Einer kehrt um

Wie oft halte ich eigentlich gute Vorsätze ein oder besser gesagt nicht ein? Wie oft denke ich daran, einer Mitarbeiterin einfach mal Danke zu sagen, einem Gegner im Streit einfach die Hand hinreichen zur Versöhnung?

Und wie ist es mit meiner Dankbarkeit bestellt? Sind meine Dankes nicht oft eher geknurrte Randnotizen. Unter dem Motto ‚Wenn es denn sein muss’.

Ich könnte mich ja stundenlang über Moral äußern – und verhalte mich so oft gegen mein eigenes Bewusstsein, gegen meine Überzeugungen. Das entscheidende Zeugnis meiner Überzeugung legen halt doch nicht meine Worte ab, sondern meine Taten. Davon erzählt eine Geschichte, die Jesus erlebt hat im Grenzgebiet zwischen den verfeindeten Samaria und Galiläa, zwischen Pfalz und Saarland:

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Aussatz ist nicht nur einfach eine Krankheit, sie ist eine umfassende Behinderung des Lebens. Lepra gilt heute als heilbar. Eine schlimme Krankheit, keine ungefährliche Krankheit, ab doch mit Unterschieden zu dem, was Aussatz zur Zeit Jesu bedeutete.

Damals war sie mit kultischen No-Go Geboten versehen. Wer unrein ist, kann nicht am gottesdienstlichen Leben teilnehmen und der Kontakt mit ihm verdirbt den Kontaktpersonen die Teilnahme am gottesdienstlichen und damit auch am gesellschaftlichen Leben. Unreinheit macht einsam.

Mit ihrem Hilfeschrei um Erbarmen verbinden die Zehn mehr als nur den Ruf nach Gesundheit. Es ist der Ruf nach Befreiung aus dem physischen, sozialen und geistlichen Elend. Es ist der Ruf nach ganzheitlicher Heilung, nach Heilung, die von Gott kommt und vor Gott gilt. Nach Heilung, die auch von Menschen kommt und die Menschen einander gewähren können. Nach Heilung, die menschlich macht, fähig zum mitmenschlichen Umgang, beide Seiten die Kranken und die so genannten Gesunden. Es geht um einen umfassenden Hilfeschrei, den die Gesellschaft ihrer Zeit nicht gehört hat.

Auf diesen Hilfeschrei reagiert Jesus, indem er sie zurück in die Gemeinschaft schickt, zurück zu den Menschen, erst einmal zum Priester, der Macht hat, zu bescheinigen, dass sie wieder bereit zur Kommunikation sind, dass sie wieder gesellschaftsfähig sind.

Und alle gehen – ohne Weiteres. Ist das Vertrauen so groß oder ist es die Sehnsucht, heil zu werden, gesund und Teil der Gesellschaft. Wir wissen es nicht – ist vielleicht auch nicht entscheidend.

Das Entscheidende passiert danach. Einer kommt zurück, ein doppelter Außenseiter – aussätzig und aus Samarien, aus dem verhassten Nachbargebiet. Er kommt und stattet seinen Dank ab. Ausgerechnet er.

Es ist übrigens nicht gesagt, dass die Neun keine Samaritaner sind. Es ist höchstens zu vermuten. Der Hinweis, dass man sich im Grenzgebiet von Samarien und Galiläa bewegt, lässt Raum für Spekulationen, die zu nichts führen.

Es ist auch nicht entscheidend, weil es nie entscheidend ist, welche Position ein Mensch hat, welches Ansehen in seiner Umwelt, sondern allein entscheidend soll sein, wer er ist, was er tut, wie er sich verhält zum Leben und zu den Mitmenschen.

Diese Geschichte gehrt in den leidvollen Zusammenhang parteilicher Bibelauslegung. Parteilich nicht im Sinne Jesu, als Parteinahme für Arme oder Außenseiter, sondern im Sinne einer christlichen Überheblichkeit, die dann die Geschichte so überschrieb:‚Vom jüdischen Undank und vom nichtjüdischen Dank’.

Das verbietet sich von selbst. Zum Einen weil die Neun keiner Bevölkerungsgruppe zugeordnet sind, zum Anderen weil die Zielrichtung ein ganz andere ist: Nicht Fragen nach dem rechten Glauben stehen hier im Mittelpunkt, sondern die Frage nach der Dankbarkeit jedes einzelnen Menschen. ‚Lass mich der Eine sein’, dieses Gebet könnte Ziel eines Nachdenkens über diese Geschichte sein.

Die alte antijüdische Pointe hat höchstens hierin ihren Sinn, der nicht vergessen werden darf: Die Träger und Trägerinnen der Verheißung sind am Stärksten in Gefahr Dankbarkeit zu vergessen. Sie bleiben in der Versuchung, die Demut zu vergessen und zum Hochmut zu kommen. Das ist von Bedeutung für die Kirche Jesu Christi.

Der Akzent der Geschichte liegt auf dem Einen, der seinen Dank abstattet. Die Anderen werden durch ihr Verhalten zu Randfiguren.

Der eine kehrt um – erst einmal rein räumlich, er geht zum Priester und er kommt zurück, aber es ist wohl auch mehr gemeint, sein Dank ist eben nicht eines jener hingemurmelten Dankes, sondern Ausdruck dessen, dass da etwas Neues begonnen hat in ihm und mit ihm. Den Inhalt dieses Neuen will er erkunden, indem er umkehrt und Jesus zu Füßen fällt.

Das qualifiziert ihn, das zeichnet ihn in besonderer Weise aus. Auch ein umfassendes heil werden, löst nicht in jedem gleich ein umfassendes neu werden aus. Aber dieser Eine gerät über die erlebte Heilung zum Heil: ‚Dein Glaube hat dir geholfen’, sagt Jesus und er sagt nicht, worin dieser Glaube besteht. Allein die Tatsache der Dankbarkeit reicht wohl als Qualitätsmerkmal für einen Glauben, der hilft.

Die offene Frage nach den Neun provoziert die ebenfalls offene Frage nach unserer Dankbarkeit. Das ist die eigentlich spannende Frage, die diese Geschichte an mich stellt: Wo bist Du Mensch? Wie reagierst Du auf die Zuwendung Jesu in deinem Leben?

Diese Frage mit ihrer offenen Antwort bleibt als Wunde in mir und in der Kirche die sich nach Jesus Christus benennt.

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