehörigen, meine Freunde,vielleicht noch meine Kollegen oder Nachbarn. Wer mir nahe steht, wer mir anvertraut ist, der ist mein Nächster.
Das ist ein Beziehungsbegriff. Drückt aus, dass es da schon ein Verhältnis, eine Beziehung gibt. Kommt da jemand in Not, ist die Hilfe doch selbstverständlich. Meist klappt dieses Netzwerk auch noch und ist so etwas wie die über die Familie hinaus erweiterte Keimzelle der Gesellschaft.
„Wer also ist mein Nächster“?
Die Menschen, mit denen ich mein Leben teile.
Arm dran ist, wer niemanden mehr hat. Die Großstadt kennt da ihre Horrorgeschichten von Menschen, die am Ende völlig beziehungslos leben – müssen – weil da niemand mehr ist, der sie kennt, nach ihnen schaut, sich um sie sorgt. In der Kleinstadt und in ländlichen Gegenden ist das nicht ganz so ausgeprägt: da kennt man sich, da achtet man aufeinander – mit allen Licht- und Schattenseiten der gegenseitigen Kontrolle !
Die Geschichte, mit der Jesus auf die harmlos verfängliche Frage antwortet, scheint da eigentlich ganz in die falsche Richtung zu gehen. Sie handelt von Menschen, die nichts miteinander zu tun haben, die beziehungslos nebeneinander her oder aneinander vorbei gelebt haben, bisher jedenfalls, bis sich ihre Wege eher zufällig an einem Punkt, in einer Person, in einer Situation kreuzen. Sie ziehen zufällig die gleiche Straße entlang, auf der einer unter die Räuber gekommen ist.
Ich glaube, das ist der Punkt, an dem mir diese Geschichte schon immer am unangenehmsten war.
Ich fühle mich nämlich ertappt.
Ich sehe mich entweder im Sommergetümmel oder im Vorweihnachtsstress eine der Berliner Flaniermeilen entlang eilen und nehme sehr wohl im Augenwinkel das Elend am Straßenrand, das Bettlerschild und die kleine Dose wahr. Aber ich blicke lieber einfach gerade aus und geh weiter.
Priester und Levit haben womöglich sogar gute Gründe: Tempeldienst und Gottesdienst vertragen keine blutigen Spuren.
Und was macht der Bettler mit meiner Gabe? Die leere Flasche neben ihm spricht doch Bände.
Dass Jesus Menschen immer so deutlich den Spiegel vorhalten muss.
Natürlich: der Samariter, der von dem man es am wenigsten erwarten würde, der bleibt stehen und leistet konkrete und materielle Hilfe.
Nach der Moral von der Geschichte müsste man fast schon nicht mehr fragen, wenn da nicht die merkwürdige Rückfrage Jesu wäre:
„wer von diesen drei ist dem unter die Räuber Gefallenen der Nächste gewesen.“ Man kann auch sagen: wer ist ihm der Nächste geworden. Das geht viel weiter als die Ausgangsfrage
Da geht’s plötzlich aus dem abstrakten, theoretischen ganz tief ins praktische hinein.
Jetzt geht es nicht mehr nur um eine zu klärende Grundsatzfrage, jetzt geht es um konkretes Leben und Handeln.
Denn nur durch seine Hilfe, durch sein uneigennütziges Handeln, durch die Tat kann der Samariter dem Überfallenen zum Nächsten werden. Das löst nicht die Probleme dieser Welt, das schafft keinen Frieden zwischen Juden und Samaritern, aber es schafft eine Beziehung zwischen diesen beiden, ohne dass nach Sinn und Nutzen gefragt wird.
Schonungslos entlarvt ist damit die Ausrede: was kann ich denn schon tun, das ändert doch nichts. Doch: wenn ich auch nur einem zum Nächsten werde und die eine aufhelfende Tat mit Leben erfüllt wird, hat sich für einen und eine und damit für eine ganze, kleine wunderbare Welt etwas geändert Und es hat sich vor allem für mich etwas geändert. Das macht doch einen Unterschied, ob ich frage: wer ist mein Nächster ? Oder : wem kann ich ein Nächster werden ?
Es geht nicht nur um den Ausgeraubten, es geht auch um mich.
Ich bin als Nächster ein anderer geworden.
Einer, der nicht mehr und nicht nur um sich kreist.
Meine abgeschottete Welt wird aufgebrochen, mein Horizont wird erweitert. Eine Verwandlung setzt ein.
Ob der Schriftgelehrte eigentlich merkt, was da gerade passiert?
Ich bin noch einmal eiligen Schrittes auf meinen Straßen unterwegs. Ich glaube ich ahne, warum ich dann so nachdrücklich geradeaus schaue oder zumindest auf Augenhöhe versuche in die Schaufenster zu blicken.
Ich will vermeiden, was dem Samariter passiert ist. Der hat nämlich hingeschaut und das ist die nächste Entdeckung: „als er ihn sah, jammerte er ihn“
So fängt Beziehung an: hinsehen, ansehen, wahrnehmen.
Er kann gar nicht weiter gehen, weil ihn der Blick und die Situation nicht mehr los lassen. Bilder, Blicke, Schicksale können einen nicht mehr loslassen, aber dazu muss ich hinschauen und darf nicht die Augen verschließen.
Ich will kein diakonisches Grundsatzprogramm und das ihm zugrunde liegende christliche Menschenbild daraus entwickeln und den gemeinsamen gesellschaftlichen Auftrag von Kirche und ihrer verfassten Diakonie daraus legitimieren. Das ist mir viel zu groß und zu weit weg. Es ist viel kleiner, viel einfacher und fängt viel früher an: bei mir nämlich. Alles, was ich tun kann, ist nicht länger weg zusehen, das Los und die Geschichte von Menschen an mich heran zulassen, dann passiert etwas mit mir und meinem Gegenüber, dann verändert sich die Welt, dann geht es wirklich um das Leben. So fängt Diakonie an: bei mir.
Übrigens noch eine letzte kleine Entdeckung in dieser eigentlich schon so bekannten Geschichte.
In ihr begegnen wir auch einer institutionellen Pflegeeinrichtung, in der professionell viel besser geleistet werden kann, was der Verletzte braucht.
Nach erfolgreicher erster Hilfe überlässt der Samariter den Verletzten dem Gastwirt und seiner Herberge, vertraut ihn seiner professionellen Hilfe an und lässt sich das etwas kosten. Das ist also völlig legitim , gut und hilfreich. Übrigens gibt es dort auch keinen Druck zur Kostensenkung und Rationalisierung, vielleicht aus unserer Erfahrung ein bisschen weltfremd, aber dafür dem Menschen sehr nah, zieht der Samariter weiter mit der Bitte: „pflege ihn, und wenn du mehr ausgibst, will ich dir es bezahlen, wenn ich wiederkomme.“
Ob wir diesen Schlusspunkt so einfach übergehen können?

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