Pharisäer werden und bleiben

Predigttext: Lk 18, 9-14

Liebe Gemeinde!
Jesus setzt sich im Neuen Testament beinahe ausschließlich mit Pharisäern auseinander. Andere Vertreter des Glaubenslebens wie Priester und Leviten tauchen – vom Hohen Priester bei der Verurteilung Jesu abgesehen – beinahe gar nicht auf, und wenn dann als Statisten. Und das hat einen guten Grund: Ich behaupte, die pharisäische Bewegung war für Jesus die einzige ernstzunehmende religiöse Erneuerungsbewegung ihrer Zeit und ist es in ihren Grundsätzen bis heute. Denn sie trennt nicht zwischen Alltag und Gottesdienst. Alles, das ganze Leben sollte aus Gott heraus und noch seinem Willen geführt werden: Ein Gott, eine Welt, ein Leben. Ganz Jesu Meinung.
Genau wie Jesus wandten auch die Pharisäer sich gegen einen laxen Umgang mit Gottes Geboten. Was Jesus in der Bergpredigt sagt, ist beste pharisäische Theologie: (Mat 5, 1-48 i.A.) „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau nur ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. (…) (…) Ihr habt gehört, dass gesagt ist: "Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen." Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; Denn wenn ihr nur liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? (…) Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“
Jesus nimmt wie die Pharisäer die Heilige Schrift ganz ernst – jeden Vers, jeden Buchstaben. Und er sucht wie sie hinter jedem Satz nach dem Sinn: Was ist das höchste Gebot, der Sinn hinter allen Geboten? Darüber wird nachgedacht und debattiert in den Kreisen Jesu und in denen der Pharisäer. Und beide sind sich einig: Gott und seine Mitmenschen zu lieben darum geht´s im Leben. Beide auch sind sich einig: Liebe ist nicht vor allem Gefühl, sondern konkrete Hilfe an dem, der sie gerade braucht: Am Gleichnis vom barmherzigen Samariter wird das am deutlichsten. Hilf deinem Nächsten! Das ist der wahre Gottesdienst. Der Tempelgottesdienst ist gut und schön. Aber wenn er nicht in die Hilfe im Alltag mündet, ist er sinnlos, sogar pervers: Der Priester im Gleichnis lässt den Verletzten liegen, weil er zum Gottesdienst muss. Der Levit, der Tempeldiener genauso. Pervers! Der wahre Gottesdienst ist Dienst am Nächsten im Alltag. Da sind sich Jesus und die Pharisäer einig.

Sowohl Jesus und seine Anhänger als auch die Pharisäer lebten ein sehr selbstbewusstes, positives Menschsein, indem sie lehrten: Du kannst die Gebote Gottes erfüllen. Du kannst nach Gottes Willen leben. Die Frage ist, ob du willst. Aber grundsätzlich kannst du! In jeder Situation deines Lebens hast du die Möglichkeit, dich für das Richtige zu entscheiden. Klar, manchmal hat man nur die Wahl zwischen schlecht und weniger schlecht – schließlich leben wir in einer gefallenen Welt. Aber du hast die Möglichkeit nach Gottes Willen zu leben und dich für das Best-Mögliche Tun zu entscheiden. Du kannst. Die Frage ist, ob du willst und es auch tust. Daran entscheidet sich Gut und Böse, Sünder und Gerechter – mit allem Ernst und aller Konsequenz. „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!“ (Mat 5,48) Jesus und die Pharisäer waren sich auch darin einig.
Alles in allem kann ich nur sagen: Den Umgang mit Pharisäern kann ich Ihnen nur empfehlen. Sie sind echte Vorbilder im Bemühen, sich nicht von der Eigengesetzlichkeit des Alltags korrumpieren zu lassen.

Warum nur muss der Pharisäer im heutigen Sonntagsevangelium als ein solches Negativbeispiel der Selbstgerechtigkeit herhalten? Für mich liegt der Grund auf der Hand: Jeder andere Mensch wäre in dieser Rolle lächerlich gewesen. Nur weil das Leben des Pharisäers wirklich vorbildlich ist, kann er überhaupt den Gegenpart zum Zöllner einnehmen ohne lächerlich zu wirken. Denn wer von uns führt nicht ein Leben, wie man es dem Zöllner vorwirft: Angepasst und opportunistisch – zumindest in Teilen? Der Pharisäer ist hier wohl auch für die allermeisten von uns ein echtes Vorbild im Bemühen, sich nicht von der Eigengesetzlichkeit des Alltags korrumpieren zu lassen.
Dafür, für diese Kraft, sich und Gott treu zu bleiben, ist der Pharisäer dankbar. Und vermutlich hat er Recht, wenn er denkt: „Auch der Zöllner dort drüben hat von Gott die Kraft geschenkt bekommen, sich zu entscheiden, wie er handeln will. Schade, dass er es nicht tut.“

Vermutlich haben Sie es bereits gemerkt, wo der Punkt liegt, bei dem der Pharisäer sich aber doch selbst untreu wird. Vor lauter Eifer, selbst alles richtig zu machen, hat er sich zu sehr mit sich selbst beschäftigt und übersehen, von was er doch weiß, dass es Sinn und Zusammenfassung aller Gebote ist und Sinn seines Lebens ist: „Liebe Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt – und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Oder anders ausgedrückt: Lebe wie Gott und hilf deinem Nächsten wo immer er dich braucht!
„Mann, Pharisäer! Du müsstest jetzt rüber gehen zu dem Menschen da neben dir, zu dem Zöllner. Du musst ihm helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen! Du sollst leben, heilig sein, wie Gott! Was würde Gott tun?“

Auch das erzählt unser Predigttext: Gott macht dem Zöllner klar, wer er ist und wer er im Gegensatz dazu sein sollte – und könnte. Gott tut das bis heute in jedem Sonntagsgottesdienst. In jedem Sonntagsgottesdienst hören wir: „Wir sind zusammen gekommen, um auf Gottes Wort zu hören, ihn in Gebet und Lob anzurufen. Vor dem Heiligen Gott aber erkennen wir, dass wir gesündigt haben in Gedanken, Worten und mit dem, was wir getan oder unterlassen haben. Aus eigener Kraft können wir nicht frei werden. Darum sehen wir auf Gott und bitten mit den Worten des Zöllners: Gott sei uns Sündern gnädig!“
Mann, Pharisäer! Das ist das, was der Zöllner jetzt braucht: Jemanden, der sich zu ihm stellt und ihm zeigt: Wir sind beide Menschen, die nicht immer so leben, wie wir sollten. Du bist nicht allein. Wir beide brauchen Gottes Vergebung. Auch wenn´s schwer fällt, dem immer ins Gesicht zu sehen. Lass uns gemeinsam sprechen: Gott sei uns Sündern gnädig.

Den Pharisäer an seiner Seite. Das wär´s wohl, was der Zöllner jetzt bräuchte. Denn Schuld und ein wenig erstrebenswertes Leben machen einsam. Schuld trennt Schuldige und vermeintlich Gerechte. Sie zerreißt die Menschheit und den Menschen in sich.
Warum gehst du nicht hin, Pharisäer, und hilfst dem Zöllner aus seiner Isolation, die ihn immer wieder Zöllner sein lässt? Warum gehst du nicht hin, Pharisäer, und hilfst ihm?
Ist´s, weil du dir dann eingestehen müsstest, dass du unter gewissen Voraussetzungen selbst nicht anders bist als die, die du so abstoßend findest? Ist´s, weil du Angst hast vor den Strudeln des Lebens, die dich mitreißen könnten in ein Leben, das du nicht willst? Ist´s die Angst, wenn du erst mal Kontakt zu ihm aufgenommen hast, verantwortlich für jemanden zu sein, der ganz und gar keine gute Gesellschaft zu sein scheint?

Wenn du hingehst, zerbricht das, auf was du stolz bist: Deine Gerechtigkeit. Du musst eingestehen, dass auch du Sünder bist wie der Zöllner. Aber zerbrochen ist deine Gerechtigkeit ohnehin. Denn wenn du nicht hingehst, verrätst du dich selbst, verrätst du das, was du immer sagtest, dass es dir das Wichtigste sei: Gott zu lieben über alles und deinen Nächsten wie dich selbst.
Am Zöllner zerbricht deine Gerechtigkeit so oder so. Denn im Zöllner begegnet dir Gott und erinnert dich daran, wer du bist: Jemand, der gerne Gerechter wäre und doch ein Sünder ist.

Ich sage euch, sagt Jesus: Dieser Zöllner ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener Pharisäer. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Gott zu begegnen, ist immer eine Kränkung der eigenen Selbstherrlichkeit zugunsten der Ehrlichkeit. Meistens wird ja angenommen, dass man gar nicht leben kann, ohne Teile von sich abzuspalten, Teile, die unerträglich scheinen für die lebensnotwendige Selbstherrlichkeit. Aber vielleicht ist das ein Irrtum. Vielleicht ist sie gar nicht lebensnotwendig, die Selbstherrlichkeit. Vielleicht ist es im Gegenteil Lebensnot wendig, sich ehrlich anzusehen.

Statt das Kränkende abzuspalten bietet Gott etwas anderes an, nämlich die Vergebung, also eine Art Sichtveränderung auf das, was wir sonst abspalten. Gott nimmt ihm das Unerträgliche, in dem er es als geschehen oder besser vergangen akzeptiert. Der Mensch, der für Gott zählt, ist der Mensch der Gegenwart. Und der kann jeden Moment neu entscheiden, wie er lebt. Dazu befreit ihn Gott von der bindenden Macht des Vergangenen – durch die Vergebung.

Das hilft übrigens auch dem Pharisäer. Denn nicht nur Schuld, sondern auch Verdienste können, wie wir gesehen haben, am freien Leben hindern – verhindern jetzt im Moment das Richtige zu tun. Deshalb rechnet Gott beides nicht an: Die Schuld nicht und die Verdienste auch nicht. Vor Gott stehen wir in jedem Moment wie neu erschaffen vor dem Baum der Erkenntnis und wir können entscheiden, gut oder böse zu handeln. In jedem Moment ist Schöpfung und Entscheidung und Gericht. Und in jedem Moment können sich uns die Pforten des Paradieses öffnen oder verschließen.
Für unseren Pharisäer gab bisher viele Momente, in denen ihm die Pforten offen standen. In unserem Predigttext erlebt er den Sündenfall: Seine Verdienste hindern ihn, jetzt richtig zu handeln. Er bindet sich an die Vergangenheit, statt sich von Gott für die Gegenwart befreien zu lassen. Und so handelt er falsch gegen alle Überzeugung.
Der Zöllner hatte bisher wohl viele Sündenfälle erlebt. Auch er könnte sich an die Vergangenheit binden, könnte die Pforten des Himmels für immer verschlossen sehen. Aber er lässt sich befreien. Und in diesem Moment ist er frei: Neu erschaffen.
Gott bedeutet: Jeder Mensch darf und kann in jedem Moment seines Lebens neu beginnen. Und Gnade dem Gott, der ihm das verwehrt.

Ich sage euch, sagt Jesus: Dieser Zöllner ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener Pharisäer. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Dass wir uns von Gott zu neuem Leben befreien lassen, das gebe Gott uns allen. Amen.

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