Im Gespräch mit einem Pharisäer

Manchmal ist es zum aus der Haut fahren.
Auch wenn ich diese nicht so einfach abstreifen kann, möchte ich platzen, bin ich nicht mehr bei mir, sondern ganz und gar außer mir.
Wut, Empörung, Verzweiflung treiben einen dazu, aus der Haut zu fahren, auch wenn in den siebziger Jahren das HB-Männchen in der Werbung ermahnte: aber, aber, wer wird denn gleich aus der Haut fahren.
Manchmal fühle ich mich nicht mehr wohl in meiner Haut, dann möchte ich gerne untertauchen, mich verstecken, oder aber mich in eine andere Person verwandeln.
Es gibt Menschen, die sind mit sich nicht nur nie zufrieden, sondern lernen es womöglich ein ganzes Leben nicht, sich zu akzeptieren mit den Stärken und Schwächen, die ich eben wie meine Haut nicht einfach abstreifen kann. Ich habe mich als Kind und Heranwachsender oft umgeschaut und mit anderen verglichen. Da gab es immer welche, die konnten vieles besser, sahen besser aus, waren erfolgreicher und manchmal habe ich überlegt, ob ich gerne tauschen , in die Haut eines anderen schlüpfen würde, um sein Leben zu leben. Ich bin dann aber meist doch zu dem Schluss gekommen, dass es schon gut ist, wie es ist.
Ich könnte mir gut vorstellen, dass Jesus auch in einer Situation ist, in der er gleich aus der Haut fahren könnte, weil da welche fromm taten und dabei nur auf andere herabblickten.
Aber er fährt nicht aus der Haut, sondern erzählt eine Geschichte, in der einer ganz froh ist, sein Leben nicht tauschen zu müssen, dafür aber getadelt wird.
Ich kann ja verstehen, dass einer sich nicht wohlfühlt in seiner Haut, – aber dass einer mit sich im reinen ist, erscheint mir zunächst nicht problematisch.
Was also will Jesus sagen?
Da sieht man es mal wieder, so sind die Pharisäer: selbstgerecht und selbstherrlich im Gegensatz zu dem wirklich zerknirschten Zöllner, den das rechte Schuldbewusstsein klein macht vor Gott und dem deshalb groß vergeben wird ?
Auch das wäre, zu glatt und zu einfach.
So schnell werden wir mit dieser Geschichte nicht fertig, wenn wir allen, die in ihr eine Rolle spielen, gerecht werden wollen.

Lieber Pharisäer, dir ist lang genug Unrecht getan worden, weil man dir pauschal als Pharisäer Heuchelei vorwarf.
Ich will dich in Schutz nehmen. Alles, was dich umtreibt, ist der Wunsch, Gott gefällig zu sein. Es ist schwer, all die Vorschriften und Gebote einzuhalten. Es ist schwer, Gott in seinem Alltag Raum zu geben und ihn nicht nur auf den Sabbat oder den Sonntag zu reduzieren. Wir kennen das. Da ist so viel um uns herum los, da stürzt soviel auf uns ein, dass wir gar nicht ständig an Gott denken können.
Du aber bemühst dich darum und weißt, dass es nicht allein an dir liegt. Du dankst ja Gott dafür. Ja, alles, was wir sind und was wir haben, ist ein Geschenk, ist Gnade, kommt von Gott.
Wie sollte ich dich für diese Einsicht tadeln !
Du lebst deinen Glauben, du praktizierst ihn.
Sicher, auch wir sind manchmal misstrauisch bei den ganz Frommen.
Wir beäugen sie, als wären sie Exoten, halten das alles für oberflächliches Gehabe. Dem Wohlhabenden, dem es gut geht, fällt es leicht fromm zu sein. Wer sein Geld nur mühsam verdienen kann, hat es da schon schwerer mit dem Frommsein und Fommbleiben.
Vielleicht bekommen wir auch ein schlechtes Gewissen, weil es uns nicht gelingt, so fromm zu sein, so intensiv zu glauben, sich so erkennbar und angreifbar zu machen. Aber dann schwingt auch ein bisschen Respekt mit und ein bisschen Neid: solchen Glauben hätte ich auch gerne. Aber auch der Glaube ist ja ein Geschenk, da reicht meine eigene Mühe nicht aus.
Keiner wirft dir vor, dass du dich nicht mit Räubern, Betrügern, Ehebrechern und Zöllnern gleich machst oder gar mit ihnen gemeinsame Sache. Das steht ausdrücklich im Gesetz.
Und Zöllner und Sünder sind ja Synonyme, austauschbar.
So wollte keiner sein !
So sollte auch keiner sein.
Und doch geht Jesus hart mit dir ins Gericht.
„Jener geht nicht gerechtfertigt in sein Haus.“
Jesus tadelt nicht dein Bemühen, deinen Glauben, deine religiöse Praxis, er holt nicht zur generellen und pauschalen Pharisäerschelte aus, obwohl ihr es ihm mit eurem Misstrauen nicht immer ganz einfach gemacht habt.
Er bemängelt, dass dir dein Glauben und dein Selbstbewusstsein schon genug ist: Er kritisiert dieses: „ich bin ok“, weil dabei der andere ganz und gar aus dem Blickfeld verloren geht. Du vergisst, dass deine eigenen, jetzt zum Beten geöffneten Hände von Gott immer neu gefüllt werden müssen. Du ruhst dich in deiner Sicherheit, auf der richtigen Seite zu stehen, aus. Bist du nicht bedürftig ?
Dem Glauben müssen doch auch Taten, Einstellungen, Leben folgen.
Du drehst dich im Kreis, aber nur um deine eigene Position: du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, ja, das haben wir gelernt, aber du sollst auch deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Beides kann ich doch gar nicht voneinander trennen.
Schau den Zöllner an.
Sicher, dass er bedürftig ist, steht außer Frage: ihm fehlt so ziemlich alles – außer Geld, davon hat er sich wohl genug ergaunert.
Das ist jedenfalls die gängige Vorstellung, die wir von Zöllnern haben.
Sie arbeiten mit den verhassten Römern zusammen, schlimm genug !
Aber sie betrügen an den Stadttoren auch noch die eigenen Landsleute und ziehen sie über den Tisch, um ihre eigenen Taschen zu füllen.
Matthäus und Zachäus sind zwei treffliche Beispiele dafür.
Aber hier begegnet mir tief ins Gebet versunken einer, dem aufgegangen ist, wie leer seine Hände sind, wie sehr er darauf angewiesen, dass Gott vergibt, dass all das nur Geschenk, nur Gnade sein kann. Hier ist alle falsche, trügerische Sicherheit verloren gegangen.
Ihm bleibt nicht mehr als die Bitte, die ins Ungewisse geht, ob sie denn erhört werden kann.
Das macht den Unterschied, dass du dich auf die Gnade verlässt und der Zöllner sie immer und immer wieder erfleht.
Ein Theologe des letzten Jahrhunderts hat einmal gesagt: es gibt keine billige Gnade, denn Gott hat sie mit dem Leben seines Sohnes teuer erkauft.
Es gibt auch unter uns Menschen, die verlassen sich zu leichtgläubig auf Gottes Gnade, als wäre sie nie in Gefahr, verloren gehen zu können.
Aber so ist es nicht.
Gottes Gnade will Tag für Tag erbeten werden, empfangen werden – dann kommt erst der Dank- und Lobgesang. Du fängst gleich damit.
Aber je mehr ich darüber nachdenke – gewissermaßen im Gespräch mit dir, dem auch all zu lange Unrecht getan wurde – desto deutlicher spüre ich. Eigentlich geht es auch gar nicht um den Pharisäer und den Zöllner.
Es geht um die namen- und gesichtslosen Zaungäste, um die, die meinen, fromm zu sein und auf ihre Zeitgenossen herab blicken.
Es geht womöglich am Ende um uns, die wir uns bemühen fromm zu sein.
Vielleicht will Jesus sehen, auf wessen Seite wir uns schlagen.
Dabei steckt wahrscheinlich in jedem von uns ein wenig von dir, dem Pharisäer, aber auch von dem Zöllner, auch wenn wir es nicht gerne zugeben.
Zu schnell verlassen wir uns darauf , dass alles so bleibt wie es ist und nicht immer wieder neu geschenkt werden will.
Zu oft kommen wir aus Gottes Haus und leben weiter wie bisher, als wenn nichts geschehen wäre – mit der trügerischen Sicherheit, dass wir Gott auf unserer Seite haben.
Zu oft schauen wir auf andere herab anstatt ihnen zu uns aufzuhelfen.
Aber manchmal spüren wir dann, dass unsere Hände leer sind und erst von Gott gefüllt werden müssen. Manchmal entdecken wir, dass wir nicht perfekt, sondern fehlerbehaftet, unvollkommen sind. Aber so dürfen wir zu Gott kommen und ihn um seine Gnade und Vergebung bitten. Ob wir diesen Blick in den Spiegel wagen ?
Amen

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