Welcher Typ sind wir?

Liebe Gemeinde!

Eine Konfirmandin von mir konnte sehr gut Klavier spielen. Sie hatte einen guten Klavierunterricht, mit dem sie sehr zufrieden war. Irgendwann meinte aber der Klavierlehrer zu ihr, er könne ihr nicht mehr genug bei bringen. Es würde ihr bestimmt gut tun, mal den Lehrer zu wechseln und zu einem anderen Klavierlehrer zu gehen. Das tat sie dann auch und bildete sich weiter.

Dieses Beispiel habe ich deswegen erzählt, weil es uns einen Menschen zeigt , der seine Grenzen kennt. Der Klavierlehrer hat nicht gesagt: ich kann alles. Ich mache alles. Sondern er hat gesehen: Ich stoße an meine Grenzen. Ich kann der Schülerin nicht mehr auf dem Klavier beibringen. Ich gebe die Verantwortung ab. Das ist eine ganz starke Fähigkeit, eigene Grenzen zu sehen und an andere abzugeben, wo es gut wäre.

Im Predigttext heute werden uns zwei Gegensatz-Typen vorgestellt. Der eine, der Pharisäer, meint, er könnte alles. Der andere, der Zöllner, sieht sich vor Gott als Sünder. Wie in vielen Bibelgeschichten und wie überhaupt in vieler Literatur dient die Gegenüberstellung von zwei Typen meistens dazu, dass die Zuhörenden überlegen sollen: Welcher Typ bin ich wohl? Ärgere ich mich über einen der beiden Typen? Und warum ärgere ich mich? Gefällt mir einer von beiden gut? Und warum gefällt er mir? Was ist, wenn ich meine Blickweise ändere und mich einmal in den Gegentypen hinein versetze? Kann ich von einem der Typen etwas lernen? Um es gleich voraus zu sagen: Wir sind nie nur ein Typ. Immer vereinigen wir viele verschiedene Aspekte in uns. Und die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen.

Nun will ich die Typen erst einmal näher vorstellen. Der Pharisäer war ein kluger, gebildeter Mann. Er hatte die Bibel studiert. Er diskutierte gerne mit anderen über die Bibel. Er wollte nach Gottes Willen leben. Er lebte rechtschaffen, ging zum Gottesdienst, fastete zweimal in der Woche, bezahlte die Tempelsteuer, betrog niemanden. Eigentlich könnten wir gut viele Pharisäerinnen und Pharisäer in unserer Gemeinde gebrauchen. Aber die Pharisäer hatten dann doch auch ein schlechtes Image. Sie galten als rechthaberisch und als unbelehrbar und eben manchmal auch als heuchlerisch. Nebenbemerkung: Deswegen gibt es doch dieses Getränk, den Pharisäer: Kaffee mit Rum und viel Sahne, damit der Pastor den Rumgeruch nicht bemerken sollte. Eben heuchlerisch. Der Pharisäer weiß, was er kann und ist darauf stolz. Er sagt: Gut, dass ich nicht so bin wie die anderen Leute. Sein Herz ist gar nicht immer bei Gott.

Ein Zöllner war damals unbeliebt. Er arbeitete im Auftrag Roms. Er musste die Straßen und Stadttore kontrollieren und Zoll einnehmen. Die Zöllner hatten den Ruf, immer mehr zu nehmen als sie durften. Sie galten als Räuber und Betrüger und wurden dabei reich. Der Zöllner in unserem Gleichnis schlägt sich schuldbewusst an die Brust und sagt: Gott, sei mir Sünder gnädig. Jesus stellt den Zöllner als Vorbild hin. So sollen wir auch sein und demütig unsere Sünde bekennen. Das ist ja auch das Thema dieses Sonntags, vor Gott nicht hochmütig, sondern demütig zu sein.

Ich selber mag mir den Zöllner eigentlich gar nicht so unbefangen zum Vorbild nehmen. Weil ich nämlich Menschen kenne, die sich zu gering schätzen. Menschen, die denken: ich kann doch nichts. Ich bin nichts wert. Es gibt viele, die kein Selbstbewusstsein haben, die nicht für ihre Rechte einstehen und die richtig depressiv gestimmt sind. Für diese Menschen könnte der Zöllner als Vorbild fatal sein. Nicht immer ist es gut, unser Sündersein so zu betonen. Manchen Menschen täte es besser, den Blick auf die eigenen Gaben zu richten- eben ein bisschen vom Pharisäer abzugucken.

Allerdings muss man sehen, dass Jesus die Geschichte gerade deshalb erzählt, um die Menschen zu einem befreiten Leben zu führen. Er will nämlich deutlich machen: Ihr braucht vor Gott keine Leistungen zu erbringen, wie der Pharisäer es dachte. Ihr braucht Gott nicht darauf hinweisen, was ihr alles für ihn getan hat. Ihr müsst es noch nicht mal euren Mitmenschen beweisen. Vor Gott seid ihr unendlich wert geschätzt. Ihr braucht dafür keine Voraussetzungen erfüllen. Ihr dürft aus Gottes Wertschätzung leben.

Das möchte ich besonders gern meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden sagen. Ich bin erschrocken, wie Ihr Jugendlichen Euch gegenseitig fertig macht. „Mobbing“ ist das Wort, das in aller Munde ist. Mit fiesen Methoden, oft weder für die Lehrer noch für mich sichtbar, werden Jugendliche ins Aus befördert. Auf ihnen wird herum gehackt. Du bist doch so und so. Du hast diese und jene Macke. Du siehst nicht gut aus. Mit dir will ich nichts zu tun haben, und die anderen sind auf meiner Seite. Viele gegen Wenige. Richtig brutal. Und diejenigen, die von anderen gemobbt werden, setzen das fort und suchen den nächsten Schwachen, die nächste Schwache. Ein Teufelskreis. Ein bisschen wie beim Pharisäer und beim Zöllner.

Ach, wenn Euch doch aus diesem Kreis die Liebe Gottes heraus holen könnte! Wenn Ihr das heute aufnehmen könntet: Ihr müsst es niemandem zeigen, wie toll Ihr seid! Ihr seid toll! Ihr seid großartige Menschen, weil Gott Euch liebt! Ohne jede Voraussetzung! Das kann Euch dazu befreien, auch an Euch selber zu glauben. Tausend Lasten können von Euch abfallen, weil Gottes Liebe das Wichtigste in Eurem, in unserem Leben ist. Das ist eine Kraft, die uns trägt und Mut macht für jeden Tag. Trauen wir uns doch, vor Gott und Menschen unsere Grenzen zuzugeben.

Natürlich sollen wir auch Pharisäer, Pharisäerin sein, unsere Gaben sehen und sie auch zeigen. Aber wir dürfen eben wissen, dass uns alles, aber auch wirklich alles, von Gott geschenkt ist. Wie der Zöllner können wir Gott unsere leeren Hände hin halten. Er wird sie füllen.

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