Nähe

Liebe Gemeinde,

eine Mutter und ein Taschentuch. Von mir aus ein handelsübliches Tempo. So eines wie dieses hier. Weiß, etwas rau. Unschuldig und überhaupt nicht furchteinflößend.

Aber der Schweiß trat mir als kleiner Junge auf die Stirn, wenn ich meine Mutter in dieses Taschentuch spucken sah. Irgendein Fleck an mir, meist im Gesicht, auf den Armen oder auf meinen Anziehsachen hatte ihre Aufmerksamkeit erregt.

Und zack — ins Tempo gespuckt — so schnell konnte ich gar nicht schauen, wie anschließend dieser angefeuchtete Lappen durch meine Gesicht wischte um mich zu reinigen.

Eine entsetzliche Tortur war das. Und dazu auch ein wenig demütigend. Erst recht, wenn andere Kinder diesem Schauspiel beiwohnen konnten.

Mein Herz ging auf, wenn ich auch bei anderen beobachten konnte, dass sie Opfer einer solchen Putzattacke geworden waren.

Schlimmer als diese Erinnerung an das weiße Tempo in meinem Gesicht ist nur die an das befohlene Tanten-Küssen. Aber das ist ein anderes Thema.

Liebe Freundinnen und Freunde in Christus. wenden wir uns lieber einmal dem heutigen Predigttext zu. Denn auch in diesem spielt der menschliche Speichel eine ganz wichtige Rolle. Und in dieser Geschichte bleibt es nicht nur bei der Oberflächenbehandlung. Nein, Jesus nimmt sich die Zunge eines Menschen vor und berührt diese mit seinem Finger. Natürlich nicht bevor er davor seinen Finger in die Ohren des anderen gesteckt hatte. Am Ende dieser Geschichte ist die betroffene Person geheilt.

Die Putzattacken meiner Mutter und Gottes Wirken am diesem Menschen. Die Gemeinsamkeit liegt für mich in der Tatsache, dass in jedem Fall ein Mensch einem anderen Menschen sehr nahe kommt. Zu nahe wie es sich im Falle meiner mit einem Tempotuch bewaffneten Mutter für mich heraus gestellt hat.

Aber es gibt gute Gründe das Menschen einander nahe kommen. Denn Nähe zwischen Menschen eröffnet ganz neue Wege. Wenn zum Beispiel die Kirmesburschen und Mädels hier gemeinsam rein tanzen dann ist das ein Ausdruck von Nähe, die auch Vertrauen ist. Darüber hinaus kann man sich aufgrund der Nähe aneinander festhalten und dann kann man vieles leichter ertragen.

Gerade beim Tanzen ist Nähe, die Vertrauen ist, mehr als wichtig.

Aber auch die Nähe wie Eltern sie zu ihren Kindern haben ist unbeschreiblich wichtig. Gerade diese Nähe drückt sich darin aus, dass Sie, liebe Eltern der Täuflinge, ihre Kinder vor Gott gebracht haben und ihn um seine Nähe bitten.

Nähe ist etwas ganz kostbares. Etwas das man hat. Echte Nähe ist eine Gefühl dass man nicht herstellen kann, aber dass unheimlich viel produziert.

Nun, liebe Gemeinde, Nähe ist also etwas durchweg Gutes. Aber manchmal ist einem die Nähe zu viel. Gerade so wie bei Jesus und dem Mann im heutigen Predigttext. Den Finger auf die Zunge legen und einen anderen ins Ohr. Das geht mir viel zu weit. Das ist schon beinahe übergriffig. So empfinde ich das.

Aber was heißt das schon, wenn ich das so empfinde. Über den Menschen aus der Geschichte wird nicht berichtet, dass er sich in irgendeiner Weise in seinem Tanzbereich eingeschränkt fühlt. Er empfindet die körperliche Nähe überhaupt nicht als einengend oder anmaßend.

Es scheint vielmehr als habe der Mensch aus unserer Geschichte übermäßig großes Vertrauen in diesen anderen Menschen Jesus.

Ich erzähle Ihnen und euch sicherlich nichts Neues, wenn ich Ihnen davon berichte, dass es eine Privatsphäre gibt, die jeden Menschen umgibt. Diese sogenannte Distanz-Zone beträgt je nachdem, Ort und Anlaß spielen da wohl auch eine Rolle, zwischen 0 und 50cm. Allerdings variiert dieser Bereich je nach Land und Klima. Ein Brasilianer empfindet eine Nähe die so nah ist, dass, man die Adern im Auge des anderen gut sehen und zählen kann als völlig normal.

Versuchen Sie dass doch jetzt mal bei ihrem Nachbarn. (Pause) Ich denke, es wird deutlich: Das ist ganz schön nahe.

Unsere Distanz-Zone ist in etwa die einer ausgestreckten Hand. Bis hierhin und nicht weiter!

Jesus scheint das alles überhaupt nicht zu interessieren. Er geht in die Vollen und kümmert sich nicht um irgendwelche Zonen. Er geht ganz nah ran und dringt in den Distanzbereich der Person ein.

Dabei kommt Jesus dem Menschen auf eine beinahe intime Weise nahe, dass man erst mal zurückschreckt: Er legt seinen Finger auf die Zunge und einen anderen in das Ohr des Betreffenden.

Für bis dato einander unbekannte Menschen ist das schon wirklich erwähnenswert. Aber es hat etwas auf sich mit dieser Nähe. Denn der Mensch, der Gott so nah an sich heran läßt, wer Gott auf diese Art und Weise empfängt, der öffnet sich ihm — im wahrsten Sinne des Wortes. Und Gott öffnet ihn.

Der Mensch, dem dies widerfahren ist, kann wieder sprechen und hören. Dabei muss er gar nicht stumm und taub gewesen sein im herkömmlichen Sinn.

Manchmal fehlen uns auch nur die richtigen Worte, die wir nicht sagen können, weil uns unser Stolz in die Quere kommt und uns daran hindert Unrecht zuzugeben.

Es mag zur rechten Zeit das rechte Wort fehlen. Jesus kann solche Dinge ändern. Er vermag diverse Ketten, Sachen, die uns lähmen und hindern, die Dinge, die uns die Zunge schwer machen, das Ohropax aus dem Ohr zu entfernen, zu lösen und zu beseitigen.

Jesus kann uns öffnen. Zunächst für sich und dann auch für andere. Aber um solches erleben zu können, um dieser Befreiung habhaft zu werden, muss man ihn auch an sich heran lassen.

Liebe Gemeinde, wie immer im Leben reicht es nicht zu sagen, wasch mich, aber mach mich nicht nass. Meine Mutter hatte diese Weisheit verinnerlicht, denn ihre Tempos waren immer ausreichend nass um auch den stärksten Schmutz aus meinem Gesicht zu wischen.

Es reicht nicht zu sagen, wasch mich, aber mach mich nicht nass, wenn wir Kinder zur Taufe bringen. Wer getauft ist, ist auch gefordert. Es geht um Vertrauen: Um das Vertrauen Gottes in uns und unser Vertrauen in Gott.

Und auch bei der Kirmes reicht es nicht, nur dabei zu sein. Man muss sich darauf einlassen. Auf die Gemeinschaft, den Spaß, das Feiern aber eben auch auf die dadurch entstehende Arbeit und vorher und nachher mit anpacken.

Und, liebe Gemeinde, genauso verhält es sich mit Gott. Jesus geht tiefer. Er bleibt nicht an der Oberfläche haften. Er geht auf die Menschen zu und hat keine Scheu, uns Menschen zu berühren — auch innerlich. Und wenn man ihm vertraut, wenn man daran glaubt, dass seine Nähe eine gute Nähe ist und man dann erkennt, dass man diese auch gut aushalten kann, dann bekommt man unendlich viel. Man bekommt nicht nur die Lähmungen und Verspannungen gelöst, man bekommt eine Gemeinschaft, die einen tragen will und die man selber tragen kann.

Gemeinde, Taufe, Kirmesgesellschaft — all das sind Dinge, die im besten Falle dem Beispiel Jesu folgen und eine persönliche Zuwendung, eine persönliche Öffnung gegenüber diesen Geschehnissen jedes einzelnen erwarten.

Wer sich durch solche Ereignisse öffnen läßt für die Gemeinschaft, der hat dann auch das bisher unhörbare "Hefata!" gehört. Sei geöffnet. Für Jesus und für andere.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

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