Darwin und das Wunder – das Buch der Untergegangenen

Liebe Gemeinde! Als Darwin die Grundsätze seiner Theorie zur Entstehung der Arten veröffentlichte, blieb der befürchtete Aufschrei blieb der Kirche vor allem in Deutschland aus. Denn man entdeckte erstaunliche Parallelen zwischen der Schöpfungsgeschichte und Darwins Theorien: Es gibt die beinahe gleiche Reihenfolge, in der das Leben in Erscheinung tritt: Von einfachen Lebenwesen bis zu den komplexen – und schließlich der Mensch. Etwas vereinfacht entdecke man in kirchlichen Kreisen, dass Darwin scheinbar bestätigte, was man ohnehin glaubte: Dass für Gott 1000 Jahre oder eben Jahrmillionen wie ein Tag sind. Und damit gab man sich zufrieden.
Das eigentlich Interessante an Darwins Arbeit nahm man scheinbar kaum wahr: Durch welche Kräfte sich Arten entwickeln: Durch natürliche Auslese nämlich. Die am besten zu ihrem Lebensraum passenden Individuen überleben und können sich fortpflanzen. Der Sprengsatz bei all dem: Gott spielt keine Rolle. Genetische und andere Zufälle bestimmen das Leben: Die Giraffe mit dem etwas längeren Hals als ihre Geschwister überlebt Dürren besser, weil sie noch etwas höher in den Bäumen weiden kann.

Die entscheidende theologische Frage, die Darwin damit beantwortet, ist: Greift Gott ein in die Entwicklung der Arten, den Lauf der Weltgeschichte und in meine ganz persönliche Geschichte? Ist Gott Schöpfer im Sinne einer aktiven Gestaltung der Schöpfung? Auf diese Frage antwortet Darwin. Und auf alle Fragen, die sich daraus ergeben: Hat Gott etwas damit zu tun, dass mein Kind behindert ist? Hat Gott mir den Krebs im Körper wachsen lassen? Kann Gott den Lauf meines Lebens verändern? Hat es Sinn, ihn zu bitten, etwas möge so oder so geschehen? Kann ich den Lauf der Geschichte und mein Schicksal als Gottes Wirken deuten? Kann Gott krank machen oder heilen? Usw.
Darwin zieht für sich die Konsequenz: Nein. Für ihn selbst ist das eine große Befreiung, weil er die bohrende Frage aufgeben kann, ob sein Leben Gott ausgeliefert sein könnte. Ob Schlechtes und Krankheit, ob der frühe Tod seiner Mutter, ob seine schwächliche Gesundheit Strafe für Schuld sein könnte. Davon ist Darwin nun frei. Aber auf der anderen Seite quält ihn eine neue Sorge. Er wirft sich vor, in seinen Genen, seine kränkliche Konstitution an seine Lieblingstochter Annie weitergegeben zu haben. 1851 erkrankte Annie schwer und starb. Ihr Tod zerstörte die letzten Reste seines Glaubens an eine moralische, gerechte Welt.

Greift Gott ein in die Geschichte und mein Leben? Wenn er nicht eingreift, hat er dann überhaupt irgendeine Bedeutung für mein Leben? Was bleibt denn dann noch von Gott, vom Glauben? Ist der dann nicht völlig egal? Die Schärfe diese Frage, die in Darwins Theorien wurzelt, wird, denke ich, bis heute unterschätzt. Bitte hören Sie auf diesem Hintergrund unseren heutigen Predigttext aus dem Lukasevangelium:

TEXT

Was bleibt nach Darwin von dieser Geschichte? Ist sie überhaupt noch les- und verstehbar? Ist sie in irgendeiner Weise glaubwürdig?
Ein klassisches Wunder mit Durchbrechung geschichtlicher und natürlicher Zusammenhänge jedenfalls ist nicht glaubhaft. Aber es bleiben bis heute tatsächliche Heilungen und eine gewisse Methodik von Heilungen, psychosomatische Zusammenhänge nutzt, und die über die Kulturgrenzen hinweg gilt. Auch Jesus wendet sie hier an. Aber die Praxis zeigt eben kulturübergreifend, dass diese Methodik mit und ohne Gott funktioniert oder nicht funktioniert. Was bleibt also von Gott in dieser Geschichte?
Es bleibt, dass Gott hier als Mensch einem Menschen begegnet, und dass diese Begegnung den Menschen heilt. Es bleibt auch nach Darwin die Aussage, dass uns in Jesus Gott selbst begegnet, dass er, der Christus, der wahre Mensch, das wahre Ebenbild Gottes sei. An ihm könne man erkennen, wie Gott ist. Sehen wir also hin: Wie ist der Christus?, um dann zu entdecken, wie Gott ist!
Er begegnet uns als Mensch, als Person. Und wo er uns begegnet, da heilt diese Begegnung, sehen wir aus unserem Predigttext. Wir sehen auch: Menschen, die das erleben, erleben das als die letzte und tiefste Wahrheit: Letztlich wird alles gut und heil. Sie sagen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend. Das sind nach dem Alten Testament die Zeichen für die neue Schöpfung Gottes, für das ewige Heil, das Gott letztlich wirkt für alle Welt. Rettung, Heilung ist die Lebens-Erfahrung schlechthin. Ich denke, alles, was lebt, empfindet die Rettung und Heilung des eigenen Lebens wie die Geburt als die grundlegenste, tiefste Wahrheit schlechthin. Wo uns Gott begegnet, da geschieht das. Da begegnen wir dieser tiefsten und letzten Wahrheit.

Wie kann man das denken auf dem Hintergrund Darwins?
Ein materielles Eingreifen Gottes in den Lauf der Welt, einem Durchbrechen von Naturgesetzen ist nicht zu rechnen.
Aber dennoch machen die Bitten derer, die den Taubstummen zu Jesus bringen, Sinn. Sie baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege. Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig.
Denn was zu erwarten ist, ist ein Durchbrechen scheinbarer, menschlich sozialer Gesetzlichkeiten. Der Taube und Stumme wird herausgenommen aus den sozialen Gesetzlichkeiten und Zwängen, die ihm Ohr und Mund verschließen. Er darf anders Mensch sein in der Gegenwart Gottes. Das, in all seiner Macht ist zu erwarten von Gott: Dass Gott Menschen verändert, nicht ihr Genom, nicht die Gesetze des Materiellen, sondern die inneren, persönlichen Gesetze, die sie verinnerlicht haben und nach denen sie handeln. Gott verändert nicht die Dinge, sondern die Sicht der Dinge. Wie viel das ist und wirkt, merken wir, wenn wir sehen, zu welch abgründigen Grausamkeiten aber auch zu welcher Liebe ein und derselbe Mensch fähig ist.

Bleibt also nach Darwin von Gott nur der Mensch? und das Spiel sozialer und psychischer Kräfte und Systeme, in denen der einzelne Mensch nur ein kleiner Teil ist? Ist Gott vielleicht nur ein anderes Wort für das seelische System Menschheit, das auf uns, die einzelnen Menschen wirkt?

Wir sind nun an einem Punkt, an dem das Denken an seine Grenzen gerät. Denn es ist logischerweise unmöglich, dass wir als Teile eines Systems, dieses System vernünftig von außen betrachten und beurteilen könnten. Wir sind also an einer geistigen Schallmauer angelangt, hinter die kein Mensch blicken kann, ohne Denkfehler zu begehen.
Es ist also eine Entscheidungs-, eine Glaubenssache, was wir dahinter wahrnehmen: Ist dort, hinter dem seelischen System Menschheit noch etwas, das alles hält, das auch mich hält – jenseits aller Systeme?
Die Bibel sagt hier: Ja. JA. Du bist letztlich gehalten. Seit etwa 4000 Jahren, in schriftlicher Form seit etwa 3000 Jahren, werden in der Bibel Erfahrungen von Menschen gesammelt, von hunderten Generationen ausgelegt, geprägt und ergänzt. Erfahrungen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Ganze Kulturkreise flossen und fließen in die Bibel ein und reiben sich bis heute an ihr. Und alle diese Erfahrungen haben eins gemein: Sie bezeugen, dass es – hinter allen Systemen, in den wir stecken – nicht nur Etwas, sondern Jemanden gibt, der alles hält, und der mich hält. JA.

Natürlich kann man das alles wegwischen, indem man sagt: Erfahrungen aufschreiben können ja nur die, die aus üblen Situationen irgendwie herausgekommen sind – und wieder Sprache gefunden haben. Nur die Überlebenden und Geheilten können ihre Erfahrungen später erzählen und aufschreiben. Kein Wunder also, dass in den Erfahrungssammlungen der Menschheit letztlich immer wieder Rettung und Heilung steht. All die verlorenen bleiben ja stumm. All die unter die Räder gekommenen, die Zerstampften der Geschichte hätten vielleicht ganz anderes zu erzählen, als dass sie hinter allem doch noch gehalten sind. Die Bibel könnte man sagen, ist das Buch der Überlebenden. Die Untergegangenen würden ein anderes Buch schreiben: Das Buch der großen Verlassenheit. Das Buch, das die andere Antwort gibt auf die Frage, ob außerhalb der menschlichen Gegebenheiten noch irgendetwas ist, das uns trägt. Das Buch der Untergegangenen, das Buch der großen Verlassenheit gäbe die Antwort: NEIN.
Das könnte man sagen und damit die Erfahrungen der Bibel wegwischen.

Was mir persönlich dabei der größte Trost, die größte Zuversicht ist, was mich vielleicht für immer für die Bibel eingenommen hat, was mir das persönliche Hefata!, das „Tu dich auf!“ ist, ist, dass die Bibel diesen letzten großen Sprung auch noch wagt: Sie schreibt das Buch der Untergegangenen. Sie erzählt von einem Menschen, der ganz das JA verkörperte. Ein Mensch, in dem der Glaube Fleisch wurde, dass alles gehalten ist im letztlich Guten. Und sie erzählt, wie genau dieser Mensch die Erfahrung machte, die die Erfahrung aller Untergegangenen ist: Er, der Zeuge des Ja, wurde zermalmt am Rande der Geschichte – sinn- und würdelos. Ein Niemand, für den es sein würde, als wäre er nie gewesen. Von wegen gehalten! Die Bibel erzählt, wie ihm das klar wird am Kreuz. Sie erzählt wie ihm sein Glaube zerbricht, wie er selbst zerbricht: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Alle anderen Geschichten führen nur bis zu diesem Punkt, kurz vor dem Tod und erzählen dann die Rettung. Nicht so diese Geschichte. Sie schreibt, das bisher Unnennbare: Sie schreibt über das Ende hinaus. Sie schreibt, wie für den Menschen alles zerbricht, das Ja sich in ein Nein kehrt, Sein und Sinn ins Nichts zerbröselt. Die Bibel gibt, einem Vernichteten Stimme. Sie schreibt das Buch der Erfahrungen der Zermalmten. Ein Zermalmter spricht davon, dass geschieht, was er selbst nicht mehr glauben konnte. Nämlich dass etwas geschieht an mir, wo ich schon nicht mehr bin. Dass es ein Gehaltensein gibt, wo meine Person bereits zerstört ist. Dass da jemand ist, der Person ist für mich, wo ich nichts mehr bin. Auferstehung.
Das ist mein Trost, liebe Gemeinde: Dass die Bibel nicht halt macht bei den Erfahrungen der Überlebenden, sondern dass sie es wagt, das Buch der großen Verlassenheit in sich aufzunehmen. Und siehe da: Das JA kann das Nein tragen und halten. Das JA kann das Nein umfassen. "Der Tod ist verschlungen ins Leben.“ (1.Kor15,55 + 2.Kor 5,4) Amen.

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