Damit Gebete nicht nur Worte bleiben

Beten Sie? Ja? Dann gehören Sie zu einer Minderheit – selbst, man solls ja nicht glauben, innerhalb der Kirche. Wobei die Quantität der Nichtmehrbeter nicht viel über die Qualität von Gebet aussagt. Aber nun stellen Sie sich einmal vor, Sie würden heute einfach nicht mit Ihrem Partner sprechen. Kein Wort. Keine Antwort. Und morgen wieder nicht. Und übermorgen. – Wie lange mag das gut gehen? Wann kommen nach vorsichtigen Rückfragen „Du – was ist mit Dir?“ Enttäuschung, Trauer, dann Ärger und Wut? Sollte das bei Gott anders sein? Andere sagen „Beten bringt mir nichts.“ So? Beten ist sinnlos, leer? Wir müssten dann einmal darüber sprechen, wie die oder derjenige betet. Einfach nur raussprudeln, was auf der täglichen Wunschliste steht? Jeden Tag mehr oder minder die gleiche Leier? Oder auch in die Stille hören, die alles andere als still ist und aus dem Vielen das Eine herausfiltern, das neu, gut, richtig, einfach nur richtig ist – etwa die Lösung für das, was mich bewegt? Beten ist alles andere als aussichtslos. Jesus spricht davon – und er weiß, wovon er spricht:

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[1] Beten. Den Kontakt zu Gott halten so, wie es im Bibelwort dieser Woche zu lesen ist: „Suchet den Herrn, so lange er zu finden ist; ruft ihn an, so lange er nahe ist.“ ( Jesaja 55, 6) – weil es eben nicht nur die Zeiten gibt, in denen Gebet gelingt, vertrauensvolles Sprechen, Stille, Hinhören wie ein lebendiges Gespräch, sondern auch die anderen: Die, in denen Gebet „wie ein Schluck Spucke an der Decke kleben bleibt du langsam wieder runtertropft“, Zeiten, in denen nichts mehr zu gehen scheint, nichts mehr geht. Auch diese Zeiten gibt es. Beten also. Zwei Episoden vom Beten heute, Beispiele, Gleichnisse – und das, was Jesus dazu zu sagen hat: das fügt Lukas im 18. Kapitel seines Buchs aneinander – damit unser Beten gelingt:

[2] Zuerst ist von einem Richter die Rede. Ein unangenehmer Zeitgenosse, hart. Er gefällt sich darin, das Recht zu beugen. Und eine ist da, eine Witwe, rechtlos damals, eine, die sonst nichts zu sagen hat; und die macht den Mund einfach nicht zu. Sie bestürmt den Mann so sehr, täglich, dass er am Ende einlenkt. Nicht, dass Gott so wäre wie der ungerechte Richter, das nicht. Aber so, sagt Jesus, so könnt ihr zu Gott kommen – so könnt ihr mit ihm sprechen; so sollt ihr mit ihm sprechen. Beharrlich, täglich, mehrmals täglich, immer wieder, meinethalben laut, auch sehr laut: Gott lässt mit sich reden. Gott hört. Und er handelt. Also: Nicht locker lassen.

[3] Und nun der, der meint, dass er – vielleicht nicht von Geburt an aber aufgrund seines Verhaltens – Anspruch auf Gehör bei Gott hat und in eben so vor ihn tritt: „Ich danke Dir …“ – Schön, ja, wunderschön, wenn eine, einer dankt. Wollte Gott, das geschähe öfter: Dass Gott nicht nur meine täglichen Bitten hört, sondern ich ihm auch das Schöne, das Gelungene sage: „Gott – das ist toll. Das hast Du richtig gut gemacht: Ich danke Dir.“ Schließlich, so in den Psalmen, „Der Herr hat seinen Thron über den Lobgesängen seines Volkes errichtet.“ [Psalm 22] Und der Dank der kürzeste Weg zu Gott.

[4] Aber zurück zum Gleichnis: Wofür dankt der Pharisäer? Er dankt, indem er sich abgrenzt: „Ich danke Dir, dass ich nicht so bin wie die andern … etwa der da hinten.“ – Er macht sich auf Kosten des anderen größer ohne damit besser zu werden. Ob das gut geht? Ist ja schön, Mensch, dass Du so ein anständiges und gerechtes Leben führst, mag Gott sagen. Nur: Woher hast Du die Gaben, die es Dir ermöglichen so zu leben? Aha – von mir. Also nicht Dein Verdienst. Und hast Du schon einmal nachgedacht, warum Du so vorbildlich lebst? Weil Du mich liebst? Oder weil Du so erzogen bist? Und was steckt dahinter? Angst etwa? Angst, den Regeln nicht gerecht zu werden, Angst, dass ich Dich aus den Augen verlieren könnte, das Interesse an Dir verliere? Angst, dass andere mit dem Finger auf Dich zeigen? Und wie viel Leben hast Du um der Angst willen nicht gelebt? Leben, das ich Dir anvertraut habe? Auch dafür, dass Du Dich um den da hinten kümmerst? Ihm spürbar Bruder bist so, wie ich Euch beiden Gott, mehr: Vater sein will? „Einer trage des Andern Last: So werdet Ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Im Mitleiden, in der Liebe – und nicht etwa nur darin, dass Du irgendwelche Formen und Regeln befolgst – so gut die sein mögen.

[5] Kein Wunder, dass der eine mit seinem Gebet nicht weit kommt und das Stossgebet des andern angenommen wird. Kein Wunder, dass viele „Hallo Partner, ich brauch da was …“ – Gebete nicht nur unerhört sind, sondern unerhört bleiben: Heiße Luft, was noch? – Das „Aus“ für den Gerechten? Nein. Vielmehr ein Beispiel Jesu. Und niemand braucht mehr so zu beten. Jede, jeder hat die Chance auf den andern zuzugehen, Bruder unter Brüdern zu werden – oder Schwester unter Schwestern? Auch diese Variante ist denkbar –, wenn er’s merkt: Damals. Heute. Damit Gebet nicht nur Worte bleibt, sondern gelingt. Und das Leben dazu. Ich wünsche Ihnen und mir unerhört erhörte Gebete, Freude am Beten, an Gott – und Leben, das gelingt: Gleich heute.

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