Tu dich auf! – und mach dich auf

Liebe Mitchristen,

„und sie wunderten sich über die Maßen“ heißt es am Ende unseres Predigttextes. Worüber wundern sich Menschen denn heute? Darüber, dass die Welt so schlecht ist? Darüber, dass es manchen so gut geht und andere darben müssen? Ich habe mich neulich gewundert als jemand aus seinem Gepäck eine Maske herauszog, als Schutz gegen die Schweinegrippe. „Hysterie“ dachte ich. „Nein“ wurde mir erklärt, da gebe es schon viele in der Nähe des Heimatortes, wo man Menschen mit Mundschutz sieht. Viele Menschen kommen mit unserer Zeit zusehends weiniger zurecht, nicht nur die Alten, man wundert sich. Vielleicht noch ein Beispiel. Ein alter Mann in Papua Neuguinea erzählte mir, dass er auch nicht mehr zurecht kommt. Früher, als Kind, so sagte er, da haben wir Tauschgeschäfte gemacht. Dann haben wir australisches Geld bekommen und damit bezahlt. Dann wurde unser Land selbständig und wir haben unser Geld bekommen und damit bezahlt. Aber jetzt, jetzt verstehe ich nichts mehr. Er zeigte mir eine Plastikkarte, wir würden sagen eine EC- Karte. Jetzt soll das mein Geld sein? Mir wird deutlich, dass wir immer nur noch keine Teile unserer Wirklichkeit erfassen und uns wundern. Gewundert freilich haben sich die Menschen über Jesus ständig. Da geht er in das Gebiet der zehn Städte, also quasi ins Ausland und trägt sich folgendes zu.

[TEXT]

Liebe Mitchristen, eine kurze Geschichte über die sich die Menschen wundern. Jesus heilt in der Dekapolis. Die Leute wissen, dass er das kann, trauen es ihm zu. Deshalb rufen sie ihn um Hilfe. Und am Ende sagen sie, dass er alles wohl, also gut, gemacht hat. Dennoch sie wundern sich, sie könne sich nicht erklären wie das zugeht, dass Jesus das kann. Sie hätten nur hinschauen müssen.
Jesus tut zwei wichtige Dinge.

1. Er wendet sich dem Menschen zu
Er nimmt den Menschen beiseite. Das heißt: ich schenke dir meine ganze Aufmerksamkeit, die anderen können uns jetzt erst einmal egal sein, Sie stören nur. Dann berührt er ihn, fast wie ein Arzt. Er legt ihm die Finger in die Ohren und berührt seine Zunge mit Speichel. Das sieht fast ein bisschen aus wie bei einem Schamanen, aber ist doch ein Zeichen seiner Zuwendung. Es geht um dich, Mensch, es geht um diene Hörfähigkeit und um deine Sprachfähigkeit. Ohren und Mund werden deshalb berührt.
2. Jesus betet
Jesus sieht auf zum Himmel. Das bedeutet nichts anders als dass er betet. Tu dich auf, „Hefata“ bedeutet das. Es tut sich etwas auf. Das Gebet zum Himmel tut etwas auf, die Ohren und den Mund des Behinderten, aber offensichtlich tut sich auch der Himmel auf und die Verbindung zwischen Gott und Mensch bewirkt dieses Wunder.

Liebe Gemeinde, ob das so klappt, wenn wir das auch täten? Die Geschichte ist zwar knapp, aber auch sehr konkret geschildert. Sie ist natürlich keine Vorlage zu sagen, wenn wir das tun was Jesus hier macht gelingt es uns auch. Das würde uns nur überheblich machen. Nein, sie steht in einem anderen Zusammenhang. Dass diese Wort „Hefata“ im Text beibehalten wird hat seine Bedeutung. Das „tu dich auf“ ist nicht nur ein Wort für den Taubstummen und es ist nicht nur ein Wort, die in der Nähe stehen und vielleicht etwas mitbekommen. Tu dich auf ist doch ein Wort für uns alle. Mach die Ohren auf und Rede, Antworte, sage etwas. Hören auf das Wort Gottes und es weitersagen, darum geht es doch. Hefata bedeutet, dass wir bitte unsere Taubheit auf dem Ohr auf dem Gott zu uns spricht beenden sollen und unsere Sprachunfähigkeit in Glaubensfragen bearbeiten können. Christus zeigt uns den Weg wie das gehen kann. Es bedarf des Blicks zum Himmel. Es bedarf des Gebetes, der Stille um zu hören und sprechen zu können. Es ist doch so, dass Zeiten der Stille und der Ruhe einen viel sensibler werden lassen für vieles, nicht zuletzt für die Stimme Gottes. Vielleicht ist es für sie der Gottesdienst in dem uns zugesprochen wird, dass der Herr unser Schöpfer und Erlöser ist. Wenn wir das glauben geht es uns wie den Leuten damals, wir wundern uns, dass das geht. Wir wundern uns, aber wir glauben es.

Wie das Wunder Jesu weitergeht? Vom Taubstummen ist keine Rede mehr. Markus berichtet anschließend von einem anderen Wunder, von der Speisung der Viertausend. Eines aber können wir uns vorstellen.

Jesus sagt nämlich folgendes: Und er gebot ihnen, sie sollten’s niemandem sagen. Je mehr er’s aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. Das ist wieder die zutiefst menschliche Seite. Wir können uns das richtig vorstellen wie die Leute weggegangen sind und erzählt haben: Mensch, hast du das schon gehört dieser Jesus hat den so und so geheilt. Ich war selbst dabei. Jesus wollte das nicht. Er wollte nicht der Wunderheiler sein. Es sind oft die Worte, die bei den Wundern mit überliefert werden die wichtig sind. „Tu dich auf“ ist so ein Satz. Nicht unbedingt die Münder zum Tratsch und Ratsch hat Jesus gemeint. Die wichtigen Worte wollte er weitererzählt haben.

Liebe Mitchristen, vom sich wundern über die Maßen habe ich anfangs gesprochen, von dem womit wir nicht klar kommen, von dem was uns erstaunen lässt, vielleicht auch von dem wovor wir kapitulieren müssen. Das sind bei jedem von uns andere Dinge, Ereignisse und Lebensumstände. Ich frage mich, wundere ich mich noch über das was Jesus zu mir sagt und bin ich verwundert darüber, dass der Glaube mir nicht nur etwas geben will, sondern auch eine Reaktion von mir erwartet? Wie ist denn unsere Reaktion auf das Evangelium. Ich spreche nicht davon, dass wir in wildem Aktionismus ausbrechen müssen. Aber, ertragen wir Schicksalsschläge leichter, wenn wir einen Glauben haben? Manchmal erzählen mir Menschen davon wie ihr Glauben ihnen geholfen hat beim Durchstehen einer Krankheit. Das was man fühlt muss eben auch ausgesprochen werden. Das ist es was ich meine, „erzählt doch davon“. Und bitte erzählt es nicht nur dem Pfarrer, der glaubt das sowieso, dass der Glaube tragen kann. Erzählt es bitte auch anderen, die zweifeln, die eine andere Lebenshaltung haben. Erzählt davon, wie sich der Glaube im Alltag auswirkt. Bei Entscheidungen im Beruf, bei der Ehrlichkeit nicht zu tricksen oder zu bluffen, oder in der Schule und Beruf eben nicht alleine auf das eigene Fortkommen zu sehen, sondern den Nächsten im Blick zu haben.

Vielleicht tut sich da etwas auf. Mehr als nur die Ohren, mehr als nur der Mund. Menschen spüren, wenn man es wenigstens versucht anders zu leben und zu Gott in Verbindung zu kommen. Manchmal kann das abstoßend wirken, dann wenn der Raum für andere Meinungen und andere Anschauungen nicht mehr bleibt. Aber es ist bereichernd und wohltuend wenn man den eigenen Glauben, die eigene Anschauung einbringt und davon erzählt. Offen und ehrlich und fröhlich. Dann tut sich wirklich etwas auf. Der Weg zum Herzen von Menschen in der Familie und im Dorf und überhaupt.

„Hefata“, Tu dich auf!

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